{"id":8060,"date":"2020-07-18T13:54:35","date_gmt":"2020-07-18T12:54:35","guid":{"rendered":"https:\/\/esperanto.berlin\/?p=8060"},"modified":"2020-08-04T07:19:22","modified_gmt":"2020-08-04T06:19:22","slug":"berger-suche-heimat","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/berger\/berger-suche-heimat\/","title":{"rendered":"Gabriel Berger: Auf der Suche nach einer Heimat"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/shop\/literatur\/52954547-9783936103779-auf-der-suche-nach-heimat\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-8075 alignright\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Berger-Heimat-Titel.jpeg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"267\" \/><\/strong><\/a>Bericht \u00fcber<strong> Dr. L. L. Zamenhof als Augenarzt<\/strong> auf den Seiten 64 bis 68 des Buches:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Gabriel Berger: Auf der Suche nach einer Heimat \u2013 Eine j\u00fcdische Familie im 20. Jahrhundert, <span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\">\u00a9 2020 Beggerow Buchverlag, Berlin<\/span><\/p>\n<p>Band VI der Buchreihe \u201eDie Unruhe der Zeitzeugen des Holocaust\u201c der Child Survivors Deutschland e. V. (Hrsg.:\u00a0 Philipp Sonntag)<\/p>\n<p>\u00a9 2020 Beggerow Buchverlag<\/p>\n<p>ISBN 978-3-936103-77-9 \/ 289 Seite<\/p>\n<p>Der Autor schreibt zum <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/shop\/literatur\/52954547-9783936103779-auf-der-suche-nach-heimat\">Inhalt des Buches<\/a> :<\/p>\n<p>Die Geschichte der Familie meines Gro\u00dfvaters Josef Berger ist ein lebendiges Geschichtsbuch Europas im zwanzigsten Jahrhundert. Von Abenteuerlust, Streben nach Reichtum und vom Schicksal getrieben zog Josef Berger mit seiner Frau Cywia und deren Kindern, am Ende waren es zw\u00f6lf, aus dem Heimatlichen Polen rastlos von Land zu Land: 1908 nach Pal\u00e4stina, dann nach Belgien, Holland, England, Deutschland, Frankreich, Israel. Was er suchte, war Wohlstand und Gl\u00fcck f\u00fcr seine Familie. Doch es ereilte ihn eine Katastrophe nach der anderen: Bankrott, Abfall der Kinder vom j\u00fcdischen Glauben, Erster Weltkrieg, Bombardierung Londons, Weltwirtschaftskrise, Hitlers Machergreifung, Flucht aus Deutschland und Belgien vor den Nazis, Leben in Frankreich in st\u00e4ndiger Lebensbedrohung unter deutscher Besatzung, Teilung der Familie durch den Eisernen Vorhang.<br \/>\nAn seinem Lebensabend in Israel konnte er jedoch f\u00fcr sich einen Erfolg verbuchen: Neben ihm hatten sich alle elf in der Nazizeit noch lebenden Kinder der Bedrohung durch die Nazis entziehen k\u00f6nnen: in Europa, Pal\u00e4stina, USA, S\u00fcdafrika. Jedes Mitglied der Familie Berger hatte f\u00fcr sich eine Wahlheimat gefunden. Zur Heimat f\u00fcr die Familie Berger und ihre Nachkommen wurde die ganze Welt. Doch die meisten Nachkommen meines Gro\u00dfvaters Josef Bergers leben heute in Israel.<\/p>\n<p>Gabriel Berger hat seine Tante Lyba 1988 in Mexiko besucht:<\/p>\n<hr \/>\n<p>[&#8230;] An Abenden lie\u00df ich mir von Tante Lyba ihre bewegte Lebensgeschichte erz\u00e4hlen. Von ihr erfuhr ich auch N\u00e4heres \u00fcber die f\u00fcr die Familie schicksalhafte Augenkrankheit, die sie im Jahre 1910 als Kleinkind in Pal\u00e4stina bekam. Es habe sich damals Folgendes zugetragen: Ein dunkelh\u00e4utiger, schwarzhaariger arabischer Junge, so erz\u00e4hlte ihr die Mutter, habe in Jaffa in den Kinderwagen geschaut und das hellh\u00e4utige, blau\u00e4ugige, blonde M\u00e4dchen bewundert. Bevor die Mutter reagieren konnte, habe der Junge die Wange des M\u00e4dchens gestreichelt und unverst\u00e4ndliche arabische Koseworte gesprochen. Wenige Tage sp\u00e4ter habe die kleine Lyba <a href=\"https:\/\/www.cbm.de\/informieren\/vermeidbare-behinderungen\/sehbehinderungen\/trachom.html\">Trachomen<\/a> bekommen, eine gef\u00e4hrliche bakterielle Augenkrankheit, die in der arabischen Region unter Kindern grasierte.