{"id":7553,"date":"2019-10-14T22:44:25","date_gmt":"2019-10-14T21:44:25","guid":{"rendered":"https:\/\/esperanto.berlin\/?page_id=7553"},"modified":"2019-10-15T00:20:36","modified_gmt":"2019-10-14T23:20:36","slug":"borgius-1919","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/borgius-biografio\/borgius-1919\/","title":{"rendered":"Borgius 1919 zum V\u00f6lkerbund"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-7555\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Borgius-1919-V\u00f6lkerbund-Titel-400ox.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"412\" \/>Seine Schrift \u00bbDer V\u00f6lkerbund, Seine Kultur- und Wirtschaftsaufgaben\u00ab von 1919 hat Walther Borgius noch im Dezember 1918 geschrieben. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs war pl\u00f6tzlich die lange propagierte Idee eines \u00bbV\u00f6lkerbunds\u00ab in greifbare N\u00e4he ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Borgius hatte sich dem \u00bbBund Neues Vaterland\u00ab angeschlossen, den pazifistisch und sozialistisch gesinnte Intellektuelle gegr\u00fcndet hatten, mit denen Borgius teilweise schon fr\u00fcher zusammen gearbeitet hatte (etwa Helene St\u00f6cker im \u00bbBund f\u00fcr Mutterschutz\u00ab).<\/p>\n<p>In seiner Schrift geht Borgius auch auf das Sprachproblem in der k\u00fcnftigen internationalen Organisation ein. Er betont, dass er weder ein Anh\u00e4nger von Esperanto (das war er 1907), noch des Ido sei. Beide Projekte nennt er das Werk von Dilettanten und fordert eine Sprache, die von Fachleuten der Sprachwissenschaft entworfen wird.<\/p>\n<p>Seine Darstellung des k\u00fcnftigen Beamtenapparats in der Zentrale des V\u00f6lkerbunds nimmt die Situation in der heutigen EU-B\u00fcrokratie vorweg, mit allen Problemen, die sich aus den verschiedenen Sprachen ergeben.<\/p>\n<p>Er schreibt auf Seite 14 bis 18:<\/p>\n<p>Geben wir dem V\u00f6lkerbund aber ein internationales Heer, so m\u00fcssen wir ihm aber auch das Mittel geben, es zu kommandieren:<\/p>\n<h2 id=\"eine-internationale-sprache\" class=\"western\">Eine internationale Sprache.<\/h2>\n<p>Man braucht sich nur der tragikomischen und grotesken Vorkommnisse zu erinnern, die jetzt schon sich hier und da im Heer der Entente oder auch bei den Truppen unserer Bundesgenossen ereigneten, um zu verstehen, was Sprachverschiedenheit f\u00fcr ein k\u00e4mpfendes Heer besagt. Um wie viel mehr aber f\u00e4llt das ins Gewicht, wenn es sich nicht um nur gemeinschaftlich k\u00e4mpfende Heere verschiedener Staaten handelt, sondern um ein einheitliches, aber aus verschiedensprachigen Elementen zusammengesetztes Heer. Indessen keineswegs nur die milit\u00e4rische Seite der Sache erfordert eine einheitliche internationale Sprache, sondern in ebenso hohem, ja noch h\u00f6herem Grade die wirtschaftliche und kulturelle Arbeit des V\u00f6lkerbundes. Dieser wird zun\u00e4chst doch seinen Niederschlag finden in einer Art von internationalem Parlament von Staatsvertretern.