{"id":7300,"date":"2019-08-03T12:06:40","date_gmt":"2019-08-03T11:06:40","guid":{"rendered":"https:\/\/esperanto.berlin\/?page_id=7300"},"modified":"2020-11-15T00:26:27","modified_gmt":"2020-11-14T23:26:27","slug":"borgius1909","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/borgius1909\/","title":{"rendered":"Walther Borgius (1908) Warum ich Esperanto verlie\u00df."},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<h1 id=\"warum-ich-esperanto-verlie\u00df\" class=\"western\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-7313 alignright\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Borgius1908Titel.jpg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"401\" \/>Warum ich Esperanto verlie\u00df.<\/h1>\n<p class=\"western\">Eine Studie \u00fcber die gegenw\u00e4rtige Krisis und die Zukunft der Weltsprachen-Bewegung.<\/p>\n<p class=\"western\">Von Dr. Walther Borgius<\/p>\n<p class=\"western\">bisherigem Vizepr\u00e4sidenten der Ortsgruppe Berlin der Deutschen Esperanto-Gesellschaft<\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: medium;\">Berlin 1908 Druck und Verlag von Liebheit &amp; Thiesen.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Adresse W. Borgins, Gro\u00df-Lichterfelde bei Berlin, bin ich gern bereit, n\u00e4here Auskunft zu erteilen.<\/p>\n<p class=\"western\">W. Borgins, Gro\u00df-Lichterfelde, Lorenzstr. 65.<\/p>\n<h1 id=\"die-entstehung-der-krise\" class=\"western\">Die Entstehung der Krise.<\/h1>\n<p class=\"western\">Der III. Internationale Esperanto-Kongre\u00df, der im August dieses Jahres in Dresden abgehalten wurde und mit viel Geschick arrangiert und propagandistisch ausgen\u00fctzt worden ist, hat jetzt auch in Deutschland das Interesse f\u00fcr die Weltsprachenbewegung erheblich anwachsen lassen und dem Esperantismus einen erheblichen Zuwachs von Anh\u00e4ngern gebracht. Gleichzeitig aber hat sich innerhab der Esperantistenschaft selbst ein Zwiespalt entwickelt, der sich im gegenw\u00e4rtigen Augenblick bereits zu einer ausgesprochenen Krise ausgewachsen hat, und zwar \u00fcber die Frage, ob gewisse Reformen, die von vielen Seiten f\u00fcr unerl\u00e4\u00dflich gehalten werden, in die Sprache aufgenommen werden sollen oder nicht. Die Streitfrage ber\u00fchrt mich auch pers\u00f6nlich, sofern ich und vier andere Vorstandsmitglieder der Ortsgruppe Berlin der deutschen Esperantogesellschaft sich durch die reformfeindliche Haltung der Majorit\u00e4t, die durch den Dresdener Kongre\u00df endg\u00fcltig besiegelt wurde, uns veranla\u00dft gesehen haben, unsere \u00c4mter niederzulegen und unsere Kraft ganz in den Dienst des Reformesperanto zu stellen, das sich jetzt, unter der schlichteren Bezeichnung \u00bbInternaciona Linguo\u00ab (in amerikanischer Weise auch als \u00bbILO\u00ab abgek\u00fcrzt) neben dem primitiven Esperanto seine eigene Klientel geschaffen hat, und \u00fcberaus schnelle Fortschritte macht.<\/p>\n<p class=\"western\">Die hiermit eingetretene \u00bbSpaltung\u00ab der Bewegung wird von den fernerstehenden Kreisen vielfach als \u00bbder Anfahg vom Ende&#8221; aufgefa\u00dft und ist daher leicht geeignet, hemmend auf den Fortgang der Bewegung einzuwirken. Andererseits herrscht in den Kreisen der Esperantisten selbst vielfach gro\u00dfe Unklarheit oder doch ganz unzureichende Orientierung \u00fcber die eigentliche Sachlage; denn die esperantistischen Zeitschriften schweigen sich \u00fcber diese Dinge entweder vollst\u00e4ndig aus oder bringen doch nur recht einseitige und gef\u00e4rbte Informationen. Die Herausgeber esperantistischer Journale haben sich n\u00e4mlich auf dem sp\u00e4ter noch zu erw\u00e4hnenden I. Internationalen EsperantoKongre\u00df zu Boulogne sur Mer; auf welchem das Samenhofsche \u00bbFundamente\u00ab als \u00bbunver\u00e4nderliche Grundlage\u00ab der Sprache sanktioniert wurde, unterschriftlich auf nachstehende \u00bbDeklaration\u00ab verpflichten m\u00fcssen, an die sie nunmehr gebunden sind:<\/p>\n<p class=\"western\">\u201eDie Unterzeichneten Herausgeber esperantistischer Zeitschriften versprechen :<\/p>\n<ul>\n<li class=\"zitatzam-western\">In ihren Organen die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Korrektheit der Sprache anzustreben und den Regeln und dem Fundament der Samenhofschen Sprache Esperanto gehorsam zu sein (obeadi),<\/li>\n<li class=\"zitatzam-western\">Jede Handlung und jede Diskussion zu unterlassen, die darauf hinausl\u00e4uft, die Samenhofsche Sprache irgendwie zu ver\u00e4ndern,<\/li>\n<li class=\"zitatzam-western\">Nur solche B\u00fccher, Zeitschriften oder sonstige Publikationen zu empfehlen, die gleichfalls den Regeln und dem Fundament der Samenhofschen Sprache gehorchen, und, wenn sie \u00fcber andere berichten, mindestens ihre unannehmbaren Seiten darzulegen.&#8221; (!)<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"western\">Aus diesen beiden Gr\u00fcnden scheint es mir richtig, durch eine besondere Brosch\u00fcre sowohl den Esperantisten als der breiten \u00d6ffentlichkeit eine gedr\u00e4ngte Darstellung von der eigentlichen Sachlage zu geben.<\/p>\n<p class=\"western\">Zun\u00e4chst eine kurze historische Erkl\u00e4rung ihres Entstehens: Das Esperanto ist in den achtziger Jahren von dem Warschauer Augenarzt Dr. L Samenhof) erdacht und nach mehrj\u00e4hrigen Erprobungen und Ver\u00e4nderungen im engeren Freundeskreise, 1887 unter dem Pseudonym Dr. Esperanto (\u00bbder Hoffende\u00ab; daher der Kriegsname der Sprache) ver\u00f6ffentlicht worden. Es hat in den ersten zehn Jahren \u2014 nicht zuletzt wohl infolge des damaligen Zusammenbruchs des Volap\u00fck, das anf\u00e4nglich so gro\u00dfe Hoffnungen erweckte, \u2014 \u00e4u\u00dferst geringe Fortschritte gemacht. Nicht mit Unrecht schob man dies mit auf gewisse sprachtechnische M\u00e4ngel des Esperanto, die sich bald herausstellten. Und schon im Jahre 1894 beabsichtigte Samenhof deren Abstellung durch eine Reihe ganz \u00e4hnlicher Reformen wie die heutigen. Er ver\u00f6ffentlichte sie im N\u00fcrnberger \u00bbEsperantisto\u00ab, lie\u00df sich aber leider zu dem Experiment einer Abstimmung verleiten, die, wennschon mit schwacher Majorit\u00e4t, gegen Reformen ausfiel, und zog darauf seine Antr\u00e4ge zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"western\">Um die Wende des neuen Jahrhunderts begann das Esperanto dann lebhaftere Fortschritte zu machen, zum gro\u00dfen Teil dank dem Wirken zweier M\u00e4nner: Marquis de Beaufront in Frankreich (seit 1898) und Geheimrat Professor Ostwald in Deutschland (seit 1903). (Es ist charakteristisch, da\u00df diese beiden heute in erster Reihe der Reformer stehen.)<\/p>\n<p class=\"western\">Au\u00dferdem wurde am 17. Januar 1901 anl\u00e4\u00dflich der Weltausstellung in Paris von einem r\u00fchrigen und eifrigen Esperantisten, Professor Dr. Leau in Paris, aus den Delegierten verschiedener damals in Paris tagender internationaler Kongresse eine \u00bbDelegation pour l\u2019Adoption d&#8217;une Langue Auxiliaire Internationale\u00ab ins Leben gerufen, welche die Aufgabe haben sollte, alle die existierenden (insgesamt etwa 60) Weltsprachenentw\u00fcrfe sorgf\u00e4ltig zu pr\u00fcfen und wenn sich einer derselben als wirklich praktisch brauchbar erwiese, f\u00fcr dessen Realisierung zu wirken. Dieser Delegation schlossen sich im Laufe der Jahre 1250 Gelehrte und 310 Vereinigungen verschiedenster Art aus aller Herren L\u00e4nder an. Als Ergebnis ihrer Studien ver\u00f6ffentlichten die beiden Sekret\u00e4re der Delegation, Prof. Leau und Prof. Couturat, ein umfangreiches Werk \u00bbL&#8217;Histoire de la Langue Universelle\u00ab mit einem Nachtrag \u00bbLes Nouvelles Langues Internationales\u00ab. Im Herbst 1907 trat dann das Sprachkomitee der Delegation) zu einer l\u00e4ngeren m\u00fcndlichen Tagung (15. \u2014 24. Oktober) im Coll\u00e9gue de France in Paris zusammen. Es bestand aus den Universit\u00e4tsprofessoren:<\/p>\n<ul>\n<li class=\"text-liste-western\">Manuel C. Barrios-Lima (Pr\u00e4sident des Senates von Peru),<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">J. Baudouin de Courtenay &#8211; Petersburg,<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">Rektor Emile Boirac &#8211; Dijon<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">Ch. Bouchard-Paris (Mitglied der franz\u00f6sischen Akademie der Wissenschaften),<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">R. E\u00f6tv\u00f6s-Budapest, Mitglied der Ungar. Akademie der Wissenschaften),<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">Geheimrat W. F\u00f6rster &#8211; Berlin,<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">Otto Jespersen-Kopenhagen (Mitglied der d\u00e4nischen Akademie der Wissenschaften),<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">S. Lambros &#8211; Athen,<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">C. le Paige &#8211; L\u00fcttich (Direktor der Klasse der Wissenschaften der Kgl. belgischen Akademie),<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">Geheimrat W. Ostwald-Leipzig (Mitglied der Kgl. s\u00e4chsischen Gesellschaft der Wissenschaften),<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">Peano &#8211; Turin,<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">Hugo Schuchardt &#8211;\u00a0 Graz (Mitglied der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften zu Wien),<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">L. Leau\u00a0 &#8211; Paris und<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">Louis Couturat &#8211; Paris,<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">sowie dem Herausgeber der North-American Review G. Harvey &#8211; New-York.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"western\">ln 18 Sitzungen wurden alle wichtigeren und seri\u00f6seren Projekte nochmals nachgepr\u00fcft, ihre Vorz\u00fcge und M\u00e4ngel er\u00f6rtert und ihre Autoren oder Vertreter derselben m\u00fcndlich angeh\u00f6rt. Dabei ergab es sich, da\u00df zwar Esperanto als allein ernstlich in Frage kommend anerkannt wurde, da\u00df aber doch die vorhandenen Unvollkommenheiten desselben seine Annahme ausgeschlossen erscheinen lie\u00dfen. Angesichts dieser Situation griff der Vertreter Samenhofs vor der Delegation, Marquis de Beaufront, um die Annahme des Esperanto durch die Delegation zu erm\u00f6glichen, zu einem Mittel, das in der Form vielleicht ungeschickt war, sachlich sich jedoch als \u00bbrettende Tat\u00ab erwies: Er lie\u00df dem Sprachkomitee ein neuestes Sprachprojekt, das sich als ein reformiertes Esperanto einf\u00fchrte und dessen Autor er selbst war, unter dem Pseudonym \u00bbIdo\u00ab (Abk\u00f6mmling) vorlegen. Das Komitee fand in diesem alle die M\u00e4ngel, die ihr das Esperanto unannehmbar gemacht hatten, geschickt abgestellt und fa\u00dfte demgem\u00e4\u00df einstimmig folgenden Beschlu\u00df:<\/p>\n<ul>\n<li class=\"text-liste-western\">\u00abLe Comite a decide d\u2019adopter en principe l&#8217;Esperanto, en raison de sa perfection relative et des applications nombreuses et variees auxquelles il a d\u00a3j\u00e4 donne lieu, sous la reserve de certaines modifications a executer par la Commission permanente dans le sens defini par les conclusions du rapport des secretaires et par le projet de \u00abIdo\u00ab, en cherchant \u00e4 s&#8217;entendre avec le comite linguistique esperantiste.&#8221;<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"western\">Dieses \u00bbLingva Komitato\u00ab, die einzig zust\u00e4ndige Stelle, an welche die Delegation sich in der Angelegenheit wenden konnte, hat nun leider den unter allen Umst\u00e4nden unverantwortlichen und verh\u00e4ngnisvollen Fehler begangen, sich jeder Verst\u00e4ndigung mit der Delegation zu entziehen. Ich sehe vollkommen davon ab, zu untersuchen, ob und welche pers\u00f6nlichen Zerw\u00fcrfnisse oder vielleicht auch sachlichen Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse in der Folge mitgespielt haben. Tatsache ist, da\u00df auch wiederholte Versuche, einen Ausgleich herbeizuf\u00fchren, sowohl beim Sprachkomitee, wie bei Dr. Samenhof selbst, den man nat\u00fcrlich von vornherein verst\u00e4ndigt hatte, absolut fruchtlos blieben und schlie\u00dflich durch ein, jedes Eingehen auf etwaige Reform Vorschl\u00e4ge rund ablehnendes offenes Schreiben Samenhofs \u00bbAn alle Esperantisten\u00ab die letzten Aussichten auf ein Zusammengehen der esperantistischen Organisastion mit der Delegation begraben wurden. Die Delegation selbst, die man Jahre hindurch \u2014 in der bestimmten Erwartung, da\u00df sie sich uneingeschr\u00e4nkt f\u00fcr Esperanto erkl\u00e4ren w\u00fcrde, \u2014 \u00fcber den gr\u00fcnen Klee gelobt und als Ausbund wissenschaftlicher Autorit\u00e4t und internationaler gesellschaftlicher Bedeutung in den Himmel gehoben hatte, war jetzt mit einem Male \u201eein Gr\u00fcppchen einflu\u00dfloser Outsiders und Privatpersonen\u201c, der man \u00fcberhaupt jedes Recht absprach, M\u00e4ngel am Esperanto zu tilgen oder Reformvorschl\u00e4ge irgend welcher Art zu machen. Angesichts dieser Sachlage entschlo\u00df sich die Delegation, das (in einigen unwesentlichen Punkten nachtr\u00e4glich noch korrigierte) Reformesperanto unter gleichzeitiger Nachpr\u00fcfung und teilweiser Verbesserung des Esperanto-W\u00f6rterbuches nunmehr auf eigene Hand zu propagieren, und zwar unter der oben erw\u00e4hnten Bezeichnung \u00bbInternaciona Linguo\u201c, teils aus loyaler R\u00fccksichtnahme auf die esperantistischen F\u00fchrer, die \u2014 wennschon ohne jede Berechtigung \u2014 das Weiterf\u00fchren des Ausdrucks Esperanto f\u00fcr den reformierten Dialekt als ein Man\u00f6ver unlauteren Wettbewerbs hinstellten, teils weil \u00fcberhaupt eine solche sachliche Benennung richtiger erscheint wie der Gebrauch eines kabbalistischen Phantasienamens.<\/p>\n<p class=\"western\">Soviel \u00fcber die Vorgeschichte der \u00bbSpaltung\u201c.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Die wesentlichen M\u00e4ngel des Esperanto und die Reformen der Delegation.<\/h2>\n<p class=\"western\">Untersuchen wir nun einmal die Frage: Welches sind denn die konstitutiven M\u00e4ngel des Esperanto, deren Tilgung notwendig erschien, um die Sprache wirklich zur internationalen Hilfssprache geeignet zu machen?<\/p>\n<p class=\"western\">Die wesentlichen M\u00e4ngel des Esperanto und die Reformen der Delegation.