{"id":7795,"date":"2019-12-08T20:43:08","date_gmt":"2019-12-08T19:43:08","guid":{"rendered":"https:\/\/esperanto.berlin\/?page_id=7795"},"modified":"2019-12-08T21:20:33","modified_gmt":"2019-12-08T20:20:33","slug":"kolonial-kliemke-1910","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/kliemke-kompleta\/kolonial-kliemke-1910\/","title":{"rendered":"Kulturkolonien Kliemke 1910"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<h2 id=\"ein-wort-f\u00fcr-die-esperanto-sp\">Ein Wort f\u00fcr die Esperanto-Sprache<\/h2>\n<p>Der Berliner Jurist Dr. Erich Kliemke hat am 8. Mai 1910 einen Beitrag \u00fcber Esperanto der Nummer 17 der Zeitschrift \u201e<b>Kolonie und Heimat<\/b>\u201c ver\u00f6ffentlicht. Diese Zeitschrift war seit 1907 das Organ des \u201e<i><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutsche_Kolonialgesellschaft#Frauenbund_der_Deutschen_Kolonialgesellschaft\">Frauenbunds der Deutschen Kolonialgesellschaf<\/a>t<\/i>\u201c und sollte als Illustrierte im Stil der \u201eGartenlaube\u201c oder anderer popul\u00e4rer \u201eDamenzeitschriften\u201c junge deutsche Frauen motivieren in den Kolonien eine Familie zu gr\u00fcnden. Sie erschien bis 1911 mit der Titelerweiterung \u201e<b>\u2026in Wort und Bild<\/b>\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_7797\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7797\" class=\"wp-image-7797 size-full\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Kolonie-und-Heimat-Kliemke-Web.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"483\" \/><p id=\"caption-attachment-7797\" class=\"wp-caption-text\">Ein ganzseitiger Beitrag mit einem Foto, das das 1910 reichhaltige Angebot an Esperanto-Zeitschriften zeigt.<\/p><\/div>\n<p>In dem Beitrag erw\u00e4hnt Kliemke einen Ausflug auf der Themse mit einer bunt gemischten Reisegruppe von Esperanto-Sprechern nach Margate. Diese hat im Rahmen eines britischen Esperanto-Kongresses im April 1910 stattgefunden (British Esperantist)<\/p>\n<h2 id=\"kulturkolonien\">Kulturkolonien<\/h2>\n<ul>\n<li>Der Text aus &#8220;Kolonie und Heimat&#8221; wurde kurz danach in der Zeitschrift &#8220;Rund um die Welt&#8221; nachgedruckt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Kolonien sind Teile des Mutterlandes ausserhalb seiner Staatsgrenzen, entsprechend den Hauptbestandteilen eines Staates \u2013 Land und Leuten \u2013 entweder eigenes Land mit fremden Menschen, oder eigene Leute im fremden Land. jetzt ist eine dritte Art von Kolonien in der Entwicklung begriffen.<\/p>\n<p>Ueber die Staatsgrentzen hinaus haben sich einheitliche Kulturgemeinschaften gebildet, so die romanisch-germanische, die indisch-mongolische und die arabisch-t\u00fcrkische, oder nach den Religionsstiftern, die den Kulturen das besondere Gepr\u00e4ge gegeben haben, die christliche, buddhistische und die mohammedanische. Die Religion, die das innerste Leben des Menschen beeirtflusst, f\u00fcl\u0131rt, wo sie wirklich lebendig ist, zu der st\u00e4rksten Einheit der Menscheit. Aber das rastlos fortschreitende Leben macht ein Gebiet der Kultur nach dem anderen mehr oder minder unabh\u00e4ngig von der Religion. Dampf und Elektrizit\u00e4t treiben die Werke der heutigen Technik \u00fcberall in derselben Weise, ob ein Christ sie bedient odet&#8217; ein Mohammedaner. Der ,\u00ac,. \u201cWM vor keiner Grenze mehr halt machende Verkehr bringt immer mehr gleiche oder \u00e4hnliche Interessen und Bed\u00fcrfnisse \u00fcber die Erde und zwingt die fremdesten Met\u0131schen, sicl\u0131 \u00fcberdieselben Dinge, konkrete wie abstrakte, zu verst\u00e4ndigen. Wie z. B. der Telegraph keine nationale Sache ist, ., sondern der ganzen Verkehrskultur, um hierf\u00fcr einen kurze\u0131\u0131 Ausdruck zu gebrauchen, angeh\u00f6rt t\u0131nd deshalb \u00fcberall denselben Namen f\u00fchrt, wie das Telephon dadurch keine ecl\u0131t deutsche Sache wird, dass ich es Fernsprecher nenne, so gibt es tausenderlei Arten von Sachen, f\u00fcr die alle Kulturmenschen dieselben oder \u00e4hnliche Begriffe haben, \u00fcber die sie sich auch alle in einer einzigen Sprache verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. Eine solche Sprache haben wir mit Esperanto.