<\/p>\n<p>Wie denkt man sich die Verhandlungen desselben ohne Proklamierung einer einheitlichen Weltsprache? In gro\u00dfem Umfang wird ferner dieses Parlament (oder sein Vollzugsausschu\u00df bzw. seine Fachaussch\u00fcsse in Einzelfragen Gutachter und Sachverst\u00e4ndige verschiedenster Nationalit\u00e4t anh\u00f6ren m\u00fcssen. Es wird seine Verhandlungen fortlaufend in offiziellen Protokollen ver\u00f6ffentlichen m\u00fcssen, usw. Man kann sich schlechterdings kein Bild davon machen, wie alle diese Arbeiten vor sich gehen sollen, wenn mit dem bisherigen Turm von Babel weitergewurstelt wird.<\/p>\n<p>Schon in weit kleineren Verh\u00e4ltnissen hat die Sprachverschiedenheit die fatalsten Situationen heraufbeschworen: Drastisch hat der Direktor im Ausw\u00e4rtigen Amt, Dr. Johannes, die sprachlichen Schwierigkeiten bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk im Hauptausschu\u00df des Reichstages am 19. Januar 1918 geschildert. Man erinnere sich auch der Schwierigkeiten bei den Marokkoverhandlungen: Der spanische Minister des Ausw\u00e4rtigen konnte weder Franz\u00f6sisch noch Englisch, der franz\u00f6sische Gesandte weder Spanisch noch Englisch, der englische Botschafter weder Spanisch noch Franz\u00f6sisch, so da\u00df jedes Wort der Verhandlungen in zwei andere Sprachen verdolmetscht werden mu\u00dfte, worunter nat\u00fcrlich die Pr\u00e4zision der Verst\u00e4ndigung au\u00dferordentlich litt.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chstliegender Ausweg erschien es, da\u00df man durch internationale Vereinbarung irgendeine lebende Sprache ein f\u00fcr allemal zur internationalen Vermittlungssprache erkl\u00e4rte. Dann d\u00fcrfte dies aber selbstverst\u00e4ndlich weder das Franz\u00f6sische noch das Englische sein, die heute beide eine Art taktischer Weltsprache darstellen, sondern die Sprache irgendeines Volkes, welches erstens in dem jetzigen Kriege neutral geblieben ist und zweitens durch seine (voraussichtlich auch f\u00fcr alle Zukunft) geringe wirtschaftliche und politische Bedeutung nicht die Gefahr in sich tr\u00fcge, da\u00df die Funktion seiner Sprache als Weltsprache ihm einen f\u00fcr die anderen V\u00f6lker verh\u00e4ngnisvollen Vorsprung im Kampf um die Weltmacht und um den Weltmarkt gew\u00e4hrte. Diese Bedeutung der Sprache als Machtfaktor und Waffe, deren man sich fr\u00fcher kaum bewu\u00dft gewesen ist, ist ja neuerdings ostentativ in den Vordergrund getreten.<\/p>\n<p>Man \u00fcberlege nur, was f\u00fcr eine gewaltige Bedeutung es praktisch hat, da\u00df beispielsweise der englische Arbeiter, Bauer, Handwerker, Ingenieur, Techniker, Arzt oder Jurist ohne jede Sprachschwierigkeit nach Belieben sich in ganz Amerika und Kanada, in Australien, S\u00fcdafrika, Indien und auf so und so vielen lnseln, ia sogar in den gro\u00dfen Hafenpl\u00e4tzen ganz fremdsprachiger Gebiete niederlassen und ungehindert seinem Verdienst und seiner sonstigen Bet\u00e4tigung nachgehen kann. Man bedenke, da\u00df das Buch oder die Brosch\u00fcre, die ein Engl\u00e4nder schreibt, die Korrespondenzen, Zeitungen oder Zeitschriften, die in England erscheinen, ohne weiteres ihr Lesepul\u0131likum in all den genannten Gebieten und dar\u00fcber hinaus in der gebildeten Welt auch aller \u00fcbrigen Staaten finden. Man vergleiche damit die Aussichten, die etwa ein ungarisches oder polnisches, italienisches oder holl\u00e4ndisches, schwedisches oder bulga\u0131isches Druckwerk demgegen\u00fcber hat. Dann versteht man, was f\u00fcr eine gewaltige Wichtigkeit die Frage der Weltsprache f\u00fcr die Praxis hat.