<\/p>\n<p class=\"anmerkung-western\">Die ausf\u00fchrliche Darstellung wird \u00fcbergangen. Dazu gibt es reichlich Literatur bei Interlinguisten<\/p>\n<ul>\n<li class=\"text-liste-western\">Die Akzente<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">Die aj und oj<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">Die \u00bbtabelo de pronomoj\u00ab<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">Der Akkusativ<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">Unklarheit der Wortableitung<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">Unzureichende Internationalit\u00e4t der Wortst\u00e4mme<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"western\">Dies sind die wesentlichen Punkte, die beim Esperanto als sprachtechnische M\u00e4ngel bezeichnet werden mu\u00dften, und gleichzeitig die wesentlichen Punkte der Reform. Die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit, ja Notwendigkeit der Reform liegt in allen diesen Punkten nach meiner \u00dcberzeugung so offenkundig auf der Hand, da\u00df man sich immer wieder nur fragen kann: Wie kommt es eigentlich, da\u00df die Esperantisten diese au\u00dfergew\u00f6hnlich g\u00fcnstige Gelegenheit, die sich ihnen bot, ihre Sprache von den letzten Schlacken des Volap\u00fckismus zu reinigen (denn darum handelt es sich im Prinzip) und gleichzeitig eine so angesehene und einflu\u00dfreiche internationale Organisation zur Hilfstruppe zu gewinnen, \u2014 da\u00df sie diese Gelegenheit nicht nur ungenutzt vor\u00fcber gehen lie\u00dfen, sondern es durch schroff abweisende Behandlung der Delegation sogar dahin kommen lie\u00dfen, da\u00df diese nun auf eigene Hand vorging und dem alten Esperanto mit dem neuen Esperanto eine verh\u00e4ngnisvolle Konkurrenz macht?<\/p>\n<h1 id=\"der-orthodoxismus-der-esperant\" class=\"western\">Der Orthodoxismus der Esperantisten und seine Gr\u00fcnde.<\/h1>\n<p class=\"western\">Ganz werden sich die Motive und Einfl\u00fcsse, die hier mitgespielt haben, wohl niemals kl\u00e4ren lassen. Immerhin k\u00f6nnen wir zwei Hauptgruppen von Ursachen unterscheiden, die sich ihrerseits wieder auf ein und dieselbe letzte Ursache zur\u00fcckf\u00fchren lassen. Diese letzte Wurzel des heutigen Zerw\u00fcrfnisses ist das von vornherein taktisch falsche Vorgehen des Dr. Samenhof und seiner Freunde, wodurch sie sich selbst die Ketten geschmiedet haben, in denen sie heute liegen.<\/p>\n<h2 id=\"agitatorische-massenwerbung-st\" class=\"western\">Agitatorische Massenwerbung statt wissenschaftlicher Pr\u00fcfung.<\/h2>\n<p class=\"western\">Vergegenw\u00e4rtigen wir uns die Situation der WeltsprachenBewegung zu der Zeit, wo Herr Dr. Samenhof mit seinem Entwurf als pseudonymer Dr. Esperanto an die \u00d6ffentlichkeit trat: Damals war das Volap\u00fck auf dem H\u00f6hepunkt seiner Entwicklung. Es hatte nach der Sch\u00e4tzung seiner Freunde ann\u00e4hernd eine Million Anh\u00e4nger. Es verf\u00fcgte \u00fcber etwa drei\u00dfig Zeitschriften in allen L\u00e4ndern der Welt, es hatte drei gro\u00dfe internationale Kongresse hinter sich. Kurz, es befand sich im ganzen etwa auf dem gleichen Stande, wie heute das Esperanto. Auch damals waren die besonneneren Kreise der Volap\u00fckisten sich dar\u00fcber klar, da\u00df dieses gro\u00dfe und verh\u00e4ngnisvolle sprachliche M\u00e4ngel hatte, \u2014 freilich noch viel tiefergehende und prinzipiellere, als das Esperanto \u2014, und da\u00df man im Volap\u00fck, wenn es wirklich einmal Weltsprache werden sollte, einschneidende Reformen vornehmen m\u00fcsse. Auch damals legte der Erfinder der Sprache, Pastor Schleyer, im entscheidenden Moment sein Veto ein und seine Getreuen riefen ihr \u00bbNi restas fidelaj\u00ab (Wir bleiben treu). So verlief sich die Reformbewegung zun\u00e4chst im Sande. Ihre letzten Ausl\u00e4ufer sind die Kreise, die sich heute um das \u2014 vom Volap\u00fck freilich himmelweit verschiedene \u2014 Idiom Neutral scharen. Sie haben bei dessen Ausarbeitung immerhin mancherlei recht beachtenswerte Gesichtspunkte festgelegt, die teilweise gerade auch in der Reformaktion der Delegation von ma\u00dfgebendem Einflu\u00df gewesen sind. (Zu letzteren geh\u00f6rt beispielsweise die Verwendung und Aussprache von j, y und sh im Alphabet, ferner die Deklination mit de und a ohne grammatischen Akkusativ und mit der Endung -i im Plural, die neuen Suffixe -oza und -atra, die Unver\u00e4nderlichkeit des Adjektivs, die Methode der Pr\u00fcfung des W\u00f6rterbuches nach dem Gesichtspunkt der Internationalit\u00e4t etc.). Ich f\u00fchre dies hier nur an, um zu zeigen, da\u00df rationelle wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiet nicht verloren geht, auch wenn ein augenblicklicher sichtbarer Erfolg nicht eintritt; der Weltsprachen-Bewegung als ganzes kommt sie doch zugute.<\/p>\n<p class=\"western\">H\u00e4tte nun Samenhof sich damals begn\u00fcgt, in gleicher Weise auf Grund seines Esperanto wissenschaftlich an dem Zustandekommen der endlichen Weltsprache zu arbeiten, wie dies die Reform-Volap\u00fckisten, Dr. Rosenberger und seine \u201eInternationale Sprachakademie&#8221; in der Folge auf Grund des Volap\u00fck taten &#8211; h\u00e4tte er, wie dies jeder seri\u00f6se Wissenschaftler mit seinen Entdeckungen und Erfindungen macht, diese den engeren Kreisen sachverst\u00e4ndiger Interessenten zur Kenntnisnahme, Pr\u00fcfung und Kritik vorgelegt: \u201eHier habt ihr die Frucht meiner Arbeiten! Seht sie euch an! Sagt eure Meinung dazu! La\u00dft mich eure Einw\u00e4nde und Bedenken, eure Vorschl\u00e4ge zur Verbesserung und Erg\u00e4nzung h\u00f6ren! Wir wollen dann sehen, ob und wie wir im Laufe der Jahre das Werk so vollkommen gestalten, da\u00df es jeder Belastungsprobe gen\u00fcgt und allen Anforderungen des praktischen Gebrauches entspricht&#8221;, \u2014 wenn Samenhof so gesprochen und gehandelt, wenn er sich darauf beschr\u00e4nkt h\u00e4tte, eine \u201eStudiengesellschaft&#8221; der Esperantisten ins Leben zu rufen, dann h\u00e4tte diese vermutlich, in freundschaftlicher Zusammenarbeit mit den Reformvolap\u00fckisten, schon nach verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kurzer Zeit einen Weltspracheentwurf zustande gebracht, der sich als praktisch einwandsfrei erwiesen h\u00e4tte; und zwar ist hundert gegen eins zu wetten, da\u00df dieser der heutigen \u00bbInternaciona Linguo\u00ab der Delegation mindestens \u00e4u\u00dferst \u00e4hnlich gesehen h\u00e4tte.<\/p>\n<p class=\"western\">Urspr\u00fcnglich hat Samenhof auch offenbar ein derartiges Vorgehen im Sinn gehabt. Dem ersten sogenannten \u00bbVollst\u00e4ndigen Lehrbuch\u00ab, das 1887 zu Warschau erschien, schickte er eine 33 Seiten lange Vorrede voraus, in der sich u. a. folgender interessanter Passus befindet:<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">Ich bin weit entfernt zu behaupten, da\u00df die von mir projektierte Sprache vollkommen sei, und da\u00df es nichts besseres geben k\u00f6nne; ich habe jedoch nach besten Kr\u00e4ften gestrebt, all den Forderungen gerecht zu werden, die man an eine internationale Sprache stellen kann, und nur, nachdem es mir gelungen ist, alle von mir gestellten Aufgaben zu l\u00f6sen, habe ich mich entschlossen, mit diesem Werke vor die \u00d6ffentlichkeit zu treten. Ich bin aber nur ein Mensch, ich kann mich irren, kann irgend einen unverzeihlichen Fehler begangen haben, kann etwas \u00fcbersehen haben, was f\u00fcr die Sprache von der gr\u00f6\u00dften Wichtigkeit w\u00e4re. Von diesen Gr\u00fcnden bewogen, und ehe ich zur Herausgabe von vollst\u00e4ndigen W\u00f6rterb\u00fcchern, Zeitschriften, B\u00fcchern usw. schreite, habe ich mich entschlossen, mein Werk auf den Zeitraum eines Jahres dem Urteil des Publikums zu \u00fcbergeben, mit dem Ersuchen an alle Gebildeten, mir ihre Meinung \u00fcber dieses Werk nicht vorenthalten zu wollen. M\u00f6ge mir jeder schriftlich mitteilen, was er zu \u00e4ndern, zu verbessern, zu erg\u00e4nzen usw. f\u00fcr n\u00f6tig findet. Aus den mir zugesandten Meinungen werde ich dankbar solche mir zu Nutzen machen, die sich in der Tat und unzweifelhaft als n\u00fctzlich erweisen werden.<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">Nach diesen m\u00f6glichen Ver\u00e4nderungen, die ich in diesem Falle in einer besonderen Brosch\u00fcre zu ver\u00f6ffentlichen gedenke, wird die Sprache eine endg\u00fcltige, feste Form erreichen. Sollten auch diese Verbesserungen jemandtm noch als unzul\u00e4nglich erscheinen, so vergesse er nicht, da\u00df die Sprache auch k\u00fcnftighin allen m\u00f6glichen Verbesserungen nicht verschlossen sein wird, mit dem einzigen Unterschiede, da\u00df dieselben nicht mehr vom Verfasser ausgehen werden, sondern von einer kompetenten und allgemein anerkannten speziellen Akademie f\u00fcr die Sprache. Es ist schwer, eine internationale Sprache zu schaffen und vielleicht noch schwerer, sie einzuf\u00fchren, und deshalb mu\u00df unser Augenmerk haupts\u00e4chlich auf diesen Umstand gerichtet werden. Hat sich die Sprache einmal eingeb\u00fcrgert, ist sie im allgemeinen Gebrauche, so wird sich schon von selbst eine kompetente, allgemein anerkannte Akademie bilden, welche nach und nach, fast unbemerkbar, alle notwendigen Verbesserungen einf\u00fchren wird, sollte sogar die Sprache mit der Zeit bis zur Unkenntlichkeit ver\u00e4ndert werden. Aus diesem Grunde ersuche ich ergebenst die geehrten Leser, die an dieser internationalen Sprache etwas auszusetzen h\u00e4tten, mir nur dann ihren Protest statt des Versprechens zusenden zu wollen, wenn sie dazu ernste Gr\u00fcnde h\u00e4tten, n\u00e4mlich wenn sie an der Sprache solche Grundfehler finden m\u00f6chten, die ihrer Ansicht nach in der Zukunft nicht verbessert werden k\u00f6nnten.\u00ab<\/p>\n<p class=\"western\">Leider blieb nun gerade in jenem ersten Jahre und auch weiterhin noch ziemlich lange sein Werk fast ganz unbeachtet, soda\u00df die erwarteten Zuschriften ausblieben. So sah denn Samenhof und seine Freunde die erste Notwendigkeit in einer Agitation und Massenwerbung f\u00fcr das Esperanto. Und die einzige \u00c4nderung, die er seitdem vorgenommen hat, war die Um\u00e4nderung der Formen tian und kian (wann und dann) in tiam und kiam, weil er nachtr\u00e4glich dahinter kam (!!), da\u00df die urspr\u00fcnglichen Formen ja identisch seien mit den Akkusativen von kia und tia (welcher und solcher).<\/p>\n<p class=\"western\">Aber in dem Ma\u00dfe, wie nun im Laufe der Jahre die Anh\u00e4ngerschaft wuchs, wie mehr und mehr verschiedene Nationen sich an ihr beteiligten, h\u00e4uften sich dann allerdings bald die Klagen \u00fcber die unleugbaren M\u00e4ngel der Sprache und immer wieder erhob sich die Frage, ob man nicht auf Grund der durch die praktische Erfahrung gewonnenen Einsichten erst noch einmal das Esperanto einem gro\u00dfen Fr\u00fchjahrsreinemachen unterwerfen m\u00fcsse, ehe man sich anschicke, endg\u00fcltig die Welt zu erobern. Schon damals waren es fast vollst\u00e4ndig dieselben Anst\u00e4nde, die uns heute den Ansto\u00df zur Reform gegeben haben: Die akzentuierten Buchstaben, der grammatische Akkusativ, die Pluralendung -oj, die Flexion des Adjektivs, demgem\u00e4\u00df \u00c4nderung des Infinitifs und der Personalpronomina, die Tabelle der Pronomina, die teilweise mangelhafte Auswahl oder Formung der Wortst\u00e4mme im W\u00f6rterbuch. Sogar die im N\u00fcrnberger \u00bbEsperantisto\u00ab im Jahre 1894 ver\u00f6ffentlichten Ab\u00e4nderungsvorschl\u00e4ge Samenhofs, der sich der grunds\u00e4tzlichen Berechtigung jener Bedenken nicht verschlie\u00dfen konnte, deckten sich zu ganz erheblichem Teile mit den heute von der Delegation tats\u00e4chlich vorgenommenen Reformen. Allein: \u201eDas erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte&#8221;! Man war schon zu weit gegangen, um jetzt noch einmal zur\u00fcckzuk\u00f6nnen. Das Schwergewicht der \u00bbGefolgschaft\u00ab hing schon zu l\u00e4hmend an ihm. \u2014 \u00bbDie ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los\u00ab. Man verlangte Abstimmung, wie schon oben bemerkt. Und diese ergab, da\u00df sich von den 264 damaligen Esperantisten \u2014 unter denen drei Viertel Slawen, dagegen Romanen und Engl\u00e4nder noch so gut wie gar nicht waren, \u2014 157 gegen und nur 107 f\u00fcr die Reform erkl\u00e4rten, worauf Dr. Samenhof seine Antr\u00e4ge zuz\u00fcckzog.<\/p>\n<p class=\"western\">Es mu\u00df ausdr\u00fccklich hervorgehoben werden, da\u00df er sich damals durchaus nicht als sachlich widerlegt ansah, sondern die Reformaktion, deren Notwendigkeit er eingesehen hatte, nur als aufgeschoben betrachtete. Er schrieb hier\u00fcber w\u00f6rtlich im Novemberheft des \u00bbEsperantisto&#8221;:<\/p>\n<p class=\"western\">\u00abManche meinen, da\u00df die gefallene Entscheidung f\u00fcr immer eine \u00c4nderung in unserer Sprache ausschlie\u00dft und sie f\u00fcr immer starr macht. Das ist ein Irrtum. Denn jedermann wird ja wohl verstehen, da\u00df wir, eine kleine Gruppe von Menschen, nicht eine Entscheidung f\u00fcr immer f\u00e4llen k\u00f6nnen in einer Angelegenheit, an der, wie ich hoffe, sp\u00e4ter gro\u00dfe Mengen anderer Menschen sich beteiligen werden. Die Mehrzahl votierte, da\u00df aus verschiedenen Gr\u00fcnden iin gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt nichts an der Sprache ge\u00e4ndert werden soll; ob man aber sp\u00e4ter einmal \u00c4nderungen vornehmen wird oder nicht, dar\u00fcber entscheiden nicht wir und k\u00f6nnen gar nicht wir entscheiden.*<\/p>\n<p class=\"western\">Aber im Lauf der Zeit wandelte sich sein Sinn. Die \u00bbBedenken\u00ab der guten Freunde, es werde \u00fcber die Reform keine Einigung zu erzielen sein, und man somit nur das bereits Gewonnene wieder aufs Spiel setzen, machten ihn immer konservativer. So schrieb er bereits im Februar 1896 an Trompeter (einen der damaligen Reformisten), der Mi\u00dferfolg des Reformvorschlags von 1894 sei einmal darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, da\u00df es \u00bbsoviel verschiedene Meinungen wie K\u00f6pfe\u00ab gebe, andererseits darauf, da\u00df die Liga der Anh\u00e4nger \u00bbkeine zureichende Autorit\u00e4t bes\u00e4\u00dfe, um die k\u00fcnftigen Esperantisten zu verpflichten\u00ab, und diese Einsicht habe ihn konservativ gemacht.<\/p>\n<p class=\"western\">Eine merkw\u00fcrdige Argumentation! Denn erstens hatten von den 107 Reformisten sich 11 unbedingt und 93 in allen wesentlichen Punkten mit seinen Vorschl\u00e4gen einverstanden erkl\u00e4rt; nur drei Stimmen waren f\u00fcr andere als die vorgeschlagenen Reformen eingetreten. Zweitens kann die Anh\u00e4ngerschaft eines bestimmten Zeitpunktes allerdings nicht alle zuk\u00fcnftigen Esperantisten auf die von ihr adoptierten Reformen verpflichten, aber doch ebensowenig nat\u00fcrlich auf die von ihr adoptierte Urform der Sprache. Es ist daher direkt widersinnig, wenn sich heute die Konservativen auf den damaligen Ausfall der Abstimmung als Argument gegen die Vornahme von Reformen \u00fcberhaupt berufen.