<\/p>\n<p>Man denke sich, es g\u00e4be keine einheitlichen Telegraphenzeichen, sondern jedes Land k\u00f6nnte Telegramme immer nur in der Landesspracl\u0131e bis zur Grenze bef\u00f6rdern, so dass ein Telegramm von Petersburg nacl\u0131 Lissabon erst russisch, dann deutsch, dann franz\u00f6siscl\u0131, dann spanisch und dann portugiesiscl\u0131 den Draht durchlaufen m\u00fcsste, wie unbequem, wie ze\u00edtraubend, wie kostspielig, wie unsicher w\u00e4re das!<\/p>\n<p>Esperanto gleicht diesen einheitlichen Telegraphenzeichen. Niemand braucht mehr s\u00e4mtliche zwischen den V\u00f6lkern stehenden Sprachen zu erlernen, sondern es gen\u00fcgt, wenn jeder neben seiner Muttersprache Esperanto kann, um sich mit jedem anderen unmittelbar zu verst\u00e4ndigen. Soweit diese Sprache verbreitet ist und sie kann soweit verbreitet sern, wie die Verltehrskttltur reicht schliesst sie alle, die sie verstehen, zu einer grossen Genteinscltaft zusammen, bei der die Teile durch das Ganze gewinnen und das Ganze durch die Teile hereichert wird. Esperanto ist keine nationale Sprache: sie wurzelt nicht in einem bestimmten Gebiete, ist nicht mit der Geschichte und Eigenart eines bestimmten Volkes verkn\u00fcpft, sondern gibt in Anlehnung an die Denkformen der romanisch-germanischen Kulturgemeinschaft ein einfaches Mittel, alle Anschauungen zu \u00fcbertragen, die \u00fcberhaupt einem menschlichen Geist durch eine andere Sprache als die Muttersprache \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen. Die Folge ist ein leichterer und schnellerer Verkehr unter den Menschen verschiedener Muttersprachen. Wie die Eisenbahn die Menschen n\u00e4her aneinanderr\u00fcckt und sie deshalb \u00f6fter miteinander in Ber\u00fchrung bringt, und die G\u00fcter der fernsten Gegenden allen zug\u00e4nglich macht, so bringt die Verkehrssprache die .Menschen geistig n\u00e4her zusammen und l\u00e4sst die Anschauungen einer gr\u00f6sseren Menge auf eine gr\u00f6ssere Menge wirken, als es jetzt m\u00f6glich ist, wo in jeden Volke nur wenige in der Lage sind, wegen der Beherrschung mehrerer fremder Sprachen mit Angeh\u00f6rigen mehrerer V\u00f6lker unmittelbar zu verkehren. Dadurch muss aber die Kultur in hohem Masse gef\u00f6rdert werden und zwar nach zwei verschiedenen und doch demselben Ziele zuf\u00fchrenden Richtungen hin: Die nationalen Sonderheiten werden so gest\u00e4rkt und das allen Kulturmenschen Gemeinsan\u0131e wird so gepflegt, dass eins das andere nicht \u00e4rmer macht, sondern reicher. Das scheint auf den ersten Blick paradox. Wie es aber eine bekannte Tatsache ist, dass diejenigen ihre Muttersprache am schlechtesten kennen, die keine fremde Sprache gelernt haben, und diejenigen fremde Sprachen besser lernen, die ihre eigene gut kennen, so wird durch Esperanto das Eigene um so mehr vertieft, je weniger M\u00fche notwendig ist, mit dem Fremden fertig zu werden. Wir haben ein deutliches Beispiel, wenn wir vergleichen, wie sich Engl\u00e4nder und Deutsche im Auslande verhalten. Der Engl\u00e4nder ist gew\u00f6hnt, \u00fcberall verstanden zu werden, und er bleibt deshalb \u00fcberall derselbe. Der Deutsche kommt als Fremder unter Fremde; um zu gelten und vorw\u00e4rts zu kommen, bestrebt er sich, m\u00f6glichst wenig fremd zu scheinen. Das Studium der fremden Eigent\u00fcmlichkeiten, nicht um sie nur als solche zu erkennen u\u0131td sie deshalb f\u00fcr siclhabzulehnen, sondern gerade u\u0131tt sich ihnen anzuscl\u0131miegen, ist nicht dazu angetan, die eigenen Sonderheite\u0131t zu erhalten und zu kr\u00e4ftigen. Die Ueberwindu\u0131\u0131g der Schwierigkeiten, sich mit der fremden Sprache und Gewohnheit vertraut zu machen, gibt iltm, wie jede erfolgreiche M\u00fche, eine gewisse Befriedigung, und er freut sich, wenn man ihm sagt, dass man ihm den Dentschen gar nicht anmerke. Wird nicht, wenn Esperanto allgemeine Verkehrssprache sein wird, d. h. die Sprache. die man ohne Unterschied mit Ausl\u00e4ndern spricht, wird