<\/p>\n<p>Und allzuviel besser als die Angeh\u00f6rigen der eben geschilderten kleinen V\u00f6lker stehen wir Deutschen auch nicht da, Abgesehen von dem ansich gr\u00f6\u00dferen Umfang des Herrschaftsgebiets unserer Sprache im Deutschen Reich, Deutsch-\u00d6sterreich und der Schweiz und allenfalls noch in den kleinen germanischen Grenzgebieten Holland und Skandinavien, in denen man wenigstens beim gebildeten Publikum mit deutsch einigerma\u00dfen durchkommt, steht ein nur die Muttersprache beherrschender Deutscher oder ein in deutscher Sprache erscheinendes Pre\u00dfprodukt dem Ausland ebenso hilflos gegen\u00fcber wie jene.<\/p>\n<p>Als solche konventionelle Weltsprache k\u00f6nnte etwa das Spanisch-Portugiesische oder das Schwedisch-Norwegische in Betracht kommen. Einen gewichtigen Einwand aber k\u00f6nnte auch diese Wahl nicht widerlegen: da\u00df alle lebenden Nationalsprachen, welche man auch w\u00e4hlen mag, sprachtechnisch viel zu schwierig sind, um ernstlich allgemein als \u201ezweite Sprache&#8221; jedes Kulturmenschen Geltung zu gewinnen, in allen Elementarschulen gelehrt werden zu k\u00f6nnen. Wie gering ist schon selbst unter den gebildeten Deutschen die Zahl derer, welche die englische oder franz\u00f6sische Sprache wirklich beherrschen! Von den z\u00fcnftigen Diplomaten abgesehen, sind es in der Hauptsache f\u00fchrende Personen aus den Kreisen von Handel und Industrie. Bei der erheblichen Unregelm\u00e4\u00dfigkeit und Kompliziertheit, welche mehr oder weniger ein Charakteristikum aller lebenden Sprachen ist, nimmt das Erlernen einer fremden Sprache eben ein derartiges Ma\u00df von Zeit und Arbeitskraft in Anspruch, da\u00df es sich naturgem\u00e4\u00df auf verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kleine Kreise aus dem h\u00f6her gebildeten Publikum beschr\u00e4nken mu\u00df und da\u00df selbst diese es zu~ meist nur zu einem kl\u00e4glichen Radebrechen, bzw. einem d\u00fcrftigen Verstehen gedruckter Texte bringen.<\/p>\n<p>Diese Gesichtspunkte sind aber um so schwerwiegender, als die k\u00fcnftige internationale Zusammenarbeit der Nationen im V\u00f6lkerbund ja nicht mehr, wie bisher die internationale Verst\u00e4ndigung zwischen den Regierungen, ein Privileg polyglotter Diplomaten oder Kaufleute sein, sondern im Gegenteil sich gerade vorzugsweise mit auf dem Zusammenwirken ungelehrter einfacher Proletarier aufbauen wird. Gerade die untersten Volkskreise haben k\u00fcnftig das intensivste Interesse an der Mitwirkung an und st\u00e4ndiger Information \u00fcber die T\u00e4tigkeit des V\u00f6lkerbundes. Also mu\u00df diese in einer Sprache erfolgen, welche allen zug\u00e4nglich ist, allenthalben in den Elementarschulen als zweite Kultursprache neben der Muttersprache gelernt werden kann.