<\/p>\n<p class=\"western\">Indes dies nebenbei! Tatsache ist, das Samenhof immer konservativer wurde und sich allm\u00e4hlich in den rosigen Glauben wiegen lie\u00df, sein Esperanto, so, wie es nun einmal der \u00d6ffentlichkeit vorlag, sei vollkommen und makellos und un\u00fcbertrefflich; man brauche sich daher mit keiner kritischen Nachpr\u00fcfung und eventuellen \u00c4nderung von Einzelheiten mehr aufzuhalten. Esperanto telle quelle sei der lang gesuchte Stein der Weisen. Es gelte demnach einzig und allein, die n\u00f6tige Reklame daf\u00fcr zu machen und eine gro\u00dfe blindergebene Gefolgschaft daf\u00fcr zu gewinnen. Dann werde die Wucht der Bewegung alle widerstrebenden Elemente \u00fcberw\u00e4ltigen und selbst die Regierungen zur Kapitulation zwingen.<\/p>\n<h2 id=\"konservative-tendenz-als-nat\u00fc\" class=\"western\">Konservative Tendenz als nat\u00fcrliche Stimmung der Massen.<\/h2>\n<p class=\"western\">Warum erkl\u00e4rte sich nun die Mehrheit damals gegen die Reform, wenn deren Notwendigkeit doch von gewichtigen Stimmen f\u00fcr notwendig erkl\u00e4rt und von dem verehrten \u00bbMeister\u00ab selbst bef\u00fcrwortet wurde? Aus genau denselben psychologischen Gr\u00fcnden, die das Gros der heutigen Esperantisten konservativ machen, \u2014 aus psychologischen Momenten, deren Schaffung eine unentrinnbare Konsequenz der agitatorisch &#8211; organisatorischen Sachbehandlung (an Stelle der kritisch-wissenschaftlichen) war.<\/p>\n<p class=\"western\">Zun\u00e4chst spielt hier ein materieller Gesichtspunkt eine nicht zu untersch\u00e4tzende Rolle: Jede Massenbewegung braucht Literatur. So brauchte die Bewegung zur Ausbreitung des Esperanto erstens agitatorische Schriften, welche die Trefflichkeit des Esperanto preisen und nachzuweisen suchen, \u2014 um so mehr, als es sich gegen das zur Zeit seiner Geburt \u00fcberm\u00e4chtige Volap\u00fck emporzuarbeiten hatte. Sie brauchte weiter Grammatiken und W\u00f6rterb\u00fccher f\u00fcr Sch\u00fcler aller Kultursprachen. Sie brauchte drittens Lesestoff, d. h. \u00dcbersetzungen unterhaltender, wissenschaftlicher und anderer Werke. Sie brauchte endlich Zeitschriften als Organe der zahlreichen sowohl territorialen, wie fachlichen Esperantovereine, die nun als \u00e4u\u00dferlicher Erfolg und gleichzeitig als Tr\u00e4ger der Propaganda allenthalben ins Leben gerufen wurden. Diese ganze Esperanto-Literatur aber kostete erhebliche Summen Geldes, und die Verleger, die \u2014 in der zuversichtlichen Hoffnung auf sp\u00e4tere Schadloshaltung durch die weitere Entwicklung der Bewegung \u2014 zun\u00e4chst einmal opferfreudig ihr Geld in diese Unternehmungen investiert hatten, sahen sich nun vor die Eventualit\u00e4t gestellt, da\u00df diese ganze mit gro\u00dfen Opfern von ihnen geschaffene Literatur mit einem Schlage wertlos w\u00fcrde, wenn die Sprache nennenswerten Reformen unterworfen w\u00fcrde. Dasselbe galt nat\u00fcrlich auch von den Autoren und \u00dcbersetzern der in Betracht kommenden Werke. Kein Wunder also, da\u00df zun\u00e4chst diese Kreise jedem Ansinnen auf sprachliche Reformen eine tiefgehende Abneigung entgegenbrachten und bringen. Da aber begreiflicherweise in einer derartigen Bewegung die Verleger und Schriftsteller einen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig starken geistigen Einflu\u00df auf die \u00fcbrige Mitl\u00e4uferschaft aus\u00fcben, so erkl\u00e4rt sich schon hieraus ein wesentlicher Teil des in der gro\u00dfen Masse sich zeigenden Widerstandes gegen die Reformbestrebungen.<\/p>\n<p class=\"western\">Dazu kommt nun zweitens der Charakter jener Anh\u00e4ngerschaft selbst: Es liegt in der Natur der Sache, da\u00df jede gro\u00dfe neue Idee, ganz besonders aber, wenn sie den Stempel der \u00bbWeltverbesserung\u00ab an sich tr\u00e4gt, zuerst allenthalben das Geschlecht der Schw\u00e4rmer, Phantasten und Fanatiker anzieht, w\u00e4hrend die kritischen und n\u00fcchternen K\u00f6pfe sich zun\u00e4chst skeptisch verhalten, mindestens vor der Hand abwartend im Hintergrund bleiben. Die Verquickung des n\u00fcchternen Hilfssprachenprojektes mit allen m\u00f6glichen \u00fcberschwenglichen Ideen von V\u00f6lkerverbr\u00fcderung und ewigem Frieden, das Gerede vom \u00bbinternen Geist\u00ab des Esperanto, die sentimentale \u00bbEsperantohymne\u00ab die Fahnen und Abzeichen mit dem hoffnungsgr\u00fcnen F\u00fcnfstern im wei\u00dfen Felde, das gro\u00dfe Kontingent weiblicher Mitglieder etc. tat ein \u00fcbriges. Kurz, schon die erste Gefolgschaft Samenhofs und bis zum heutigen Tage die \u00bbEsperantistaro\u00ab setzte sich zum weitaus \u00fcberwiegenden Teile aus Leuten zusammen, die zwar wohlmeinende, begeisterte Herzen haben, aber verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wenig zu k\u00fchler und n\u00fcchterner Beurteilung des Gegenstandes ihrer Liebe imstande sind. \u00dcberdies entbehren sie meist des erforderlichen Ma\u00dfes von fachlicher Bildung und wissenschaftlichem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr linguistische Fragen, um die sprachlichen M\u00e4ngel des Esperanto zu begreifen. Sie verg\u00f6ttern den \u00bbkara majstro\u00ab, mit dem tats\u00e4chlich noch bis zum heutigen Tage vielfach ein reiner G\u00f6tzendienst getrieben wird, und sehen in jedem, der an dessen Werke Ausstellungen zu machen sich erk\u00fchnt, einen geh\u00e4ssigen N\u00f6rgler und Besserwisser, der sich nur wichtig machen will oder versteckte selbsts\u00fcchtige Ziele verfolgt.<\/p>\n<p class=\"western\">Sie haben aber weiter auch unter pers\u00f6nlichen Opfern von Zeit und Anstrengung Jahre hindurch sich dem Studium des Esperanto gewidmet und es darin vielleicht zu einer gewissen Fertigkeit gebracht. Wurden jetzt Reformen eingef\u00fchrt, dann war alle diese Liebesm\u00fche vergeblich gewesen, dann konnten sie sich auf die Hosen setzen und von neuem zu lernen anfangen; und eine einmal gelernte Sprache in neuer reformierter Form zu lernen, ist mindestens kein Genu\u00df.<\/p>\n<p class=\"western\">Schlie\u00dflich machte bei denen, die das Esperanto bereits seit l\u00e4ngerer Zeit kennen und anwenden, die leidige Macht der Gewohnheit ihren Einflu\u00df geltend: Man hat sich an die Formen des Esperanto gew\u00f6hnt und f\u00fchlt ihre Mangelhaftigkeit, Unsch\u00f6nheit und Unklarheit gar nicht mehr. Es geht hier den Menschen ebenso, wie wenn sie etwa, durch d\u00fcrftige Verh\u00e4ltnisse gezwungen, sich jahrelang an das Milieu h\u00e4\u00dflicher Fabrikm\u00f6bel und konventioneller Tapeziereinrichtungen, an den Genu\u00df schlechter bei\u00dfender Zigarren und billiger Weine gew\u00f6hnt haben. Sie f\u00fchlen sich schlie\u00dflich vollkommen wohl dabei und haben den Geschmack f\u00fcr feinen Tabak und teure Weine, f\u00fcr wirklich vornehme Kleidung und sch\u00f6ne Wohnungseinrichtung verloren. Man str\u00e4ubt sich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen, den alten Rock abzulegen, der einem so sch\u00f6n bequem geworden ist, und r\u00fchmt sogar als einen eigenartigen Vorzug die gl\u00e4nzenden Stellen, die der schn\u00f6de Kritiker als \u201esch\u00e4big&#8221; erkl\u00e4rt. \u2014<\/p>\n<h2 id=\"der-aberglaube-an-den-sieg-als\" class=\"western\">Der Aberglaube an den Sieg als eine Machtfrage.<\/h2>\n<p class=\"western\">Dies d\u00fcrften die wesentlichsten Gr\u00fcnde sein, welche, wennschon keineswegs immer klar bewu\u00dft, die gro\u00dfe Masse der Esperantistenschaft zu so kritiklos schroffer Ablehnung jeder Reform veranlassen und schon vor anderthalb Jahrzehnten sogar gegen den verehrten Meister aufs\u00e4ssig machten, als dieser noch vorurteilsfrei genug war, die Notwendigkeit gewisser Reformen selbst einzusehen. Dazu kam aber weiter nun noch ein sehr ma\u00dfgebender praktischer Gesichtspunkt.<\/p>\n<p class=\"western\">Man wies n\u00e4mlich \u2014 damals wie heute \u2014 auf die (in Wahrheit eigentlich recht bescheidenen) Erfolge hin, die man doch mit dem angeblich \u00bbmangelhaften\u00ab Esperanto erzielt habe; behauptete, auf die Einzelheiten im Bau der Sprache k\u00e4me es \u00fcberhaupt gar nicht an, und die Hauptsache, da\u00df sie im Prinzip brauchbar sei, sei durch die Praxis bereits erwiesen; worauf es nunmehr ank\u00e4me, sei lediglich Einigkeit und Treue. Damit hielt zum erstenmal der verh\u00e4ngnisvolle Aberglaube seinen Einzug in die Esperanto-Bewegung, dem auch Samenhof jetzt rettungslos verfallen ist, als sei die Realisierung einer internationalen Sprache lediglich eine Machtfrage. Nicht die Qualit\u00e4t sei f\u00fcr ihren Sieg ausschlaggebend, sondern ausschlie\u00dflich der Umstand, ob es gelinge, mit diplomatischem Geschick eine Anzahl von Millionen um die gr\u00fcngesternte Fahne zu scharen und ohne Zwiespalt und Zersplitterung bei ihr festzuhalten. Auch die nationalen Sprachen seien ja nicht vollkommen, meinte man, und den Begriff der Vollkommenheit g\u00e4be es auf sprachlichem Gebiete \u00fcberhaupt nicht; es sei ein Utopismus, solchen vagen Idealen nachzujagen.<\/p>\n<p class=\"western\">Wenn schon \u00fcberhaupt, so mu\u00df eine solche Anschauung besonders verbl\u00fcffen bei der Anh\u00e4ngerschaft einer Sprache, die selbst sich hochgerungen hat im Kampfe gegen eine Konkurrentin, das Volap\u00fck, welches seine relative Brauchbarkeit doch jedenfalls in achtunggebietender Weise ebenfalls erbracht hatte, und dem Esperanto, wie dessen Anh\u00e4nger stets mit Emphase selbst betonen, doch eben nur unterlegen war dank dessen sprach- technischer H\u00f6herwertigkeit. W\u00e4re jene Anschauung richtig, dann allerdings w\u00e4re es ein nicht nur sinnloses, sondern sogar frivoles Beginnen, an einer einmal in gewissem Umfang eingef\u00fchrten und gebrauchten Kunstsprache noch irgendwelche nachtr\u00e4glichen Verbesserungen vornehmen zu wollen, die, wie sehr sie die Sprache auch vervollkommnen mochten, zun\u00e4chst doch eine gewisse Verwirrung und Zersplitterung in den geschlossenen Kreis der Weltsprachenfreunde hineintragen m\u00fcssen. Dann w\u00e4re aber auch schlechterdings nicht einzusehen, warum eigentlich nicht schon das Volap\u00fck diesen Sieg l\u00e4ngst errungen hat, das doch seiner faktischen Verbreitung und Anwendung nach vor 20 Jahren bereits so weit war, wie heute das Esperanto.<\/p>\n<p class=\"western\">In Wirklichkeit liegt nat\u00fcrlich die Sache gerade umgekehrt: Nicht eher wird es m\u00f6glich sein, eine internationale Hilfssprache auf breiter Basis einzuf\u00fchren, als bis sie eine Gestalt gewonnen hat, die ihr einen als \u00bbVollkommenheit&#8221; zu bezeichnenden Grad von Reife verleiht, \u2014 bis sie gegen triftige sprachwissenschaftliche Einw\u00e4nde und Bedenken, gegen begr\u00fcndete Beschwerden einzelner, hinsichtlich der Phonetik oder Wortauswahl benachteiligter nationaler Gruppen gesichert ist, \u2014 bis sie in ihren Prinzipien auf so festem wissenschaftlichen Boden steht, da\u00df vielleicht in Einzelheiten noch willk\u00fcrlich anderes, aber nichts nachweisbar besseres mehr vorgeschlagen werden kann, \u2014 bis sie allen berechtigten Anforderungen der exakten Wissenschaft, der Technik und des Wirtschaftslebens nach pr\u00e4ziser, klarer, nuancierungsf\u00e4higer Ausdrucksweise vollauf entspricht. So die Sprache auszugestalten, ist die erste und zun\u00e4chst allein notwendige Aufgabe. Ist sie gel\u00f6st, dann wird auch ohne Reklame und Propaganda die Welt f\u00fcr sie gewonnen werden. Denn wie gro\u00df das Bed\u00fcrfnis nach einer Welthilfssprache ist, das geht ja aus nichts besser hervor, als aus der Bereitwilligkeit, mit welcher man selbst ein so offenkundig noch unvollkommenes Produkt wie das Esperanto zu verdauen sich bem\u00fcht hat.<\/p>\n<p class=\"western\">Wenn ich es f\u00fcr m\u00f6glich hielte, da\u00df Esperanto in seiner primitiven Gestalt zur Weltsprache w\u00fcrde, dann h\u00e4tte ich alle pers\u00f6nliche Kritik unterdr\u00fcckt und nicht daran gedacht, mich von ihm zu trennen. Ich habe aber die \u00dcberzeugung gewonnen, da\u00df diese Hoffnung aussichtslos ist, w\u00e4hrend das Reformesperanto alle Qualit\u00e4ten hat, das Ziel zu erreichen. Darum scheint es mir Pflicht jedes Esperantisten, dem es nicht um Befriedigung sektenhafter Neigungen, sondern um die Erreichung des gro\u00dfen Endziels zu tun ist, ohne R\u00fccksicht auf pers\u00f6nliche sentiments der Bewegung seine Kr\u00e4fte zu widmen, die die objektiv besseren Aussichten hierf\u00fcr hat.<\/p>\n<h2 id=\"die-angebliche-schwersprechbar\" class=\"western\">Die angebliche Schwersprechbarkeit des Reformdialektes.<\/h2>\n<p class=\"western\">Von manchen wird nun allen Ernstes behauptet, das reformierte Esperanto spreche sich schlechter wie das alte; es m\u00f6ge also vielleicht die wissenschaftlich h\u00f6her stehende Sprache sein, sei aber deshalb f\u00fcr die Praxis doch weniger geeignet. Pr\u00fcfen wir also die beiden Dialekte auch unter diesem Gesichtspunkt:<\/p>\n<p class=\"western\">Im Alphabet hat die Delegation, wie oben ausgef\u00fchrt, keine andere, die Phonetik ber\u00fchrende \u00c4nderungen vorgenommen, als da\u00df sie die beiden im Esperanto unterschiedenen Laute: weiches \u00bbsch\u201c und \u00bbdsch\u201c vereinigt hat; dies bedeutet unstreitig ja eine Erleichterung, nicht eine Erschwerung f\u00fcr die Aussprache. Da\u00df ferner der Ersatz der Akkusativendungen -an und -on durch einfaches -a und -o, der der Pluralendungen -aj und -oj, -ajn und -ojn durch einfaches -i die Sprache zugleich leichter sprechbar und wohlklingender gemacht hat, kann doch wohl unm\u00f6glich bestritten werden. Die neu eingef\u00fchrten Suffixe sind s\u00e4mtlich wohlklingend und leicht zu sprechen, k\u00f6nne also auch nicht in Betracht kommen. Da\u00df endlich die Pronominaltabelle gerade hinsichtlich der Sprechleichtigkeit und des Wohlklanges das Hauptkreuz des ganzen Esperantismus gewesen ist und da\u00df die \u00bbqua&#8221; und \u00bbta\u201c, die \u00bbomnu&#8221; und \u00bbnulu\u201c, die \u00bbube\u201c und \u00bbpoke\u201c etc. sich leichter und besser aussprechen, als die \u00bbkie&#8221; und \u00bbtie&#8221;, \u00bbchiuj&#8221; und \u00abchi tiuj&#8221; etc., dar\u00fcber kann doch im Ernste wohl kein Zweifel sein. Bei den pers\u00f6nlichen F\u00fcrw\u00f6rtern sind die ni, vi und li aus dem Esperanto \u00fcbernommen, ebenso ol (nur in anderer Bedeutung), me, il und el aus dem Franz\u00f6sischen, tu aus dem Deutschen. Ich frage mich also vergeblich: Wo finden die Vertreter jener Ansicht eine \u00bbschwerere Sprechbarkeit\u201c des Reformesperanto? Ich habe die dringende Vermutung, da\u00df diese nur in ihrer Einbildung existiert.