dann nicht jeder in der Lage sein, in der jetzt in vieler Hinsicht die Engl\u00e4nder sind? Alles, was nicht jener kann, reizt. Wenn man erst in jedes Land reisen und \u00fcberall mit der einen Hilfssprache durchkommen kann, wird man auch ruhig seine Eigent\u00fcmlichkeiten beibehalten k\u00f6nnen. Man spricht eben Esperanto, und steht damit allen Fremden gleich, die nicht die Muttersprache des anderen verstehen. Dadurch erscheint aber auch der andere nicht mehr so sehr als Fremder wie heute, sondern als Mitglied derselben Kulturgemeinschaft. Ich habe diesen Eindruck lebendig empfunden, als ich einmal zuf\u00e4llig in London bei einem Ausflug nach Margate auf dem Themsedampfer mit einer kleinen Gesellschaft von Engl\u00e4ndern, Franzosen und Spaniern zusammentraf, die sich nur auf Esperanto unterhielt und sich nur so unterhalten konnte, weil nicht alle englisch, franz\u00f6sisch, spanisch oder deutsch beherrschten.<\/p>\n<p>Wir plauderten den ganzen Tag in der anregendsten Weise zusammen, ohne das Gef\u00fchl zu haben, dass wir in einem fremden Lande mit Fremden in einer fremden Sprache redeten. Eine einzige solcher Erfahrnngen widerlegt B\u00e4nde theoretischerEr\u00f6rterungen \u00fcber die Unm\u00f6glichkeit einer \u201ek\u00fcnstlichen\u201c Sprache.<\/p>\n<p>Das dur\u0109 Esperanto zusammengehaltene Kulturreich, das seine allgemeinste Organisation in der \u201eUnivcrsala Esperanto Asocio\u201c hat, ist jetzt schon \u00fcber die ganze Erde verbreitet und hat Kolonien an \u00fcber 1500 Pl\u00e4tzen in 60 verschiedenen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Es hat eigene KonsuIate, die jedem,der sich in Esperanto an sie wendet, so zur Verf\u00fcgung stehen wie irgend ein staatliches Konsulat den Angeh\u00f6rigen seines Mutterlandes. Es sind Kultur-Kolonien im wahrsten Sinne des Wortes.<\/p>\n<p>Schon jetzt erscheinen \u00fcber hundert Zeitungen in Esperanto, und w\u00e4hrend die nationalen Zeitungen in der Hauptsache nur von Angeh\u00f6rigen desselben Volkes geschrieben und gelesen werden, ist eine Esperantozeitung nach Lesern und Mitarbeitern an kein einzelnes Sprachgebiet gebunden. Man hat geglaubt, das gegenseitige Verst\u00e4ndnis zweier Nachbarv\u00f6lker dadurch zu fordern, dass man Zeitschriften in den Sprachen beider herausgibt. Eine solche Zeitschrift kann aber immer nur einen verh\u00e4ltnism\u00e4ssig kleinen Leserkreis haben u\u0131d muss in ihrer Wirking sehr beschr\u00e4nkt bleiben. Wie ganz anders kann dagegen die Wirkung von Esperantozeitungen sein, die nicht nur das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Eigent\u00fcn\u0131lichkeiten vieler V\u00f6lker pflegen k\u00f6nnen, sondern, wenn sie sicl\u0131 nat\u00fcrlich aus praktischen Gr\u00fcnden auch inhaltlich beschr\u00e4nken m\u00fcssen, doch auf viel weitere Kreise des Volkes wirken k\u00f6nnen, da Esperanto auch der einfachste Mann lernen kann, der sonst nie in die Lage k\u00e4me, eine andere fremde Sprache zu erlernen.<\/p>\n<p>Voraussetzung f\u00fcr die volle Wirkung des Esperanto ist freilich, dass es in allen Kulturl\u00e4ndern in die Schulen eingef\u00fchrt wird; jedermann muss imstande sein, Esperanto nicht nur zu verstehen, sondern auch zu sprechen. Bei der Einfachheit und Klarheit der Sprache geh\u00f6rt dazu nicht viel. Ehe die Regierungen aber dazu \u00fcbergehen, Esperanto als allgemeine Verkehrssprache anzuerkennen &#8212; die, was nicht scharf genug betont werden kann, die nationalen Sprachen nicht verdr\u00e4ngen, sondern kr\u00e4ftigen soll &#8212;, m\u00fcssen sie durch die Macht der Tatsachen dazu, gedr\u00e4ngt werden.<\/p>\n<p>Auskunft \u00fcber die Erlernung der Esperantosprache erteilt kostenfrei der Esperanto-Verlag M\u00f6ller &amp; Borel, Berlin, Lindendstrasse 18\/19<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Wort f\u00fcr die Esperanto-Sprache Der Berliner Jurist Dr. Erich Kliemke hat am 8. Mai 1910 einen Beitrag \u00fcber Esperanto der Nummer 17 der Zeitschrift \u201eKolonie und Heimat\u201c ver\u00f6ffentlicht. 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