<\/p>\n<p>Erweist sich zu diesem Ende die Erkl\u00e4rung einer lebenden Sprache zum internationalen ldiom als nicht durchf\u00fchrbar, so bliebe nur noch eine zweite M\u00f6glichkeit, n\u00e4mlich die Annahme einer adhoc ausgearbeiteten k\u00fcnstlichen Neutralsprache. Ich bin weder \u201eEsperantist\u201c, noch \u201eldist&#8221; (Reform-Esperantist), noch sonst Vertreter einer der zahlreichen Weltsprachensysteme. Im Gegenteil: Nachdem ich eine Reihe von Jahren hindurch eifriger Mitarbeiter erst des \u201eEsperanto&#8221;, dann des \u201eIdo\u201c gewesen war, habe ich schlie\u00dflich die \u00dcberzeugung gewonnen, da\u00df es auf diese \u0131n Wege nicht geht. Immerhin stehe ich deshalb nicht dcm Gedanken einer k\u00fcnstlichen Neutralsprache grunds\u00e4tzlich ablehnend gegen\u00fcber, bin vielmehr geneigt, die bisherigen Mi\u00dferfolge der Weltsprachenbewegung lediglich bestimmten Fehlern zur Last zu legen, die mir in der Weltsprachenbewegung entgegengetreten sind. Ihr bisheriger Mi\u00dfertolg liegt meines Erachtens haupts\u00e4chlich an zwei Umst\u00e4nden:<\/p>\n<p>Erstens ist das, was bisher an Sprachsystemen t\u00fcr diesen Zweck erdacht, angeboten und praktisch propagiert wurde, in der Tat durchweg so stark Dilettantenarbeit gewesen, da\u00df schon dem etwas kritischen Laien ihre konstitutionellen M\u00e4ngel nicht verborgen bleiben konnten. Ist doch keiner der bisherigen Weltsprachen-Erfinder auch nur auf den Gedanken gekommen, da\u00df man nicht gen\u00fcgend ger\u00fcstet sei, eine neue Sprache auszuarbeiten, wenn man ein paar lebende Sprachen mehr oder weniger gut gelernt habe, sondern da\u00df man sich zu solchem Zweck zun\u00e4chst einmal eine l\u00e4ngere Reihe von Jahren hinsetzen m\u00fcsse, um n\u00fcchtern und flei\u00dfig Sprachwissenschaft zu studieren, durch eine Anzahl einwandfreier fachwissenschattlicher Vorarbeiten sich als Sachkenner auszuweisen, und \u00fcberhaupt erst einmal die f\u00fcr den Plan einer Weltsprache in Betracht kommenden Probleme kennen zu lernen.<\/p>\n<p>Zweitens aber hat die Sprachwissenschaft auf diesem wichtigen Gebiete bisher vollkommen versagt. Mit verschwindenden Ausnahmen vereinzelter Personen, die sich f\u00fcr die Bewegung interessierten [wie Schuchardt-Wien f\u00fcr das Volap\u00fck, Baudonin de Courtenay-Petersburg f\u00fcr das Esperanto, Jespersen~Kopenhagen f\u00fcr das Ido [Reform-Esperantoll. haben die Sprachwissenschaftler aller Nationen dieser interessantesten Kulturerscheinung ihres Fachgebietes gegen\u00fcber nichts bezeigt, als den \u00fcblichen jede Ber\u00fchrung ablehnenden akademischen D\u00fcnkel gegen\u00fcber dem Nicht-Zunftgenossen, der an die Probleme der Zunftgelehrsamkeit zu r\u00fchren wagt, bzw., wo sie sich einmal mit der Frage befassen mu\u00dften, (wie z. B. Brugmann und Leskien auf Ansuchen der S\u00e4chsischen Akademie der Wissenschaften] ihren Witz an einigen offenkundigen konkreten M\u00e4ngeln gerieben, ohne dem Problem selbst irgendwie n\u00e4her zu treten. [Ganz wie die Naturwissenschaftler gegen\u00fcber der W\u00fcnschelrute und dem Hypnotismus, die Techniker gegen\u00fcber der Luftschifffahrt] Hier wird der V\u00f6lkerbund einzusetzen haben:<\/p>\n<p>Er mu\u00df aus den wissenschaftlichen Neuphilologen aller L\u00e4nder einen Sonderausschu\u00df einsetzen, der mit der Aufgabe betraut wird, die bisherigen zahlreichen Entw\u00fcrfe einer Neutralsprache zu pr\u00fcfen; festzustellen, was an ihnen Gemeinsames und Brauchbares ist, was f\u00fcr M\u00e4ngel und Grundfehler sie aufweisen, und endlich an der Hand der bislang im Laufe der Jahrzehnte gemachten Erfahrungen und Ergebnisse die Grundlagen f\u00fcr eine einwandfreie Internationalsprache zu schaffen. Dies ist keineswegs so schwierig und aussichtslos, wie der Laie auf den ersten Blick meint, wenn man nur erst einmal auf wirklich systematischem Wege und mit dem notwendigen wissenschaftlichen R\u00fcstzeug an die Arbeit herangeht.