<\/p>\n<p class=\"western\">Damit soll nicht gesagt sein, da\u00df sie jene Behauptung blo\u00df als bequemen Vorwand nehmen, um ihre instinktive Abneigung gegen die Reform mit einem scheinbar sachlichen Grunde bem\u00e4nteln zu k\u00f6nnen (obgleich auch so etwas vorkommt). Ich will gern die M\u00f6glichkeit einr\u00e4umen, da\u00df ihnen das Reformesperanto tats\u00e4chlich schwerer sprechbar scheint. Aber dies d\u00fcrfte in Wirklichkeit keine andere Ursache haben, als die Gewohnheit an das alte Esperanto! Es ist ja eine alte Erfahrung, da\u00df jedem, der eine fremde Sprache neu lernt, diese zuerst verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sehr schwer sprechbar erscheint, \u2014 eine Einbildung, die von selbst verschwindet, sobald sich erst einmal Ohr und Zunge ein klein wenig an den anderen Klang der neuen Sprache gew\u00f6hnt haben. Dies trifft in gesteigertem Ma\u00dfe zu, wenn es sich nur um die Erlernung eines neuen Dialektes handelt. Man kann dieselbe Beobachtung machen, wenn ein Norddeutscher sich bem\u00fcht, den schw\u00e4bischen oder bayrischen Dialekt, ein S\u00fcddeutscher das mecklenburger oder hamburger Platt, ein Ostdeutscher die Sprache des K\u00f6lner oder Mainzer gut zu erlernen.<\/p>\n<p class=\"western\">Es ist mir denn auch kein einziger Fall bekannt, da\u00df ein Au\u00dfenstehender, dem beide Esperantodialekte bisher gleich fremd waren, das Reformesperanto schwerer sprechbar gefunden h\u00e4tte, wohl aber wird von solchen dieses Urteil \u00fcber das alte Esperanto oft gef\u00e4llt. Soviel ist jedenfalls nach dem oben Gesagten doch sicher: Diejenigen Reformen, welche prinzipieller Natur sind, haben den Wohlklang und die Sprechbarkeit der Sprache nicht verringert, sondern gerade gesteigert. M\u00f6glich w\u00e4re ja, da\u00df unter den von der Reform in den Wortschatz neu eingef\u00fchrten W\u00f6rtern sich hier und da eines findet, das dem entsprechenden Esperantoausdruck an Wohlklang nachsteht; das w\u00e4re nachzupr\u00fcfen und man k\u00f6nnte den Kritikern der Reform nur verbunden sein, wenn sie statt der allgemeinen und darum inhaltslosen Beschwerde bestimmte konkrete Beispiele f\u00fcr ihre Behauptung beibr\u00e4chten, damit man evtl, die erforderlichen Korrekturen vornehmen k\u00f6nnte. Jedenfalls aber kann es sich also nur um nebens\u00e4chliche und darum leicht zu korrigierende Elemente des Reformdialektes handeln, w\u00e4hrend der lautliche Charakter des alten Esperanto gerade dadurch gekennzeichnet wurde, da\u00df die seine Sprechbarkeit beeintr\u00e4chtigenden Laute und W\u00f6rter integrierende Bestandteile des Systems waren.<\/p>\n<h2 id=\"-die-\u201eerfolge\u201c-des-esperan\" class=\"western\">4. Die \u201eErfolge\u201c des Esperanto.<\/h2>\n<p class=\"western\">Die Esperantisten folgern nun freilich: Eben dem Umstand grade, da\u00df Esperanto sich von diesem \u00abFehler\u00ab frei gehalten hat, sei es zu danken, da\u00df es, im Gegensatz zu jenen, so gewaltige Erfolge errungen habe. Ich glaube nur, da\u00df diese Erfolge von den Esperantisten ganz au\u00dferordentlich \u00fcbersch\u00e4tzt werden, so\u00adwohl ihren Ursachen, wie ihrem Werte nach. Der praktische Wert einer Weltsprache liegt so auf der Hand, ja das Bed\u00fcrfnis nach einer solchen ist so dringend, da\u00df weite Kreise heute schon dann mit Begeisterung zur Gefolgschaft bereit sind, wenn ihnen irgend ein Idiom pr\u00e4sentiert wird, das jenes Bed\u00fcrfnis befriedigen zu k\u00f6nnen im Prinzip geeignet erscheint. Da\u00df just das Esperanto den augenblicklichen Fischzug tat, lag nicht an seiner absoluten Vollkommenheit oder gar \u00dcberlegenheit \u00fcber alle anderen Systeme, sondern mindestens zum gro\u00dfen Teil an \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, und wer sehr viel Tantam und \u00f6ffentlichen L\u00e4rm macht, \u2014- und das verstehen die Esperantisten meisterhaft, \u2014 gewinnt ganz von selbst zun\u00e4chst einmal einen ge\u00adwissen Zulauf. Damit ist aber noch lange nicht gesagt, da\u00df er die Kundschaft auch dauernd an sich zu fesseln imstande sein wird.<\/p>\n<p class=\"western\">Selbstverst\u00e4ndlich liegt mir nichts ferner, als zu bezweifeln, da\u00df die vortrefflichen Eigenschaften, die ich dem Esperanto keines\u00adwegs abstreite, unerl\u00e4\u00dfliche Voraussetzung dieses Erfolges waren. Ich meine nur: Diese seine Qualit\u00e4ten sind, so viel Anerkennung sie verdienen, doch nur graduell h\u00f6her, als etwa die des Idiom Neutral, des Universal, des Novilatin und sicher geringer, als die der ILO. Letzterer gegen\u00fcber ist seine Situation heute ungef\u00e4hr so, wie bei der Konkurrenz zwischen den mit Elektrizit\u00e4t und den mit Dampf betriebenen Eisenbahnen: Wenn von vornherein beide Systeme gleichzeitig auf dem Plan erschienen w\u00e4ren, so h\u00e4tte ohne Zweifel die elektrische Bahn sofort den Preis davon getragen und die Dampfbahn w\u00e4re unbekannt und unbenutzt geblieben, ln Wirk\u00adlichkeit hat die Dampfbahn einen gro\u00dfen zeitlichen Vorsprung ge\u00adhabt. Sie war lange Zeit hindurch \u2014 bei schon sehr stark entfaltetem Bed\u00fcrfnis nach Schnelltransport \u2014 das einzige System, das ernstlich praktisch hierf\u00fcr verwertbar erschien. So kam es, da\u00df sie zun\u00e4chst einen Siegeszug \u00fcber die Erde antrat, und jetzt durch ihre blo\u00dfe Existenz, insbesondere durch die in diesem System investierten gro\u00dfen Kapitalien, die nachtr\u00e4gliche Adoptierung des elektrischen Systems au\u00dferordentlich erschwert. Trotzdem aber ist nicht zu bestreiten, da\u00df dieses technisch weit h\u00f6her steht. Und darum wird trotz des Widerstandes, der in der bereits starken Aus\u00adbreitung der Dampfeisenbahn liegt, langsam aber sicher die elek\u00adtrische Bahn jene verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p class=\"western\">Au\u00dferdem aber wollen wir uns doch auch dar\u00fcber klar sein, da\u00df hinter den angeblichen und scheinbaren Erfolgen des Esperanto \u00e4u\u00dferst wenig ernste konkrete Werte stecken. Was ist denn mit Hilfe von Esperanto bisher geleistet worden? Wenn wir von der sehr schonungsbed\u00fcrftigen Tatsache absehen, da\u00df dank der intensiven Agitation des Herrn Moch innerhalb der Friedensvereine Esperanto eine gewisse Rolle als Korrespondenz\u00adsprache spielt, doch eigentlich Null Komma Null! Hat irgend ein gro\u00dfer einflu\u00dfreicher Kongre\u00df Esperanto zur offiziellen Kon\u00adgre\u00dfsprache gemacht? Ist irgend ein wichtiges internationales Dokument \u2014 sei es auch nur ein Kartellvertrag oder dergl. \u2014 in Esperanto abgefa\u00dft worden? Ist irgend ein sonst un\u00fcbersetztes Werk der Weltliteratur durch Esperanto einer gr\u00f6\u00dferen Zahl von Nationalit\u00e4ten zug\u00e4nglich geworden? Hat irgend ein namhafter Wissenschaftler ein neues Produkt seiner Feder neben der national\u00adsprachlichen Ausgabe gleichzeitig in Esperanto erscheinen lassen? Hat irgend welche \u00f6ffentliche Institution das Esperanto im Bereiche ihrer offiziellen T\u00e4tigkeit eingef\u00fchrt? Hat irgend eine gro\u00dfe kauf\u00adm\u00e4nnische Firma schon einen wenn auch noch so bescheidenen Teil ihres internationalen Gesch\u00e4ftsverkehrs auf Esperanto basiert? Nein, nein und abermals nein!<\/p>\n<p class=\"western\">Und dazu kommt nun noch die kitzlichste Frage: Wie\u00adviel Menschen in der Welt sprechen denn Esperanto? Nach den berauschenden Phrasen der Agitatoren angeblich mehrere Millionen. Das letzte esperantistische Jahrbuch verzeichnete schon etwas bescheidener noch keine 20 000. Allein ein Freund hat mir erz\u00e4hlt, da\u00df er in einer deutschen Stadt auf der Durchreise ver\u00adsucht hat, einige nach dem Jahrbuch dort lebende Esperantisten aufzusuchen. Der eine schien nicht zu existieren, der andere hatte noch nicht Zeit gehabt, es ordentlich zu lernen, und der dritte hatte, wenn ich mich nicht sehr t\u00e4usche, nur einmal zu einem anderen Esperantisten die Absicht ge\u00e4u\u00dfert, sich ein Lehrbuch anzuschaffen. \u2014 A. Zinoviev, Mitglied des Lingva Komitato, be\u00adrichtet in seinen \u00bblmpresetoj el Dresdena Kongreso\u00ab, da\u00df er in Dresden zusammen mit Chavet und Chaussegros eine Liste solcher Kongressisten angelegt habe, die leidlich flie\u00dfend Esperanto sprachen. Er fand unter 1500 noch keine 30! Die meisten kamen \u00fcber ein st\u00fcmperhaftes Radebrechen nicht hinweg, und so manche konnten selbst das nicht. Dabei ist doch anzunehmen, da\u00df der Internationale Esperanto-Kongre\u00df in besonders hohem Ma\u00dfe diejenigen Kreise vereinigen d\u00fcrfte, die mit dem Esperanto vollkommen vertraut sind.<\/p>\n<p class=\"western\">Und die \u00bbLiteratur&#8221;? \u2014 Mit Recht betont Prof. Couturat, da\u00df diese bisher ja ausschlie\u00dflich aus \u00dcbersetzungen nationaler Literaturwerke besteht, die \u00fcberdies auch in \u00dcbersetzungen aller wichtigeren Nationalsprachen vorhanden sind. Abgesehen von dem Privatinteresse der \u00dcbersetzer und Verleger liegt auch nicht das geringste Bed\u00fcrfnis vor, diese lediglich als \u00dcbungsstoff dienenden Produkte f\u00fcr alle Nachwelt lesbar zu erhalten. \u2014 Nein, in keiner Hinsicht sind die bereits erzielten \u201eErfolge&#8221; des Esperanto irgendwie derartige, da\u00df durch eine Reform der Sprache \u201em\u00fchsam geschaffene Werte ruiniert&#8221; werden. Diese R\u00fccksicht ist wirklich unn\u00f6tig.<\/p>\n<h1 id=\"das-\u201efundamento-netusebla\u201c\" class=\"western\">Das \u201eFundamento netu\u015debla\u201c und seine Interpretation.<\/h1>\n<p class=\"western\">Man kann nun, wenn man mit Esperantisten \u00fcber die Not\u00adwendigkeit der Reform disputiert, seltsamerweise \u00f6fters den Ein\u00adwand h\u00f6ren: Aber der Wunsch nach Einf\u00fchrung von Reformen ist es ja garnicht, was uns von euch trennt, sondern nur die Ansicht \u00fcber Tempo und Form derselben. Samenhof selbst hat doch gesagt, da\u00df das Esperanto sich weiter fortentwickeln werde wie jede lebende Sprache, ja vielleicht bis zu v\u00f6lliger Un\u00adkenntlichkeit. Aber diese Entwicklung mu\u00df allm\u00e4hlich \u2014 iom post iom \u2014 vor sich gehen und darf nicht einen pl\u00f6tzlichen Bruch der Kontinuit\u00e4t bringen.<\/p>\n<p class=\"western\">Eine derartige Argumentation leuchtet namentlich Ferner\u00adstehenden leicht ein. Es ist daher wichtig, diesen Punkt eingehend zu betrachten.<\/p>\n<p class=\"western\">Das Esperanto unterscheidet sich von allen anderen Ent\u00adw\u00fcrfen einer Kunstsprache dadurch, da\u00df es ein \u201eHeiliges Buch&#8221; hat, eine \u201eBibel&#8221;, wie es in vollem Emst von vielen Esperantisten bezeichnet wird. Dieses heilige Buch ist, wie bereits eingangs bemerkt, das auf dem Boulogner Kongre\u00df als unver\u00e4nderliche Grundlage des Esperanto erkl\u00e4rte \u201eFundamento&#8221;, d. h. die in gleich\u00adzeitig franz\u00f6sischer, englischer, deutscher, russischer und polnischer Sprache herausgegebene Grammatik von 1887, das dazu geh\u00f6rige \u00dcbungsbuch (Ekcercaro) und das erste W\u00f6rterbuch (Universala Vortaro).1) Um jeder M\u00f6glichkeit einer Ableugnung oder Aus\u00addeutung der An- und Absichten des \u201eMeisters&#8221; vorzubeugen, wollen wir die ber\u00fchmte Vorrede zu diesem Standard Werk hier wortgetreu wiedergeben, und zwar in deutscher \u00dcber\u00adsetzung2), in der dieselbe bisher noch niemals erschienen ist (so da\u00df die neuen Esperantosch\u00fcler also alle gewisserma\u00dfen die Katze im Sack kaufen!). Sie lautet wie folgt:<\/p>\n<h2 id=\"-samenhofs-vorrede-zum-\u201efund\" class=\"western\">1. Samenhofs Vorrede zum \u201eFundamento\u201c.<\/h2>\n<p class=\"western\">\u00bbDamit eine internationale Sprache gut und regelm\u00e4\u00dfig fort-chreiten kann und damit sie volle Gewi\u00dfheit habe, da\u00df sie niemals auseinanderf\u00e4llt und irgend ein leichtsinniger Schritt ihrer k\u00fcnftigen Freunde nicht die Arbeiten ihrer gegenw\u00e4rtigen Freunde zerst\u00f6re, ist vor allem eine Bedingung n\u00f6tig: Die Existenz eines klar definierten, niemals anzutastenden und nie\u00admals zu ver\u00e4ndernden Fnndamentos der Sprache. Wenn unsere Sprache offiziell von den Regierungen der Hauptstaaten angenommen sein wird und diese Regierungen durch ein besonderes Gesetz dem Esperanto ein ganz sicheres Leben und Verwendung und volle Gefahrlosigkeit gegen alle pers\u00f6nlichen Launen oder Dispute garantieren, dann wird ein autoritatives Komitee, von diesen Regierungen unter gegenseitiger Verst\u00e4ndigung gew\u00e4hlt, das Recht haben, in dem Fundament der Sprache ein f\u00fcr allemal alle gew\u00fcnschten \u00c4nde\u00adrungen vorzunehmen, wenn diese \u00c4nderungen sich als notwendig erweisen; aber bis zu dieser Zeit mu\u00df das Fundament des Esperanto aufs strengste absolut unver\u00e4ndert bleiben, denn strikte Unantastbarkeit unseres Fundamentes ist die wichtigste Ursache unseres bisherigen Fort\u00adschrei tens und die wichtigste Bedingung f\u00fcr unser regul\u00e4res und friedliches zuk\u00fcnftiges Fortschreiten. Keine Person und keine Gesellschaft darf das Recht haben, willk\u00fcrlich irgend eine \u00c4nderung in unserem Fundament, und sei es die allerkleinste, vorzunehmen. Dieses \u00e4u\u00dferst wichtigen Grundsatzes m\u00f6gen die Esperantisten immer eingedenk sein und jeder Antastung dieses Prinzipes sich immer mit Energie widersetzen; denn der Moment, wo wir dieses Prinzip antasten, w\u00fcrde der Beginn unseres Unter\u00adganges sein.<\/p>\n<p class=\"western\">Gem\u00e4\u00df stillschweigender \u00dcbereinkunft aller Esperantisten schon seit langer Zeit werden drei Werke als Fundament des Esperanto betrachtet: Die sechzehnreglige Grammatik, das Allgemeine W\u00f6rterbuch und das \u00dcbungsbuch, Diese drei Werke hat der Autor des Esperanto immer als Gesetze fiir ihn betrachtet und trotz h\u00e4ufiger Versuche und Verlockungen sich (wenigstens mit Bewu\u00dftsein) niemals die kleinste \u00dcbertretung dieser Gesetze erlaubt; er hofft, da\u00df zum Wohle unserer Sache auch die anderen Esperantisten immer diese drei Werke als das einzige gesetzliche und unantastbare Funda\u00adment des Esperanto betrachten werden.