<\/p>\n<p>Bis das Ziel erreicht ist, kann aber getrost das Esperanto oder Reform-Esperanto als provisoische Neutralsprache den Zwecken des V\u00f6lkerbundes dienen, wenn man sich nicht dazu entschlie\u00dfen will, einstweilen noch dem Franz\u00f6sischen seine bisherige Rolle als D\u00edplomatensprache zu belassen. Der Haupteinwand, der namentlich auch von fachwissenschaftlicher Seite gegen jede k\u00fcnstliche Weltsprache vorgebracht worden ist, ist der, da\u00df eine solche mit Naturnotwend\u00edgkeit in k\u00fcrzester Frist entarten, n\u00e4mlich sich in eine gro\u00dfe Anzahl von Dialekten spalten werde, die allm\u00e4hlich dann wieder zu besonderen Sondersprachen werden w\u00fcrden. So schreibt Brugmann (a.a.O.):<\/p>\n<p>\u201eDie Sprache ist . . . . ununterbrochen der Entwicklung, dem Wandel unterworfen . . . . Findet nun neben der Nationalsprache des Landes in diesem eine andere Sprache Eingang und Verbreitung, . . . so beginnt ein h\u00f6chst verwickeltes Spiel von Ver\u00e4n derung en . . . . Die Fremdsprache bleibt nie rein, namentlich nicht im Lautlichen, in Wort- und Satzf\u00fcgung. und im Phraseologischen . . . . \u00fcber die buntscheckige Sprachenkarte Europas ausgegossen, m\u00fc\u00dfte die Hil\u00edssprache ihre eigene Farbe auf die Dauer wahren k\u00f6nnen; es d\u00fcrften keine Verflie\u00dfungen eintreten, die zu solchen Verschiedenheiten f\u00fchrten, da\u00df das gegenseitige Verstehen sehr wesentlich beeintr\u00e4chtigt und allm\u00e4hlich ganz aufgehoben wird. Wie das abzuwenden w\u00e4re, sehe ich nicht. Wenn das Franz\u00f6sische in Deutschland oder in England schlecht und falsch gesprochen oder geschrieben wird, so ist davon f\u00fcr das Franz\u00f6sische selbst nichts zu bef\u00fcrchten, Denn die Franzosen stellen die Norm dar, nach der sich alle Nicht-Franzosen zu richten haben. . . . .<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Sprache und so jede lebende Sprache hat eine Heimat, Wenn aber die internationale Kunstsprache, die nichts Bodenst\u00e4ndiges ist, \u2026. Seitenspr\u00fcnge tut, und wenn die kulturelle Weiterentwicklung der Menschheit Um- und Neubildungen in dieser Sprache n\u00f6tig macht, woher sollen dann Norm und Regcl geholt werden? \u2026. Man gr\u00fcnde der Hiltssprache ein eigenes Vaterlandl . . . . Dort h\u00e4tte man dann die Norm und von dort aus w\u00e4re dann der Hillssprache , . . . . ihre Einheitlichkeit zu wahren.&#8221; Nun,diesesVaterland der internationalen Neutralsprache, welches Brugmann bisher nicht unberechtigt vermi\u00dft, wird k\u00fcnftig eben der V\u00f6lkerbund sein. Seine nach Tausenden und bald vermutlich nach Zehntausenden z\u00e4hlenden Scharen von Beamten und Angestellten werden, weil den verschiedensten Nationen entstammend, unweigerlich auf den Gebrauch der Neutralsprache untereinander angewiesen sein und so wird in ihm der internationalen Sprache auch das n\u00f6tige internationale Heimatland entstehen, ohne Territorium und Grenzen, und doch gesicherter, als ein