<\/p>\n<p class=\"western\">Damit irgend ein Staat stark und ruhmreich sein und sich gesund ent\u00adwickeln kann, ist es n\u00f6tig, da\u00df jeder Staatsangeh\u00f6rige wisse, da\u00df er niemals von den Launen dieser oder einer anderen Person abh\u00e4ngig sein wird, sondern immer nur klaren ganz bestimmten Grundgesetzen seines Landes gehorchen mu\u00df, welche f\u00fcr die Herrschenden und Beherrschten gleichzwingend sind und in denen niemand willk\u00fcrlich nach seinem pers\u00f6nlichen Gutd\u00fcnken irgend etwas abandem oder zusetzen kann. Ebenso notwendig ist, damit unsere Sache gut gedeihe, da\u00df jeder Esperantist die volle Gewi\u00dfheit habe, da\u00df Gesetzgeber f\u00fcr ihn immer nur nicht irgend eine Person sein wird, sondern ein klar be\u00adstimmtes Werk, Deshalb, um allen Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen und Disputen ein Ende zu machen und damit jeder Esperantist ganz klar wisse, woran er in allem eine F\u00fchrung finden soll, hat sich der Herausgeber des Esperanto entschlossen, jetzt diese drei Werke, die nach stillschweigender \u00dcbereinkunft aller Espe\u00adrantisten schon seit langem ein Fundament f\u00fcr das Esperanto geworden sind, in Form eines Buches herauszugeben, und er bittet, da\u00df die Augen aller Espe\u00adrantisten immer nicht auf ihn, sondern auf dieses Buch gerichtet sein m\u00f6gen. Bis zu der Zeit, wo irgend eine f\u00fcr alle autoritative und unbestreit\u00adbare Institution anders entscheiden wird, mu\u00df alles, was sich in diesem Buche findet, f\u00fcr alle als bindend, alles, was gegen dieses Buch verst\u00f6\u00dft, als schlecht betrachtet werden, auch wenn es aus der Feder des Verfassers des Esperanto selbst stammte. Nur die oben genannten, im \u201eFnndamento de Esperanto\u00ab ver\u00f6ffentlichten Werke d\u00fcrfen als offiziell be\u00adtrachtet werden; alles andere, was ich geschrieben habe oder schreiben werde, empfehle, korrigiere, billige etc., sind nur Pr\/Va\/arbeiten, die die Esperantisten, wenn sie das f\u00fcr die Einheitlichkeit unserer Sache f\u00fcr n\u00fctzlich befinden, als Modell, aber nicht als zwingend betrachten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"western\">Angesichts dieses Charakters als Fundament m\u00fcssen die drei Werke, die in diesem Buche neu abgedruckt sind, vor allem unantastbar (netusebla) sein. Darum m\u00f6gen sich die Leser nicht wundern, da\u00df sie in der nationalen \u00dcbersetzung verschiedener Worte in diesem Buche (besonders in dem englischen Teile) ganz unkorrigiert dieselben Irr- t\u00fcnier finden, die sich in der ersten Ausgabe des \u201eUniversala Vortaro\u00ab fanden. Ich habe mir nur die Druckfehler zu korrigieren erlaubt; aber wenn ein Wort falsch oder ungeschickt \u00fcbersetzt war, habe ich es in diesem Buche v\u00f6llig unver\u00e4ndert gelassen; denn wenn ich Verbesserungen vornehmen wollte, so w\u00e4re das schon eine \u00c4nderung, welche Dispute verursachen kann und in einem Funda\u00admentalwerke nicht geduldet werden darf. Das \u201eFundamento\u201c mu\u00df aufs strikteste unantastbar bleiben, samt seinen irrttimern. Die Irrt\u00fcmlichkeit in der nationalen \u00dcbersetzung des einen oder anderen Wortes ist kein gro\u00dfes Ungl\u00fcck; denn wenn man die Text\u00ad\u00fcbersetzung in den anderen Sprachen damit vergleicht, so wird man leicht den wahren Sinn jedes Wortes finden; aber eine unvergleichlich gr\u00f6\u00dfere Gefahr w\u00fcrde die \u00c4nderung der \u00dcbersetzung irgend eines Wortes darstellen, denn mit der strengen Unantastbarkett w\u00fcrde das Werk seinen au\u00dfergew\u00f6hnlich notwendigen Charakter eines dog\u00admatischen Fundamentes ein b\u00fc\u00dfen, und derjenige, der es gebraucht, w\u00fcrde, wenn er in der einen Ausgabe eine andere \u00dcbersetzung findet wie in der anderen, keine Sicherheit haben, da\u00df ich nicht morgen irgend eine andere \u00c4nderung vorn\u00e4hme, und w\u00fcrde sein Vertrauen und seine St\u00fctze verlieren. Jedem, der mir irgend einen schlechten Ausdruck in dem Fundamento zeigt, werde ich ruhig antworten: Ja, das ist ein Irrtum, aber er mu\u00df un\u00adangetastet bleiben, denn es geh\u00f6rt zu dem fundamentalen Doku\u00adment, in dem niemand das Recht hat, irgendwelche \u00c4nderung vorzunehmen.<\/p>\n<p class=\"western\">Das \u201eFundamento de Esperanto\u00ab soll durchaus nicht als das beste Lembuch und W\u00f6rterbuch des Esperanto betrachtet werden. O nein! Wer sich in Esperanto vervollkommnen will, dem empfehle ich die verschiedenen viel besseren und umfangreicheren Lehr- und W\u00f6rterb\u00fccher, die von unseren kom\u00adpetenteren Freunden f\u00fcr alle Nationen besonders herausgegeben sind und von denen die wichtigsten sehr gut und sorgsam redigiert sind, unter meiner per\u00ads\u00f6nlichen Kontrolle und Mitarbeit. Aber das \u00bbFundamento de Esperanto\u00ab mu\u00df sich in der Hand jedes guten Esperantisten finden als st\u00e4ndiges Leitdokument, damit er gut erlerne und durch h\u00e4ufiges Hineinblicken sich st\u00e4ndig erinnere, was in unserer Sprache offiziell und unantastbar ist, damit er jederzeit die offiziellen Worte und Regeln, die sich in diesen&#8217;Lernwerken des Esperanto finden m\u00fcssen, von den nur privatim empfohlenen W\u00f6rtern und Regeln, die vielleicht nicht allen Esperantisten bekannt sind und m\u00f6glicherweise nicht von allen gebilligt werden, gut unterscheiden kann. Das \u00bbFundamento de Esperanto\u00ab mu\u00df sich in den H\u00e4nden jedes Esperantisten finden als st\u00e4ndiges Kontrollinstrument, das ihn davor bewahrt, vom Wege der Einheitlichkeit abzuweichen.<\/p>\n<p class=\"western\">Ich sagte, da\u00df das Fundament unserer Sprache absolut unan\u00adtastbar sein mu\u00df, auch wenn es uns scheint, da\u00df dieser oder ein anderer Punkt darin zweifellos irrt\u00fcmlich ist. Das k\u00f6nnte nun den Gedanken hervor\u00adrufen, da\u00df unsere Sprache immer starr bleiben und sich nicht weiter entwickeln soll. O nein! Trotz der strengen Unantastbarkeit des Fundamentes wird unsere Sprache die volle M\u00f6glichkeit haben, nicht nur sich st\u00e4ndig zu bereichern, sondern auch st\u00e4ndig sich zu verbessern und vervollkommnen; die Unantastbarkeit des Fundamentes wird uns nur st\u00e4ndig garantieren, da\u00df diese Vervollkommnung nicht durch willk\u00fcrlichen kriegerischen und ruin\u00f6sen Bruch und \u00c4nderung nicht durch Annullierung und Unbrauchbarmachung unserer bisherigen Literatur, sondern auf nat\u00fcrlichem Wege ohne Verwirrung und Gefahr erfolgt. Ich werde ausf\u00fchrlicher hier\u00fcber auf dem Boulogner Kongresse sprechen; jetzt will ich hier\u00fcber nur wenige Worte sagen:<\/p>\n<p class=\"zitatzam-western\">1. Die Sprache durch neue W\u00f6rter bereichern kann man schon jetzt durch Beratung mit denjenigen Personen, die als die Hauptautorit\u00e4ten in unserer Sprache betrachtet werden, und daf\u00fcr Sorge tragen, da\u00df ein jeder diese W\u00f6rter in der gleichen Form gebraucht; aber diese W\u00f6rter d\u00fcrfen nur empfohlen, nicht aufgedr\u00e4ngt werden; man darf sie nur in der Literatur anwenden; in der Korrespondenz mit unbekannten Personen ist es dagegen gut, sich immer zu be\u00adm\u00fchen, nur W\u00f6rter aus dem \u00bbFundamento\u201c zu gebrauchen, denn nur von diesen W\u00f6rtern kann man sicher sein, da\u00df unser Adressat sie bestimmt in seinem W\u00f6rterbuch findet. Erst etwas sp\u00e4ter, wenn der gr\u00f6\u00dfte Teil der neuen W\u00f6rter schon ganz reif ist, wird eine autoritative Institution sie in das offizielle W\u00f6rter\u00adbuch einf\u00fchren, als \u00bbNachtrag zum Fundamento\u00ab.<\/p>\n<p class=\"zitatzam-western\">2. Wenn eine autoritative Zentralinstitution findet, da\u00df dieses oder jenes Wort oder Regel in unserer Sprache zu inopportun ist, so darf sie die in Rede stehende Form zwar nicht tilgen oder ab\u00e4ndern, aber sie kann eine neue Form in Vorschlag bringen, die sie empfiehlt, parallel mit der alten Form zu gebrauchen. Im Laufe der Zeit wird die neue Form allm\u00e4hlich die alte ver\u00addr\u00e4ngen, die dann zum Archaismus wird, wie wir das auch in jeder nat\u00fcrlichen Sprache sehen. Aber, da sie einen Teil des \u201eFundamento\u201c bilden, werden jene Archaismen niemals verworfen werden, sondern immer in allen Lehr- und W\u00f6rter\u00adb\u00fcchern zusammen mit den neuen Formen gedruckt werden, und auf diese Weise werden wir die Gewi\u00dfheit haben, da\u00df auch bei der gr\u00f6\u00dften Vervoll\u00adkommnung die Einheitlichkeit des Esperanto niemals einen Bruch erleidet und kein Esperantowerk, auch aus der fr\u00fcheren Zeit, jemals seinen Wert und seine Verst\u00e4ndlichkeit f\u00fcr die k\u00fcnftigen Generationen verliert.<\/p>\n<p class=\"zitatzam-western\">Ich habe im Prinzip dargetan, auf welche Weise die strenge Unantast\u00adbarkeit des \u00bbFundamento\u201c immer die Einheitlichkeit unserer Sprache bewahren wird, ohne doch die nicht nur st\u00e4ndige Bereicherung, sondern auch Vervoll\u00adkommnung derselben zu beeintr\u00e4chtigen. Aber in der Praxis m\u00fcssen wir &#8211; aus Gr\u00fcnden, die schon viele Male dargelegt sind selbstverst\u00e4ndlich mit jeder \u00bbVervollkommnung&#8221; der Sprache sehr vorsichtig sein:<\/p>\n<p class=\"zitatzam-western\">a) Wir d\u00fcrfen sie nicht leichtherzig, sondern nur in F\u00e4llen tats\u00e4chlicher Notwendigkeit vornehmen,<\/p>\n<p class=\"zitatzam-western\">b) Es k\u00f6nnen dies (nach reiflicher Erw\u00e4gung) nicht einzelne Personen tun, sondern nur eine Zentralstelle, die eine unbe\u00adstrittene Autorit\u00e4t f\u00fcr die ganze Esperantistaro besitzt.<\/p>\n<p class=\"zitatzam-western\">Ich schlie\u00dfe also mit folgenden Worten:<\/p>\n<p class=\"zitatzam-western\">1. F\u00fcr die Einheit unserer Sache mu\u00df jeder gute Esperantist vor allem das \u201eFundament\u201c unserer Sprache gut kennen.<\/p>\n<p class=\"zitatzam-western\">2. Das Fundament unserer Sprache mu\u00df f\u00fcr immer unangetastet bleiben.<\/p>\n<p class=\"zitatzam-western\">3. Bis zu derZeit, wo eine autoritative Zentralstelle beschlie\u00dfen wird, das bisherige Fundament zu erweitern (niemals zu \u00e4ndern!!) durch Offiziell\u00adErkl\u00e4rung neuer W\u00f6rter oder Regeln, mu\u00df alles gute, das sich nicht im \u00bbFundamento de Esperanto\u00ab findet, als nicht bindend, sondern mir als empfohlen angesehen werden.<\/p>\n<p class=\"zitatzam-western\">Die Ideen, die ich oben \u00fcber das \u00bbFundamento de Esperanto\u00ab zum Ausdruck gebracht habe, stellen einstweilen nur meine Privatansicht dar. Gesetzliche Sanktion werden sie nur in dein Falle erhalten, wenn sie von dem \u00bbErsten Internationalen Esperantisten-Kongrc\u00df\u00ab angenommen werden, dem dieses Werk zugleich mit der Vorrede dazu vorgelegt wird.&#8221;<\/p>\n<p class=\"zitatzam-western\">Warschau, im Juli 1905. L. Samenhof.<\/p>\n<p class=\"western\">Der Leser wird nun zun\u00e4chst vielleicht sagen: Ja, das ist aber schlie\u00dflich ganz vern\u00fcnftig. Samenhof verlangt doch eigent\u00adlich nichts anders, als da\u00df vorl\u00e4ufig, bis zu einer endg\u00fcltigen Regelung durch die Regierungen, die Sprache in ihren Grundlagen so bleiben soll, wie er sie geschaffen hat, um ein Auseinander\u00adfallen der Bewegung zu verhindern, und beh\u00e4lt sich f\u00fcr einen sp\u00e4teren Zeitpunkt, wo die Existenz des Esperanto gesichert sein wird, vor, dann ein f\u00fcr allemal alle \u00c4nderungen vorzunehmen, die sich inzwischen als notwendig herausgestellt haben w\u00fcrden.<\/p>\n<p class=\"western\">\u00bbWenn man&#8217;s so h\u00f6rt, m\u00f6cht\u2019s leidlich scheinen, Steht aber doch schief darum.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Demnach soll also zun\u00e4chst die Sprache unangetastet in ihren offenkundigen M\u00e4ngeln weiter gelehrt werden, ohne R\u00fccksicht darauf, da\u00df eben durch diese M\u00e4ngel Tausende und Zehntausende veranla\u00dft werden, der Bewegung fern zu bleiben! Man bringt unbek\u00fcmmert den neuen Sch\u00fclern st\u00e4ndig die schlechten und z. T. direkt unlogischen Sprachformen bei, soda\u00df also all\u00adm\u00e4hlich Hunderttausenden und Millionen von Menschen die Sprache in ihrer mangelhaften heutigen Gestalt in Fleisch und Blut \u00fcbergeht, die Literatur in dieser Sprachform immer gr\u00f6\u00dferen Umfang gewinnt und auf diese Weise die Einf\u00fchrung der Reform eine immer schlimmere Revolution wird! Und wenn die Sch\u00fcler, wie dies zu geschehen pflegt, fragen: \u00bbAber warum ist denn<\/p>\n<p class=\"western\">dies so und jenes so? Das ist doch unvollkommen und k\u00f6nnte besser gemacht werden\u00ab, dann wird man die stereotype Antwort erteilen: \u00bbJawohl, wir wissen, da\u00df es schlecht ist, und wir wissen auch, wie es besser hei\u00dfen mu\u00df und sp\u00e4ter einmal hei\u00dfen wird. Allein das ist Geheimnis unserer Sekte. Praktisch eingef\u00fchrt wird dies erst, wenn das \u201ctausendj\u00e4hrige Reich\u201c unserer Hoffnung be\u00adgonnen hat, wenn Esperanto eine solche Herrschaft in der Welt errungen hat, da\u00df die Reform dann besonders schwer geworden ist.\u00ab<\/p>\n<p class=\"western\">Eine ganz abstruse Idee! Als ob nicht selbstverst\u00e4ndlich Reformen, wenn \u00fcberhaupt, dann so schnell und fr\u00fch wie m\u00f6glich eingef\u00fchrt werden m\u00fc\u00dften, so lange die Anh\u00e4ngerschaft noch m\u00e4\u00dfig gro\u00df, die Literatur noch begrenzt ist!<\/p>\n<h2 id=\"-was-\u201edarf\u201c-am-esperanto-e\" class=\"western\">2. Was \u201edarf\u201c am Esperanto eventuell sp\u00e4ter einmal reformiert werden?<\/h2>\n<p class=\"western\">Nun wir wollen einmal annehmen, da\u00df die Hoffnungen der Esperantisten sich erf\u00fcllen und \u00fcber kurz oder lang \u00bbdie Regie\u00adrungen der Hauptstaaten dem Esperanto durch ein besonderes Gesetz ein ganz sicheres Leben garantieren.\u00ab Wie und was darf dann am Esperanto ge\u00e4ndert werden? Ge\u00e4ndert gar nichts, sondern es d\u00fcrfen nur \u00bbneue W\u00f6rter und Regeln\u00ab neben den alten erg\u00e4nzend eingef\u00fchrt werden, die alten aber sollen f\u00fcr alle Ewigkeit weiter als korrektes Esperanto, wenn auch archaistisches, in den Lehrb\u00fcchern verbleiben und jedem neuen Sch\u00fcler als solches zusammen mit den Neuerungen gelehrt werden.<\/p>\n<p class=\"western\">Aus dieser strikten Fassung der Vorschrift ergibt sich bereits schlagend, da\u00df selbst f\u00fcr eventuelle sp\u00e4tere \u00c4nderungen aus\u00adschlie\u00dflich an die Aufnahme neuer Vokabeln, vielleicht pr\u00e4ziserer Regeln f\u00fcr die Wortableitung und Anwendung der Suffixe etc. gedacht ist, nun und nimmer aber an eine \u00c4nderung konsti\u00adtutiver Elemente der Sprache selbst. Denn es w\u00e4re nat\u00fcrlich ausgeschlossen, f\u00fcr alle Zeit neben den neuen Formen die alten als berechtigtes und korrektes nur veraltetes Esperanto zu lehren, wenn man etwa in jener sp\u00e4teren Reformaktion die jetzt von der Delegation eingef\u00fchrten \u00c4nderungen annehmen k\u00f6nnte. Man stelle sich doch einmal vor, den Sch\u00fclern sollte k\u00fcnftighin ge\u00adlehrt werden: \u00bbli\u00ab hei\u00dft zwar \u00bbsie\u00ab; es ist aber ebenso richtig und nur veraltet, es f\u00fcr \u00bber\u00ab zu gebrauchen, welches letztere aber neuerdings wieder ebenso korrekt \u00bbil\u00ab hei\u00dft. Oder: Die Plural\u00adendung der Substantive ist ,,-i\u00ab; diese Endung ist ebenso korrekt, nur veraltet, als Infinitivendung zu gebrauchen, die im \u00fcbrigen jetzt korrekterweise \u00bb-ar\u00ab lautet. Oder zu lehren: Die Akkusativ\u00adendung braucht niemals angewendet zu werden, au\u00dfer in F\u00e4llen der Inversion; es ist aber ebenso richtig, wenn ich euch bei\u00adbringe: sie mu\u00df immer angewendet werden. Oder: Das \u00bbj\u00ab wird stets wie das franz\u00f6sische \u00bbj\u00ab in Journal ausgesprochen; es ist aber auch korrekt und nur veraltet, es stets wie das deutsche \u00bbj\u00ab in Jude auszusprechen, welches aber ebenso korrekt \u00bby\u00ab geschrieben wird, usw. ln Wirklichkeit ist mir denn auch ausnahmslos von allen Autorit\u00e4ten der Esperantistenschaft, an die ich mich mit einer derartigen Frage wendete, (wennschon meist erst nach einigen Versuchen, sich mit unverbindlichen Redewendungen eine klare und deutliche Antwort zu dr\u00fccken,) zugegeben worden, da\u00df eine Ab\u00e4nderung elementarer Punkte des Esperanto, wie sie in den wesentlichen Reformen der Delegation vorgenommen sind, nach esperantistischem Gesetz f\u00fcr immer und unter allen Umst\u00e4nden ausgeschlossen sei.<\/p>\n<p class=\"western\">Und diese Haltung hat der Dresdener Kongre\u00df im Herbst dieses Jahres in vollem Umfang best\u00e4tigt. Das bewies nicht nur Samenhofs Er\u00f6ffnungsrede, sondern auch mancherlei private Vorkommnisse, von denen ich nur folgende hier hervor\u00adheben will. Ich selber hatte f\u00fcr diesen Kongre\u00df zusammen mit vier anderen namhaften und an f\u00fchrender Stelle in der Bewegung stehenden Esperantisten eine kleine Brosch\u00fcre herausgegeben, in welcher \u2014 angesichts der Gefahr einer Spaltung infolge der ab\u00adlehnenden Haltung des esperantistischen Sprachkomitees gegen\u00ad\u00fcber der Delegation \u2014 der Vorschlag gemacht wurde, da\u00df alle an der Frage von Reformen theoretisch interessierten Esperantisten sich zu einer Fachvereinigung zusammenschlie\u00dfen und dann die von der Delegation oder auch andere von anderer Seite gemachte Reformvorschl\u00e4ge in einem speziell dieser Aufgabe zu widmenden Fachorgan rein theoretisch er\u00f6rtern und nach allen Seiten hin pr\u00fcfen sollten. Jede Propaganda f\u00fcr einen Reformdialekt sollte dabei unterdr\u00fcckt und auf die vorgeschlagene Weise nur der Boden f\u00fcr eine sp\u00e4tere Annahme der sich als notwendig heraus\u00adstellenden Reformen vorgearbeitet werden. Diese Brosch\u00fcre wurde nicht nur vom Verkauf im Kongre\u00dfgeb\u00e4ude ausgeschlossen, sondern es wurden auch alle Buchh\u00e4ndler der Stadt angewiesen, dieselbe als eine dem Esperanto feindliche Publikation zu unter\u00addr\u00fccken und, wenn K\u00e4ufer sie verlangten, ihren Besitz abzuleugnen oder von ihrem Ankauf abzuraten! \u2014 Genau dasselbe Schicksal bl\u00fchte dem oben zitierten Buche: \u00bbWeg frei f\u00fcr das EsperantoP obwohl es zum besten geh\u00f6rt, was \u00fcber die ganze Weltsprachen\u00adfrage bisher \u00fcberhaupt erschienen ist. Sein Verfasser tritt, nach eingehender wissenschaftlicher Untersuchung der ganzen Materie, warm f\u00fcr Esperanto ein. Aber, sein linguistisches Ge\u00adwissen verf\u00fchrt ihn, \u00bbzu zeigen, da\u00df &#8230; es sehr verkehrt w\u00e4re,<\/p>\n<p class=\"western\">Vaoogk:<\/p>\n<p class=\"western\">das Werk des \u00bbMeisters\u00ab, dessen Verdienst ich gewi\u00df nicht be\u00adzweifle, unangetastet zu lassen\u00ab. Das gen\u00fcgte, um ihn auf den Index zu setzen. Er schreibt zwar ausdr\u00fccklich (S. 111):<\/p>\n<p class=\"western\">\u00bbEbenso verkehrt w\u00fcrde es aber auch sein, wie ich aus\u00addr\u00fccklich hervorhebe, wenn man etwa daran denken wollte, jetzt schon an dem Esperanto irgendwelche \u00c4nderungen vor\u00adzunehmen Etwas anderes ist es, sich schon jetzt theoretisch \u00fcber die notwendigen Reformen auseinanderzusetzen, um, wenn der geeignete Zeitpunkt kommt, mit positiven und allseitiger Billigung sicheren Vorschl\u00e4gen hervortreten zu k\u00f6nnen. Dieser Zeitpunkt liegt meines Erachtens immerhin noch in einiger Ferne\u00ab.<\/p>\n<p class=\"western\">Macht nichts! Er hat gewagt zu finden, \u00bbda\u00df das Esperanto noch vieler Verbesserungen bedarf\u00ab. Das gen\u00fcgt, um ihn auf den Index librorum prohibitorum zu setzen und ihn damit f\u00fcr die Kreise, an die er sich wendet, publizistisch zu erdrosseln.<\/p>\n<p class=\"western\">Endlich war von dritter Seite, ebenfalls seitens mehrerer an f\u00fchrender Stelle stehender Esperantisten die Begr\u00fcndung einer \u00bbEsperanta Lingva Asocio\u00ab vorbereitet worden, deren Aufgaben etwa die gleichen sein sollten, wie sie in der von mir und meinen Freunden ver\u00f6ffentlichten Brosch\u00fcre und in dem Seidelschen Buche gew\u00fcnscht. wurden; in dem Statutenentwurf der E. L. A. hie\u00df es sogar ausdr\u00fccklich, da\u00df diese neben der rein theoretischen Bearbeitung von Reform Vorschl\u00e4gen, die \u00fcberdies lediglich als Handlanger f\u00fcr das esperantistische Sprachkomitee und ohne eigenes Eingreifen in die Esperantistenschaft erfolgen sollte, sich zur Aufgabe mache, alle neben dem Esperanto zur Propaganda gebrachten Reformdialekte zu bek\u00e4mpfen. Trotz dieser Gesinnungst\u00fcchtigkeit wollte man nichts von ihr wissen, Samenhof selbst erkl\u00e4rte sich entschieden gegen ihre Begr\u00fcndung, und man nahm von ihrer Propagierung Abstand, weil man einsah, da\u00df sie mit allen Mitteln bek\u00e4mpft werden w\u00fcrde und keine Aussicht auf gedeihliche Entfaltung habe.<\/p>\n<p class=\"western\">Schlie\u00dflich sei, weil charakteristisch, in diesem Zusammen\u00adh\u00e4nge noch folgendes mitgeteilt: Noch ehe das Sprachkomitee der Delegation zu seiner entscheidenden Tagung zusammentrat, im Hochsommer 1907, machten einige f\u00fchrende Veteranen des Esperantismus, die voraussahen, wie der Hase lief und eine Spaltung vermeiden wollten, Herrn Dr. Samenhof das Angebot, ihm eine Summe von einer Viertel Million Mark zur freien Verf\u00fcgung zu stellen f\u00fcr seine pers\u00f6nliche \u00f6konomische Unabh\u00e4ngigkeit und die Propaganda des Esperantismus, wenn er sich \u00f6ffentlich f\u00fcr Abschaffung nur der Akzente erkl\u00e4ren wolle; dann werde der Hauptstein des Ansto\u00dfes aus dem Wege ger\u00e4umt sein und die Reformbewegung ihre Hauptsto\u00dfkraft eingeb\u00fc\u00dft haben. Dieses ebenso gener\u00f6se wie kluge Angebot hat Samenhof rundweg zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n<p class=\"western\">Wenn man in den Kreisen der Drahtzieher des Esperantis\u00admus auch nur eine Spur von gutem Willen h\u00e4tte, wenn es ihnen nur im leisesten Ernst w\u00e4re mit der sch\u00f6nen Phrase: \u00bbAuch wir wollen Reformen, aber iom post iom und unter Wahrung der ,kontinueco\u2018&#8221;, dann brauchten sie ja blo\u00df ein einziges Mal un\u00adumwunden und unverklausuliert zu erkl\u00e4ren: \u00bbOut, von heute ab f\u00e4ngt das Sprachkomitee an, die Reform Vorschl\u00e4ge der Delegation ernsthaft zu pr\u00fcfen. Es wird die Ergebnisse dieser Nachpr\u00fcfung periodisch ver\u00f6ffentlichen und auf dem n\u00e4chsten Kongre\u00df in Barcelona 1909 diejenigen Reformen, die es als zweckm\u00e4\u00dfig er\u00adkannt hat, zur offiziellen Einf\u00fchrung empfehlen.\u00ab Noch auf dem Dresdener Kongre\u00df w\u00e4re es Zeit gewesen, durch eine derartige Deklaration die ganze Reformbewegung in ein offizielles Fahr\u00adwasser zu bringen und die beginnende Spaltung zu verhindern. Aber nichts dergleichen ist geschehen. Nach langer, schwerer Geburt hat das Sprachkomitee folgende nichtssagende Resolution zustande gebracht, die am Schlu\u00dftage des Kongresses dem harrenden Volke der Getreuen \u2014 selbstverst\u00e4ndlich unter tosendem Jubel (es jubelt ja bereitwilligst zu allem) \u2014 verk\u00fcndet wurde:<\/p>\n<ul>\n<li class=\"western\">\u00bbDie Aufgabe des Sprachkomitees ist, f\u00fcr die Erhaltung der Fundamental\u00adPrinzipien der Sprache (konzervado de l&#8217; fundamentaj principoj) Sorge zu tragen und ihre Entwicklung zu kontrollieren. Es pr\u00fcft also alle sprachlichen Fragen und entscheidet sie gem\u00e4\u00df den oben genannten Prinzipien. Weder das \u00bbFundament\u00ab, noch das Sprachkomitee k\u00f6nnen jemals ein Hindernis f\u00fcr die normale Entwicklung der Sprache bilden, die sie im Gegenteil sichern.\u00ab<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"western\">Das Wort \u00bbnormal&#8221;1) wurde beim Verlesen in der Plenar-Sitzung des Kongresses sehr nachdr\u00fccklich betont. Das bedeutet \u2014 wie der Wortlaut der ganzen Resolution \u2014 f\u00fcr jeden, der die esperantistische Ausdrucksweise kennt, da\u00df eine \u00bbEntwicklung&#8221; der Sprache nur zugelassen ist unter Wahrung des \u201eFundamento&#8221;, will sagen, da\u00df eine Ab\u00e4nderung der im Fundamento fest\u00adgelegten konstitutiven Elemente der Sprache f\u00fcr alle Zeit indiskutabel ist.<\/p>\n<p class=\"western\">Ist diese Interpretation, die der Erkl\u00e4rung allgemein gegeben ist, aber irrig, und haben sich ihre Verfasser nur dank einer er\u00adstaunlichen Sprachungewandtheit so \u2014 mi\u00dfverst\u00e4ndlich ausge\u00addr\u00fcckt, nun dann m\u00f6ge man doch heute noch sich gegen solches Mi\u00dfverst\u00e4ndnis erkl\u00e4ren! Weshalb geniert man sich denn oder worauf wartet man denn? \u201eHeraus mit Eurem Flederwisch!&#8221; Es ist jetzt \u00fcber ein Jahr her, da\u00df die Delegation ihre Entscheidung abgegeben hat. Auch die \u201eallm\u00e4hlichste&#8221; Entwicklung mu\u00df doch irgendwann einmal einen Anfang haben! Also wann wird man daran gehen, die Abschaffung der Pronominaltabelle oder die \u00c4nderung der Pluralendung \u2014 einzuf\u00fchren? I wo, so unbe\u00adscheiden ist ja kein Mensch! Nur endlich einmal mit Ernst zu diskutieren? \u2014 Nun, Samenhof hat in Dresden bereits eine jedem Einsichtigen gen\u00fcgende Antwort darauf gegeben:<\/p>\n<ul>\n<li class=\"western\">\u201eVerzeihen Sie mir das unerquickliche Thema, das ich an\u00adgeschlagen habe. Es war das erste Mal in der Geschichte unserer Kongresse, und es wird \u2014 hoffe ich \u2014 das letzte Mal gewesen sein.&#8221;<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"western\">Man will im Kreise der esperantistischen Machthaber das Wort Reform nicht h\u00f6ren, handle es sich auch nur um die allerbescheidensten und allernotwendigsten Verbesserungen der Sprache. Und alle die Phrasen von eventueller \u201eAuch &#8211; Reform\u00adbereitschaft&#8221; sind nichts als Sand in die Augen der Dummen, um die gutgl\u00e4ubige Masse bei der Fahne zu halten. Das \u201eFunda\u00admento&#8221; ist und bleibt \u201eunanr\u00fchrbar f\u00fcr immer&#8221;, mag auch die ganze Bewegung daran scheitern! Sic volo, sic jubeo; stat pro ratione voluntas. Und darum unterdr\u00fcckt man mit List und Ge\u00adwalt alles, was innerhalb der Esperantistenschaft sich an reforme- rischen Gel\u00fcsten regt, und h\u00e4lt die treuen Sch\u00e4flein der Gefolg\u00adschaft in m\u00f6glichster Unkenntnis \u00fcber die Reformfrage in dem<\/p>\n<p class=\"western\">\u00fcberaus naiven Glauben, eine Kulturerscheinung wie die er\u00adstrebte Weltsprache mit Machtmitteln zum Siege f\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"western\">Und damit kommen wir wieder zur\u00fcck auf den Punkt, den wir vorher einstweilen verlie\u00dfen:<\/p>\n<h2 id=\"-ist-ein-aufschub-der-reformen\" class=\"western\">3. Ist ein Aufschub der Reformen tunlich?<\/h2>\n<p class=\"western\">Die ganze Frage, inwiefern es sp\u00e4ter einmal erlaubt sein w\u00fcrde, \u00c4nderungen und Abstellungen der vorhandenen Ubel- st\u00e4nde vorzunehmen, wenn die Regierungen der Hauptstaaten dem Esperanto \u00bbdurch besonderes Gesetz\u00ab ein sicheres Leben garantiert haben \u2014 diese Frage ist v\u00f6llig gegenstandslos. Denn je l\u00e4nger, desto sicherer bricht sich bei allen k\u00fchl und n\u00fcchtern denkenden Freunden der Weltsprachebewegung die Ein\u00adsicht Bahn, da\u00df keine Regierung der Welt jemals daran denken wird, dem Esperanto zu offizieller Existenz zu verhelfen, ehe man es ihr nicht in einer Gestalt unter\u00adbreitet, die wenigstens von wesentlichen konstitutiven sprachtechnischen M\u00e4ngeln frei ist und seine Brauch\u00adbarkeit f\u00fcr alle Anforderungen internationalen Sprach- verkehrs au\u00dfer Diskussion stellt. Ehe aber nicht die Re\u00adgierungen sich der Sache annehmen und daf\u00fcr sorgen, da\u00df die Weltsprache in den Schulen gelehrt wird und da\u00df alle die ma\u00df\u00adgebenden Dokumente des internationalen Verkehrs, wie Zolltarife, Statistiken, Staatsvertr\u00e4ge etc., in dieser Weltsprache ver\u00f6ffentlicht werden, wird auch aller Propaganda-Erfolg auf gewisse enge Grenzen beschr\u00e4nkt, die Zukunft des Esperanto eine h\u00f6chst un\u00adsichere bleiben. Schon deshalb, weil die gro\u00dfe Masse der Menschen sich einer M\u00fche, wie sie das Lernen einer neuen Sprache bedeutet, erst dann unterzieht, wenn sie unzweideutig vor Augen sieht, da\u00df dieselbe offizielle Geltung hat und ihre Kenntnis dem Lernenden praktische, greifbare Vorteile schafft.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Auffassung der Esperantisten und die der Reformer steht sich gegen\u00fcber wie die eines Ramschbasars und die eines soliden Gesch\u00e4ftshauses. Ersterer bildet sich ein, alles mit Tamtam und Reklame machen zu k\u00f6nnen; er meint, wenn es ihm nur schnell gelingt, gro\u00dfe Massen des Publikums in seinen Laden zu ziehen, so habe er die solide Konkurrenz schon totgemacht und ver\u00adtr\u00f6stet die K\u00e4ufer, die sich \u00fcber mangelhafte Ware beklagen, auf sp\u00e4tere Zeiten, wenn er erst das Monopol haben werde. Das Publikum aber bedankt sich f\u00fcr so zweifelhafte Wechsel auf die Zukunft und geht lieber zu der soliden Firma, die aus alter kaufm\u00e4nnischer Erfahrung wei\u00df, da\u00df das wichtige nicht das Anlocken, sondern das Festhalten der Kundschaft ist, da\u00df hierf\u00fcr aber auf die Dauer nicht die M\u00e4tzchen der Reklame, nicht Bluff und Schaumschl\u00e4gerei ausschlaggebend sind, sondern einzig und allein gute und preiswerte Qualit\u00e4t der Ware. Darum hat die Propaganda und Massenwerbung nicht entfernt den Grad von Wichtigkeit, den die Espe\u00adrantisten ihr zuschreiben. Die sorgsame sprachtechnische Ausgestaltung der Sprache geht ihr unbedingt und unter allen Umst\u00e4nden vor. Denn so viel ist sicher: mit dem Augenblick, wo der Welt eine Kunstsprache vorliegt, die wirklich nach allen Seiten hin einwandfrei ist, ist eine be\u00adsonders intensive und raffinierte Propaganda f\u00fcr diese gar nicht mehr n\u00f6tig; sie setzt sich dann gewisserma\u00dfen von selbst durch und braucht keinerlei Konkurrenz mehr zu f\u00fcrchten, geschweige denn zu bek\u00e4mpfen. So lange aber die propagierte Sprache noch offenkundige M\u00e4ngel hat, wird man auch mit der wuchtigsten Propaganda wohl einige Zehntausende oder meinetwegen Hundert\u00adtausende unkritischer und begeisterter Schw\u00e4rmer anlocken k\u00f6nnen, aber nun und nimmer die ausschlaggebenden M\u00e4chte des Kulturlebens, von deren Beteiligung doch schlie\u00dflich der Sieg unserer Sache abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Esperantisten erkl\u00e4ren mit Vorliebe, das Esperanto sei ja heute bereits l\u00e4ngst \u00bbeine lebende Sprache,\u00ab ebenso gut, wie viele Nationalsprachen, die auch nicht \u00fcber mehr Angeh\u00f6rige ver\u00adf\u00fcgten, und beklagen sich, wenn Gelehrte sich, zwar allen Ernstes mit dem Baskischen, Ladinischen und sonstigen kleinen Sprachschnitzeln befassen, das Esperanto aber ignorieren oder ihm direkt die Anerkennung als lebende Sprache versagen. Immer wieder der Aberglaube an die alleinseligmachende Kraft der \u00bbgro\u00dfen Ziffer!