Territorialstaat, weil verankert nicht in zuf\u00e4lligen milit\u00e4rischen St\u00e4rkeverh\u00e4ltnissen, sondern in den soziologischen Notwendigkeiten der Menschheit. V\u00f6lkerbund und Neutralsprache sind zwei Dinge, die sich gegenseitig bedingen, eines ohne das andere nicht sein k\u00f6nnen. Dar\u00fcber m\u00fcssen wir uns klar sein. Weit \u00fcber die politischen Aufgaben der Sicherung des Weltfriedens hinaus wird aber der V\u00f6lkerbund eine gewichtige Funktion auszu\u00fcben haben im Sinne einer<\/p>\n<h2 id=\"internationalisierung-des-wirt\" class=\"western\">Internationalisierung des Wirtschattslebens.<\/h2>\n<p>Seit Jahrzehnten ist es schon ein viel gebrauchtes Schlagwort gewesen, da\u00df die Wirtschaft sich von der mittelalterlichen \u201eStadtwirtschaft\u201c \u00fcber die neuzeitige \u201eVolkswirtschaft\u201c hinaus zur nun- mehrigen \u201eWeltwirtschaft&#8221; entwickelt habe. ln Wirklichkeit haben wir aber bisher eine Weltwirtschaft noch so gut wie gar nicht gehabt, sondern nur zwischenstaatliche Beziehungen zwischen Nationalwirtschaften, \u201eWeltwirtschaft\u201c, d. h. planm\u00e4\u00dfige Zentralorganisation des Wirtschaftslebens \u00fcber die ganze Welt hin, zu schaffen, ist eine noch der Zukunft vorbehaltene Aufgabe; &#8211; eine Aufgabe, die bisher nicht Erf\u00fcllung fand, weil das konkurrenzwirtschaftliche privatkapitalistische System es nicht zulie\u00df, der \u00fcberreiche Ertrag der Vorkriegswirtschaft aber auch nicht notwendig machte. Das d\u00fcrfte jetzt anders werden: In dem Ma\u00dfe, wie sich im Wirtschaftsleben eine Sozialisierung durchsetzt und andererseits die durch die Kriegsverw\u00fcstung herbeigef\u00fchrte gewaltige Knappheit an Rohstoffen, Lebensmitteln, Schiffsraum usw. und die allgemeine Verarmung der Bev\u00f6lkerung den intensivsten \u00d6konomis- mus erheischt, wird auf einer ganzen Reihe von Gebieten auch eine weltwirtschaitlicl\u0131e Zentralisierung des Wirtschaftslebens m\u00f6glich, ja unerl\u00e4\u00dflich werden.<\/p>\n<p>In der Brosch\u00fcre sind auch die Ziele des Bundes (Seite 31)<\/p>\n<h2 id=\"auszug-aus-dem-programm-des-bu\">Auszug aus dem Programm des Bundes Neues Vaterland.<\/h2>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-7558\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Borgius-1919-V\u00f6lkerbund-Flugschriften-400.jpg\" alt=\"\" width=\"369\" height=\"555\" \/>Der Bund umfa\u00dft folgende Arbeitsgebiete:<\/p>\n<p>1 Mitarbeit an der Verwirklichung des Sozialismus durch wissenschaftliche und propagandistische Arbeit etwa im Sinne der Londoner <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fabier_(Wien)\">Gesellschaft der Fabier<\/a> und vorbereitende Mitwirkung an der Durchf\u00fchrung organisatoriscl\u0131er Ma\u00dfnahmen der \u00f6ffentlichen Gewalten unter Heranziehung von Fachleuten.<\/p>\n<p>2. Kampf fiir die Abschaffung jeder Gewalt- und Klassenherrschaft, Kampf f\u00fcr Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit durch Einflu\u00dfnahme auf Presse, Parteien und Regierungen.<\/p>\n<p>3. Kultur der Pers\u00f6nlichkeit durch Pflege aller geistigen und sittlichen Entwicklungsm\u00f6glichkeiten des Einzelnen unter gleichzeitiger Betonung des Geme\u00ednschafsinteresses.<\/p>\n<p>4. Mitarbeit an der V\u00f6lkervers\u00f6hnung, insbesondere durch Zusammenarbeit mit \u00e4hnlich gerichteten Organisationen des Auslandes; Abschaffung der Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung der V\u00f6lker. Diesem vierfachen Zwecke des Bundes liegt folgende Auffassung des politischen Lebens und sozialen Geschehens zugrunde.<\/p>\n<p>Das Ziel aller Kultur erblicken wir in der freien Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit jedes Volksgenossen und in dessen H\u00f6herentwicklung auf der Grundlage wahrhafter geistiger und sittlicher Kultur. Voraussetzung hierf\u00fcr ist die politische Freiheit und wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit des lndividuums und somit die Gleichheit der gesellschaftlichen Entwicklungsbedingungen.<\/p>\n<p>Politische Freiheit und Gleichheit aber sind das Wesen der Demokratie, w\u00e4hrend wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit im Sozialismus ihre Erf\u00fcllung findet. Daher gilt es, durch Verschmelzung von Demokratie und Sozialismus die Voraussetzungen fiir den Neuaufbau der Gesellschaft zu schaffen, die unter der Herrschaft des militaristisch-b\u00fcrokratischen und kapitalistischen Systems zusammengebrochen. ist.<\/p>\n<p>Da alle Kulturv\u00f6lker, wie der Krieg besonders deutlich gezeigt hat. nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in allen anderen kulturellen Be- ziehungen eine gro\u00dfe auf Gegenseitigkeit begr\u00fcndete Gemeinschaft bilden, so mu\u00df den Forderungen des Sozialismus und der Demokratie bei allen V\u00f6lkern Geltung verschafft werden. Hieraus ergibt sich fiir iedes Volk die Notwendigkeit einer Welt-Kultur-Politik, die von der Idee des Internationalismus ausgehend, \u00fcber die Schaffung des V\u00f6lkerfriedens hinaus zu einer V\u00f6lkervereinigung f\u00fchrt. In gemeinsamer Arbeit der Kulturv\u00f6lker soll der Sieg des Rechtes \u00fcber die Gewalt in allen menschlichen Beziehungen verwirklicht werden. Hauptgesichtspunkt f\u00fcr alle Forderungen ist dem Bunde die Herstellung des bestm\u00f6glichen Gleichgewichts zwischen dem Interesse des Einzelnen und dem der Gesamtheit. Aber auch die besten Gesetze eines Volksstaates bieten keine Gew\u00e4hr, da\u00df die Wohlfahrt und Freiheit des Volkes gesch\u00fctzt bleiben, ebenso wie kein V\u00f6lkerbund und keine Internationale eine Sicherheit f\u00fcr den Weltfrieden bieten, wenn sie nicht fest in den Hirnen und Herzen aller Menschen verankert sind. Deshalb brauchen wir vor allem eine geistige Revolution, damit die Errungenschaften der politischen Umwiilzung festgehalten und immer weiter ausgebaut werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das ausf\u00fchrliche Programm versendet auf Wunsch die Gesch\u00e4ftsstelle.<\/p>\n<p>Bund Neues Vaterland.<\/p>\n<p>Berlin W. 62, Kurf\u00fcr\u0131ten\u0131tr. 125.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seine Schrift \u00bbDer V\u00f6lkerbund, Seine Kultur- und Wirtschaftsaufgaben\u00ab von 1919 hat Walther Borgius noch im Dezember 1918 geschrieben. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs war pl\u00f6tzlich die lange propagierte Idee eines \u00bbV\u00f6lkerbunds\u00ab in greifbare N\u00e4he ger\u00fcckt. 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