\u00ab Man vergesse doch nicht, da\u00df auch die kleinste und unbedeutendste Natursprache stets eine Territorial-oder mindestens eine Stammes-Sprache ist. Das bedeutet, da\u00df sie wenigstens f\u00fcr einen gewissen Kreis von Menschen eine Zwangssprache ist, in die das Kind hineingeboren wird, die es als Muttersprache erlernt, ohne darum zu wissen oder gefragt zu werden, die es lernen mu\u00df als unerl\u00e4\u00dfliches Hilfsmittel des t\u00e4glichen Lebens. Das Esperanto aber ist, solange es nicht staatlich als internationale Offizialsprache adoptiert ist, auch bei der gr\u00f6\u00dften Anh\u00e4ngerzahl stets auf den Idealismus und guten Willen einsichtiger Menschen angewiesen, die in jeder Generation von neuem freiwillig sich seiner Erlernung unterziehen. Es kann daher von jedem Wind\u00adhauch der Massengunst, von jedem unvorhergesehenen Zwischen\u00adfall wieder vernichtet werden, solange ihm nicht ein internationaler Akt der Regierungen eine legale Existenz sichert.<\/p>\n<p class=\"western\">Wie wenig die Menge sogenannter Anh\u00e4nger irgend eine Gew\u00e4hr f\u00fcr die Zukunft der Bewegung bieten, das ist doch wohl durch nichts deutlicher ad oculos demonstriert worden, wie durch das Schicksal des Volap\u00fck, das mit seinen \u00e4u\u00dferlichen Er\u00adfolgen schon vor 20 Jahren ebenso weit war wie heute das Es\u00adperanto. Und doch haben alle diese Erfolge nicht verhindert, da\u00df es hilflos und rettungslos zusammenbrach, nachdem sich die sprachtechnische Unvollkommenheit ergeben hatte, da\u00df kaum ein oder zwei Jahre nach dem H\u00f6hepunkte der Be\u00adwegung die ganzen stolzen Hunderttausende von \u00bbTr\u00e4gern der Bewegung&#8221; wie vom Erdboden verschwunden waren. \u2014 Aber die Geschichte ist ja bekanntlich dazu da, da\u00df man nichts aus ihr lernt!<\/p>\n<h1 id=\"die-zukunft-der-bewegung\" class=\"western\">Die Zukunft der Bewegung.<\/h1>\n<p class=\"western\">Ich bin am Ende meiner Ausf\u00fchrungen.<\/p>\n<p class=\"western\">Ich lasse dahingestellt, ob orthodoxe Esperantisten sich durch sie wollen belehren lassen oder nicht. Ich habe ja schon oben bemerkt, da\u00df bei deren Verh\u00e4ltnis zu \u00bbnia kara lingvo\u00ab und \u00abnia glora majstro\u00ab die Gem\u00fcts- und Gef\u00fchls-Impulse viel zu sehr vorherrschen, als da\u00df durch blo\u00dfen Appell an den Verstand ein wesentlicher Erfolg erhofft werden kann. Aber darauf kommt es auch gar nicht so sonderlich an. Wir halten uns an den alten Wahlspruch der Hanse: \u00bbMein Feld ist die Welt\u00ab; will sagen: die esperantistische Organisation in allen Ehren, \u2014 aber sie ist doch im Verh\u00e4ltnis zur Gesamtheit derjenigen Menschenmassen, die erst noch gewonnen werden m\u00fcssen, so bescheiden, da\u00df es wirklich nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig wichtig erscheint, ob aus ihr nun einige Hunderte oder Tausende zur Reform \u00fcbergehen. M\u00f6gen diejenigen, denen f\u00fcr ihre Anwendung der Sprache durch Unter\u00adhaltung im Esperantoverein und Lekt\u00fcre einiger Esperantojournale das alte Esperanto gen\u00fcgt, in Gottes Namen bei ihm verharren. Was wir aber von ihnen verlangen, das ist, da\u00df sie denen Ge\u00adrechtigkeit widerfahren lassen, deren linguistisches Gewissen h\u00f6her ausgebildet ist; da\u00df sie nicht geh\u00e4ssig diejenigen, die in Wirk\u00adlichkeit durch eifrige und erfolgreiche Arbeit die Weltsprache\u00adbewegung ihrem Ziel wesentlich n\u00e4herf\u00fchren, als b\u00f6swillige Zer\u00adst\u00f6rer der gro\u00dfen gemeinsamen Sache zu brandmarken suchen, und ihnen wom\u00f6glich niedrige Motive pers\u00f6nlicher Natur unterschieben. Im \u00fcbrigen wenden wir uns vor allem an das gro\u00dfe Publikum, insbesondere an den weiten Kreis derjenigen, die bisher von der Weltsprachebewegung nichts wissen wollten, weil sie mit berechtigter Skepsis dem Esperanto noch nicht die<\/p>\n<p class=\"western\">F\u00e4higkeit zutrauten, den Anspr\u00fcchen einer internationalen Hilfs\u00adsprache zu gen\u00fcgen. Wir werden ja sehen, wer von beiden Rivalen auf die Dauer die Gunst der \u00d6ffentlichkeit erringt. Mir ist noch kein Mensch vorgekommen, der, wenn er bisher beiden Dialekten gleich fern stand, sich f\u00fcr den alten und gegen den reformierten erkl\u00e4rt h\u00e4tte; und ich glaube, es d\u00fcrfte den Esperantisten recht schwer werden, einen solchen ausfindig zu machen. \u2014<\/p>\n<p class=\"western\">\u00bbAber wie denkt man sich denn nun den weiteren Fortgang der Bewegung?\u00ab, k\u00f6nnte ein Bedenklicher fragen. \u00bbBei einer der\u00adartigen Gestaltung der Dinge kann es doch leicht dahin kommen, da\u00df die beiden Dialekte andauernd nebeneinanderherlaufen; und es w\u00e4re doch eine Absurdit\u00e4t, eine Weltsprache einzuf\u00fchren, bei welcher von vornherein zwei verschiedene Dialekte um die Herr\u00adschaft ringen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"western\">Sehr richtig. Aber es ist auch selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df dieser Zustand nur vor\u00fcbergehender Natur ist. Dar\u00fcber sind wir uns doch wohl alle klar, da\u00df von einem Sieg, von einer endg\u00fcltigen Sicherung der Weltsprachenidee erst dann die Rede sein kann, wenn die Regierungen der wichtigsten Kulturstaaten \u2014 (eine allein wird schwerlich in einer Sache von so weittragender Bedeutung ohne F\u00fchlungnahme mit den anderen isoliert Vor\u00adgehen) \u2014 sich zu der Idee bekennen und ihre praktische Realisie\u00adrung in die Hand nehmen; das wurde schon oben gezeigt. Nun liegt es auf der Hand, da\u00df keine Regierung sich zu einem solchen Schritte entschlie\u00dfen wird, ohne die Angelegenheit vor\u00adher sorgsam nach allen Richtungen hin gepr\u00fcft zu haben, und zwar namentlich auch unter sprachtechnischen Gesichtspunkte. Man wird zweifellos Fachkommissionen namhafter Linguisten einsetzen, welche ihr Gutachten dar\u00fcber abzugeben haben, ob erwartet werden kann, da\u00df ein Versuch in dieser Hinsicht gl\u00fcckt oder ob bestimmte Eigenschaften der zu adoptierenden Hilfssprache ein Mi\u00dflingen bef\u00fcrchten lassen. Diese Vorsicht wird um so sicherer gewahrt werden, wenn zwei verschiedene Dialekte der Welthilfssprache ihre Dienste daf\u00fcr anbieten. Ich selbst bin nun ja der \u00dcberzeugung, da\u00df, ehe dies geschieht, das Esperanto inner\u00adhalb der Weltsprachenbewegung nur noch die Rolle spielen wird, wie heute im praktischen Leben das Hochrad seligen Angedenkens, das man als fr\u00fchere Stufe der Entwicklung wohl als historisches Kuriosum sch\u00e4tzt, praktisch aber nicht mehr verwendet; indessen sollte auch diese Ansicht zu optimistisch sein, \u2014 dar\u00fcber kann aber wohl kein Zweifel herrschen, da\u00df, wenn ein Sprachwissen\u00adschaftler zwischen dem primitiven und dem reformierten Esperanto zu entscheiden hat, seine Wahl ohne jedes Schwanken auf das Letztere f\u00e4llt. Und sogar dann, wenn dieses ihm etwa noch weiter verbesserungsbed\u00fcrftig erscheinen sollte, d\u00fcrften die ge\u00adw\u00fcnschten Verbesserungen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in der Richtung zum Esperanto zur\u00fcck, sondern in der entgegen\u00adgesetzten Richtung, weiter von ihm fort liegen. Bezeichnend daf\u00fcr ist ein Aufsatz des Professors Dr. A. Rothenb\u00fccher, des namhaften Linguisten der Berliner Universit\u00e4t, in Nr. 318 des \u201eTag4&#8242; vom 26. September 1908.&#8217; Dort hei\u00dft es:<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">\u00bbNachdem man in Dresden so herrliche \u00bbErfolge\u00ab des seltsamen Sprach Ungeheuers erlebt hat und selbst an den preu\u00dfischen Kultusminister Holle mit der Bitte herangetreten ist, das Esperanto in den Schulen einzuf\u00fchren, scheint es einmal an der Zeit, die nichtphilologischen von \u00e4u\u00dferen Erfolgen umnebelten Anh\u00e4nger und die der Sache fernstehenden Beh\u00f6rden \u00fcber die M\u00e4ngel dieses k\u00fcnstlichen, aller historischen Entwicklung lebender Sprachen Hohn sprechenden Gebildes aufzukl\u00e4ren.&#8221;<\/p>\n<p class=\"western\">Folgt Aufz\u00e4hlung der bekannten Unvollkommenheiten des Alt-Esperanto. Dann f\u00e4hrt der Autor fort:<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">\u00bbAber man soll das Kind nicht mit dem Bade aussch\u00fctten. Die Idee einer Weltsprache &#8230; hat f\u00fcr Handel und Industrie gewi\u00df gro\u00dfe Vorz\u00fcge, wenn ein solches IJiom auch f\u00fcr Verse unbrauchbar ist. Vielleicht lie\u00dfe sich durch Verbesserungen, durch Beseitigung einiger M\u00e4ngel das Espe\u00adranto allgemein brauchbar gestalten.<\/p>\n<p class=\"western\">Einen ersten aber sehr wichtigen Schritt dazu hat Samenhof selbst schon iin Januar 1894 getan. In seinem Journale \u00bbEsperantisto\u00ab ver\u00f6ffentlichte er ein Reformesperanto:<\/p>\n<ul>\n<li class=\"text-liste-western\">1. Keine Konsonanten mit Zirkumflex<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">2. kein Artikel<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">3. Plural der Substantive auf -i<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">4. Akkusativ wie Nominativ<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">5. die wunderlichen Relativa, Demonstrativa, Indefinita sind verschwunden<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">6. keine Flexion des Adjektivs<\/li>\n<li class=\"text-liste-western\">7. alle deutschen, englischen, slavischen St\u00e4mme sind durch romanische, d. h. internationale ersetzt.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"western\">Den Spuren dieser, von des gutm\u00fctigen Samenhofs Anh\u00e4ngern leider nicht akzeptierten Reform ist nun, allerdings nicht energisch genug, die Pariser Kommission f\u00fcr Einf\u00fchrung einer internationalen Hilfssprache gefolgt. Sie hat ein reformiertes Esperanto unter dem Namen \u201eIdo&#8221; geschaffen. Dazu haben Beaufront und Dr. Couturat ein international-deutsches W\u00f6rterbuch herausgegeben. Der deutsche Satz: \u00bbDie guten M\u00fctter lieben die sch\u00f6nen Kinder&#8221;, hei\u00dft auf Esperanto: \u00bbLa bonaj patrinoj amas ia belajn infanojn\u00ab, auf Ido: \u00bbLa bona patrini amas la bela infani&#8221;. \u00bbDas ist schon ein be\u00addeutender Fortschritt.&#8221;<\/p>\n<p class=\"western\">Also der erste und m. W. bisher einzige Fachmann, der sich seit Erscheinen des Reformesperanto zur Weltsprachenfrage ge\u00ad\u00e4u\u00dfert hat, ein ganz unparteiischer, der Bewegung fernstehender Gelehrter, bezeichnet das Esperanto als ein \u201eseltsames Sprach- ungeheuer&#8221;, w\u00e4hrend er das Reformesperanto als \u201ebedeutenden Fortschritt&#8221; anerkennt und nur bedauert, da\u00df die Reform noch nicht energisch genug gewesen ist!<\/p>\n<p class=\"western\">Falls aber wirklich in dem einen oder anderen Punkte eine R\u00fcckw\u00e4rtsrevidierung der Reform empfohlen werden sollte, \u2014 etwa aus taktischen Gr\u00fcnden, um eine Einigung zwischen beiden Dialekten zu erleichtern,&#8221; \u2014 so d\u00fcrfte der Ausgleichspunkt, auf welchem Re\u00adformisten und Orthodoxe sich zu treffen h\u00e4tten, f\u00fcr erstere h\u00f6chstens 10\u00a0% nach r\u00fcckw\u00e4rts, f\u00fcr letztere mindestens 90\u00a0% nach vorw\u00e4rts liegen, wenn nicht die Sprache ostentativ verschlechtert werden soll. Mit anderen Worten: Wenn der orthodoxe Esperantismus nicht bis dahin \u2014 wie ich allerdings \u00fcberzeugt bin \u2014 l\u00e4ngst von selber gestorben ist, so wird er sein Ende dadurch finden, da\u00df beim endg\u00fcltigen Sieg der Weltsprachenidee bei den ausschlaggebenden Stellen er entweder ignoriert oder aber zu einer Art von \u201eFusion&#8221; mit der ILO gen\u00f6tigt wird, die nicht viel mehr als eine maskierte Form seiner Unterdr\u00fcckung ist.<\/p>\n<p class=\"western\">Man h\u00e4tte es anders haben k\u00f6nnen, wenn die verantwortlichen Personen und Organe der Esperanto-Bewegung nicht im ent\u00adscheidenden Momente vollst\u00e4ndig versagt h\u00e4tten. Die Delegation war zu loyalstem Entgegenkommen bereit, sofern man sich auf esperantistischer Seite nur geneigt erkl\u00e4rte, \u00fcberhaupt in unver\u00adbindliche Verhandlungen mit ihr \u00fcber die wenigen ihr als un\u00aderl\u00e4\u00dflich erscheinenden Grundprinzipien der Reform einzutreten. \u201eAber der gro\u00dfe Moment fand ein kleines Geschlecht!&#8221; Das hochm\u00fctige Bewu\u00dftsein: \u201eWir haben die Macht und lassen uns nicht durch \u201eflankaj personoj&#8221; unsere Kreise st\u00f6ren&#8221; verblendete die verantwortlichen Tr\u00e4ger der Esperantismus derma\u00dfen, da\u00df sie die zu fruchtbarer Zusammenarbeit gebotene Hand zur\u00fcckstie\u00dfen und die Delegation zur Flucht in die \u00d6ffentlichkeit zwangen. Heute, wo die siegreichen Fortschritte der Reformbewegung unzweideutig zutage treten, wo die st\u00fcrmisch bejubelte Erkl\u00e4rung des \u00bbMeisters\u00ab in Dres\u00adden: \u201eJetzt ist alles schon l\u00e4ngst wieder still geworden. Wir k\u00f6nnen \u00fcber diese Vorg\u00e4nge ruhig zur Tagesordnung \u00fcbergehen\u00ab als eine verh\u00e4ngnisvolle Vogel-Strau\u00df-Politik erwiesen hat, d\u00fcrfte wohl schon manchem der Intransigenten vor seiner Got\u00e4hnlichkeit bange geworden sein. Aber jetzt ist es zu sp\u00e4t. \u00bbWas Du vom Augen\u00adblicke ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zur\u00fcck\u00ab. Die Parole: \u00bbLos von Warschau\u00ab ist einmal ausgegeben. Und so wird Esperanto siegen, nicht dank, sondern trotz der Esperantisten.<\/p>\n<h1 id=\"anhang:\" class=\"western\">ANHANG:<\/h1>\n<h2 id=\"das-\u201edichten\u201c-in-esperanto\" class=\"western\">Das \u201eDichten\u201c in Esperanto.<\/h2>\n<p class=\"western\">Ich kann diese Zeilen nicht abschlie\u00dfen, ohne eines be\u00adsonders greulichen Unfugs zu gedenken, durch den sich das Esperanto vor allen andern Weltsprachprojekten auszeichnet. Ich meine das \u00e4u\u00dferst beliebte \u00bbDichten\u00ab in Esperanto, resp. \u00dcbersetzen nationalsprachlicher Dichtungen. Es mu\u00df einmal nachdr\u00fccklich nicht nur ausgesprochen, sondern auch begr\u00fcndet werden, da\u00df und warum eine k\u00fcnstliche Hilfssprache f\u00fcr lyrische Dichtung und dergl. grunds\u00e4tzlich unbrauch\u00adbar ist.<\/p>\n<p class=\"western\">Zun\u00e4chst mu\u00df man sich gegenw\u00e4rtig halten, da\u00df das ganze System einer solchen Sprache darauf aufgebaut ist, da\u00df s\u00e4mtliche W\u00f6rter (mit verschwindenden Ausnahmen) ihren engeren Wort\u00adsinn erst durch die grammatikalischen Endungen erhalten. S\u00e4mt\u00adliche W\u00f6rter des Esperanto zerfallen sonach in ungef\u00e4hr siebzig verschiedene Endungsklassen, die zugleich Sinngruppen sind. Das Reimen im Esperanto ist demnach jeweils beschr\u00e4nkt auf solche W\u00f6rter, die unter sich zu der gleichen Sinnklasse ge\u00adh\u00f6ren. Es kann also zun\u00e4chst ein Hauptwort nur auf ein Hauptwort, ein Verbum nur auf ein Verbum, ein Adjektiv nur auf ein Adjektiv, ein Adverb nur auf ein Adverb, Zahlw\u00f6rter, Verh\u00e4ltnis-, Umstandsw\u00f6rter und dergl. aber, von einigen wenigen abge\u00adsehen, \u00fcberhaupt nicht gereimt werden. Ja, mehr als das! Es kann auch ein Akkusativ nur auf einen Akkusativ, ein Partizip Aktivi Pr\u00e4sentis nur auf ein solches, ein Indikativ Imperfektivi Aktivi nur auf ebensolchen etc. gereimt werden. Noch weiterl Man kann auf ein Adjektiv, das den Sinn hat, eine Neigung aus\u00adzudr\u00fccken (z. B. von kredi, glauben, kredema, leichtgl\u00e4ubig) nur ein solches reimen, das ebenfalls eine Neigung ausdr\u00fcckt (etwa mensogema, verlogen); auf ein Hauptwort, das einen Ort be\u00adzeichnet (z. B. kuirejo, K\u00fcche, von kuiri, kochen) stets wieder nur eins, das einen Ort bezeichnet (etwa pregejo, Kirche, von pregi, beten) usw. Man begreift ohne viel Nachdenken, eine wie uner\u00adtr\u00e4gliche Eint\u00f6nigkeit und Bewegungsenge des Gedankens -damit geschaffen ist, die kein noch so begabter Dichter auf die Dauer \u00fcberwinden kann.<\/p>\n<p class=\"western\">Ich wei\u00df wohl, da\u00df es einige Ausnahmen gibt, sofern eine kleine Anzahl W\u00f6rter in ihrer nun einmal gegebenen internationalen Form zuf\u00e4llig auf eine grammatische Endung reimbar sind, z. B. carlatano, divano, kadeto, diskreta, ekzemplero, kanono, salono, kalendaro, okulo etc. Aber Samenhof hat diese W\u00f6rter planm\u00e4\u00dfig auf ein Mindestma\u00df beschr\u00e4nkt, und wo es sich irgend machen lie\u00df, lieber die Wortst\u00e4mme verst\u00fcmmelt, um ihr Ausgehen auf eine grammatische Endung, zwecks Vermeidung von Mi\u00dfverst\u00e4nd\u00adnissen, zu vermeiden (z. B. kameno statt kamino, cigaredo statt cigareto). Diese wenigen Ausnahmen best\u00e4tigen daher nur die Regel.<\/p>\n<p class=\"western\">Dazu kommt aber nun noch ein anderes schwerwiegendes Moment: Die Esperantosprache betont grunds\u00e4tzlich und aus\u00adnahmslos die vorletzte Silbe. Das bedeutet f\u00fcr die Dichtung, da\u00df nur troch\u00e4ische Reime m\u00f6glich sind. Jambische Reime sind fast einzig und allein durch Reimen der Personalpronomina untereinander erzielbar, was denn auch weidlich ausgenutzt wird, ohne jedoch den prinzipiellen Mangel tilgen zu k\u00f6nnen. Eine Lyrik mit lauter troch\u00e4ischen (zweisilbigen) Endreimen wirkt aber nicht nur gleichfalls unsagbar eint\u00f6nig, sondern macht auch jeden inneren Rhythmus eines Gedichts, jeden eindrucksvollen Strophenbau unm\u00f6glich. Und dieses sind Momente, welche die lyrische Wirkung kaum minder beeinflussen, wie der Reim. Ge\u00adsungene Verse, besonders wenn sie sich bekannten Melodien an\u00adpassen sollen, sind in korrekter Form \u00fcberhaupt kaum herstellbar. Denn keine Melodie kann st\u00e4ndig auf den jambischen (einsilbigen) Endreim verzichten.<\/p>\n<p class=\"western\">Um nun diesen unerl\u00e4\u00dflichen Anforderungen der Lyrik einigerma\u00dfen nachkommen zu k\u00f6nnen, wird in der esperantistischen Lyrik in schauerlichster Weise mit Apostrophen gearbeitet. Man reimt z. B. \u00bbPer vinbera fort\u2019 \u2014 Kontrau iu sort&#8217;\u201c d. h. forta auf sorto! Oder (in Vers 4 des Goetheschen \u00bbIch hab mein Sach auf nichts gestellt\u201c): for, kor(o), restad(i), kamarad(o). In der \u00dcbersetzung von Kerners \u00bbWohlauf noch getrunken ..\u00ab sind von 20 Endreimen nicht weniger wie 16 durch Apostrophierung her\u00adgestellt, ungerechnet die, zur Erzielung des Metrums, noch innerhalb der Verszeilen vorgenommenen. \u2014 Nun sind Wort\u00adabk\u00fcrzungen selbstverst\u00e4ndlich in allen lebenden Sprachen voll\u00adkommen erlaubt und m\u00f6glich, und fallen h\u00f6chstens, wenn sie im \u00dcberma\u00df gebraucht werden, als unk\u00fcnstlerisch auf. Im Esperanto aber gibt, wie oben bemerkt, die Endung dem Wort \u00fcberhaupt erst seinen Charakter. Ein apostrophiertes \u00bbsan&#8217;\u201c kann sowohl hei\u00dfen: die \u00bbGesundheit\u201c, wie \u00bbgesund\u201c, wie \u00bbgesund sein&#8221;; \u00bbparol\u201c: das \u00bbWort&#8221; oder \u00bbsprechen&#8221; oder \u00bbm\u00fcndlich\u00ab. Mit der grammatischen Endung streiche ich also just das wesentliche und ma\u00dfgebende Moment am Worte fort. Und das ist schlechter\u00addings unang\u00e4ngig. Das Fundamento gestattet demgem\u00e4\u00df auch nur die Apostrophierung des -o. Aber in diesem Punkte tritt man das heilige Buch mit F\u00fc\u00dfen: \u201eReim\u2019 dich oder ich fresse dich&#8221;.<\/p>\n<p class=\"western\">Aber selbst wenn wir vom Reime ganz absehen, so bleibt auch das Dichten an sich in einer Welthilfssprache \u2014 mindestens auf lange Zeit hinaus \u2014 bedenklich; und zwar aus dem ein\u00adfachen Grunde, weil eine solche Sprache (wenigstens zun\u00e4chst) keinerlei Gef\u00fchlscharakter hat und nur auf rein logische Wiedergabe des gedanklichen Begriffs zugeschnitten ist, weil ihr demzufolge v\u00f6llig und absolut die poetische Ausdrucks\u00adweise und Phraseologie fehlt, die f\u00fcr eine Dichtung auch bescheidenster Art unerl\u00e4\u00dflich ist. Wenn ich etwa den Satz \u00bbEine einsame Z\u00e4hre netzte ihr die fahle Wange\u201c \u00fcbersetzen mu\u00df mit \u00bbEine alleinige Tr\u00e4ne machte ihre blasse Backe na\u00df&#8221;, so wirkt das nicht poetisch, sondern hochgradig l\u00e4cherlich. Wenn ich sage: \u00bbMit gramvollem Antlitz und umflortem Blick wandelte er rastlos durch die einstmals so trauten, nun \u00f6den und d\u00fcsteren Ge\u00adm\u00e4cher\u201c, so suggeriere ich dem Leser eine ganz bestimmte Ge\u00adm\u00fctsstimmung. Wenn ich dagegen sage: \u00bbMit verdrie\u00dflichem (cagrena) Gesicht und krepartigem (krepo der Flor) Sehen (rigardo) ging er unruhig durch die fr\u00fcher so gem\u00fctlichen, jetzt w\u00fcsten (dezerta) und dunkelen Stuben (appartementoj),\u00bb so ist mit einem Schlage jede Stimmung zum Teufel.<\/p>\n<p class=\"western\">Also, um zum Schlu\u00df zu kommen: Man mag harmlose unterhaltende Erz\u00e4hlungen, Lustspiele und dergl. oder \u00dcber\u00adsetzungen solcher ver\u00f6ffentlichen! Dagegen ist nichts einzuwenden. Auch Dramen in denen die Stimmung und die event. Tragik mehr oder weniger ausschlie\u00dflich auf reingedanklichem Wege erzeugt wird, mag man in einer Kunstsprache wiedergeben k\u00f6nnen: Hamlet, den Kaufmann von Venedig, Nachtasyl, Sodoms Ende etc. Aber das lyrisiche Dichten lasse man gef\u00e4lligst bleiben, und das \u00dcbersetzen nationaler Lyrik und lyrische Dramatik ebenso. Schon um in einer nationalen Sprache \u2014 die grunds\u00e4tzlich doch dieselbe reiche F\u00fclle von Ausdrucks- und Nuancierungs\u00adMitteln hat, wie eine andere \u2014 eigentliche Dichtungen einer fremden Nationalsprache wiedergeben zu k\u00f6nnen, bedarf es nicht eines \u201e\u00dcbersetzers&#8221;, sondern eines \u201eDichters&#8221;, der die Dichtung \u2014 oft in notwendig freiester Weise \u2014 nachdichtet, und dichterische Naturen sind die Chefs der heutigen Esperanto\u00adbewegung insgesamt wei\u00df Gott nicht. Wenn man uns aber poetische Meisterwerke, wie Iphigenie, Faust, Tasso, die Braut von Messina, Wilhelm Teil u. dergl., in Esperanto \u201e\u00fcbersetzt&#8221; vorsetzt, so ist und bleibt das, mag die \u00dcbersetzung noch so ge\u00adschickt \u201eangefertigt&#8221; sein, nach meiner Ansicht eine Geschmack\u00adlosigkeit, deren sich kein anderes Weltsprachenprojekt bisher schuldig gemacht hat und die der Weltsprachenidee bei allen ernsten und kritischen K\u00f6pfen nur schaden kann.<\/p>\n<h1 id=\"nachbemerkungen-zu-abschnitt-i\" class=\"western\">Nachbemerkungen zu Abschnitt II, 2 und 6.<\/h1>\n<h1 id=\"die-\u201eanheimelnden\u201c-oj-und-\" class=\"western\">Die \u201eanheimelnden\u201c oj und uj.<\/h1>\n<p class=\"western\">Zur Rechtfertigung der oj, uj etc. haben die Esperantisten jetzt neuerdings noch ein besonders tiefgr\u00fcndiges Moment erdacht: Sie f\u00fchren an, da\u00df diese aus dem Russischen stammenden Laute den Russen besonders \u00bbanheimelten\u00ab; eine Weltsprache m\u00fcsse aber, um die Angeh\u00f6rigen aller Nationen f\u00fcr sich zu gewinnen, f\u00fcr jede Sprachgruppe etwas, das sie besonders anheimele, enthalten! \u2014 Ich wei\u00df wirklich nicht, ob man derartiges ernst nehmen soll. Nach dieser Logik w\u00e4re nicht zu verstehen, warum Samenhof nicht auch das englische Lispel-th, die franz\u00f6sischen Nasallaute, die polnisch-czechischen Nie\u00dflaute und die Schnalzlaute der Hottentotten in sein die \u00bbkara lingva\u00ab hineingebracht hat. \u00dcberdies aber \u00fcbersieht dieses spa\u00dfige Argument die drastische Tatsache, da\u00df die oj und uj dem eigentlichen Russen, der keine westeurop\u00e4ischen Sprachen kennt, um keine Spur \u00bbrussischer\u00ab \u00bbanheimeln\u00ab, als jeder beliebige andere Laut des russischen Alphabets. Oder glaubt man vielleicht, ein biederer deutscher Reichsb\u00fcrger empfinde das ch und au als in h\u00f6herem Grade \u00bbdeutsch\u00ab und \u00bbanheimelnd\u00ab, wie meinetwegen das f oder m, nur deshalb, weil viele nichtdeutsche V\u00f6lker das ch und au nicht oder nur schwer aussprechen k\u00f6nnen? \u00bbIm Auslegen seid ihr munter. Legt ihr nicht aus, so legt ihr unter!\u00ab Diese kl\u00e4glichen Versuche, offenkundige M\u00e4ngel des Esperanto nachtr\u00e4glich gewaltsam in tiefdurchdachte und wohlbeabsichtigte Feinheiten der Sprache umzudeuten, beweisen psychologisch schlagender als alles Raisonnement, da\u00df man im esperantistischen Lager f\u00fcr Vernunftgr\u00fcnde und n\u00fcchterne Zweckm\u00e4\u00dfigkeitserw\u00e4gungen einfach unzug\u00e4nglich ist und die Weltsprache nicht als ein durch wissenschaftliche Zusammenarbeit zu l\u00f6sendes Problem, sondern als eine bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigende Festung behandelt.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Liberation Sans, sans-serif;\">Inhaltsverzeichnis der Orginalver\u00f6ffentlichung<\/span><\/p>\n<p class=\"western\">1).<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">I. Die Entstehung der Krise 3<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">II. Die wesentlichen M\u00e4ngel des Esperanto und die Reformen der Delegation.<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">1. Die Akzente 8<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">2. Die aj und oj 12<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">3. Die \u00bbtabelo de pronomoj\u00ab 15<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">4. Der Akkusativ 18<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">5. Unklarheit der Wortableitung 21<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">6. Unzureichende Internationalit\u00e4t der Wortst\u00e4mme 22<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">II. Der Orthodoxismus der Esperantisten und seine Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">1. Agitatorische Massenwerbung statt wissenschaftlicher Pr\u00fcfung . . 30<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">2. Konservative Tendenz als nat\u00fcrliche Stimmung der Massen &#8230; 35<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">3. Der Aberglaube an den Sieg als eine Machtfrage 37<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">4. Die angebliche Schwersprechbarkeit des Reformdialektes &#8230;. 39<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">5. Logische Unklarheit als \u00bbVorzug&#8221; des Esperanto 41<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">6. Die Furcht vor der \u00abSchraube ohne Ende&#8221; ._47<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">IV. Die Weltsprache nicht Sch\u00f6pfung eines einzelnen Genies.<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">1. Der wissenschaftliche Charakter des Weltproblems 51<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">2. Der heutige Stand der L\u00f6sung der Aufgabe 53<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">3. Die allm\u00e4hliche Ann\u00e4herung an das Ziel 65<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">4. Die \u201eErfolge&#8221; des Esperanto 68<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">V. Das Fundamento netu\u015deb1a und seine Interpretation.<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">L Samenhofs Vorrede zum \u00bbFundamente&#8221; 72<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">2. Was \u201edarf\u201c am Esperanto eventuell sp\u00e4ter einmal reformiert werden ? 77<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">3. Ist ein Aufschub der Reformen tunlich? 82<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">VI. Die Zukunft der Bewegung 85<\/p>\n<p class=\"text-liste-western\">Anhang: Das \u201eDichten\u00ab in Esperanto 90<\/p>\n<p class=\"western\">Nachbemerkungen zu Abschnitt II, 2 und 6: Die \u201eanheimelnden&#8221; oj und uj 94<\/p>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum ich Esperanto verlie\u00df. Eine Studie \u00fcber die gegenw\u00e4rtige Krisis und die Zukunft der Weltsprachen-Bewegung. Von Dr. Walther Borgius bisherigem Vizepr\u00e4sidenten der Ortsgruppe Berlin der Deutschen Esperanto-Gesellschaft Berlin 1908 Druck und Verlag von Liebheit &amp; Thiesen. Adresse W. 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