<\/p>\n<p>An einen Heilung sei im damaligen Pal\u00e4stina, mit katastrophalen hygienischen Bedingungen, keinem sauberen Wasser und primitivster medizinischer Versorgung nicht zu denken gewesen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Kurz entschlossen brach ihr Vater, dem in Pal\u00e4stina ohnehin das gesch\u00e4ftliche Gl\u00fcck nicht hold gewesen ist, die Zelte ab und kehrte mit der Familie nach Polen zur\u00fcck. Sie kamen provisorisch bei Verwandten in Cz\u0119stochowa unter. Mit seiner kranken Tochter wandte sich der Vater, mein Gro\u00dfvater Josef, in <strong>Warschau an den ber\u00fchmten j\u00fcdischen Augenarzt Zamenhof<\/strong>, bei dem er, seine Frau und die Kinder vor der Abreise nach Pal\u00e4stina Patienten gewesen sind.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Doktor Zamenhof war wegen seiner medizinischen Fertigkeiten in Warschau allgemein bekannt. Weltweit ber\u00fchmt wurde er aber nicht als Mediziner, sondern als der Sch\u00f6pfer der Kunstsprache Esperanto. Zamenhofs Idee war es, die leicht erlernbare Sprache mit aus romanischen Sprachen entlehnten Worten und simpler Grammatik zum weltweiten Kommunikationsmittel zu machen, um so die Verst\u00e4ndigung zwischen Menschen aller Nationalit\u00e4ten zu erleichtern. Die so erreichte Aufhebung der babylonischen Sprachverwirrung sollte nach seiner Vorstellung die Kommunikation zwischen Menschen verschiedener Nationen f\u00f6rdern und so zu einem dauerhaften Frieden in der Welt f\u00fchren.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Josef nutzte die Besuche bei Dr. Zamenhof auch, um mit ihm \u00fcber dessen Utopie einer weltumspannenden Gesellschaft ohne Barrieren zwischen Sprachen und Kulturen zu diskutieren. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts fand Esperanto weltweit viele begeisterte Anh\u00e4nger, besonders in Europa, was aber die Katastrophe des Ersten Weltkrieges nicht verhindern konnte.<\/p>\n<div id=\"attachment_8065\" style=\"width: 219px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8065\" class=\"wp-image-8065 size-full\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Zamenhof-DDR-1987-pm.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"245\" \/><p id=\"caption-attachment-8065\" class=\"wp-caption-text\">DDR-Briefmarke, 1987.<\/p><\/div>\n<p align=\"JUSTIFY\">Es geh\u00f6rte zur Tragik damaliger Zeit, dass auch die pazifistisch gesinnten Esperantisten auf beiden Seiten der Kriegsfront gezwungen wurden, aufeinander zu schie\u00dfen. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 rief Zamenhof die Diplomaten der in den Krieg verwickelten Staaten zur Gr\u00fcndung der Vereinigten Staaten Europas auf, die gleiche Rechte f\u00fcr alle Menschen, unabh\u00e4ngig von ihrer nationalen oder religi\u00f6sen Zugeh\u00f6rigkeit, garantieren w\u00fcrden. Heute, hundert Jahre sp\u00e4ter, erleben wir in Europa den zaghaften Versuch, Zamenhofs Utopie im Ansatz zu realisieren, allerdings unvollkommen, weil ohne den wichtigsten europ\u00e4ischen Kontrahenten des Westens Russland und demn\u00e4chst vermutlich auch ohne Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n<div id=\"Bereich2\" dir=\"LTR\">\n<p align=\"JUSTIFY\">Im Jahre 2016 besuchte ich Zamenhofs Geburtsstadt Bia\u0142ystok in Ostpolen. Vor dem Krieg waren drei Viertel der damals etwa 60.000 Einwohner z\u00e4hlenden Stadt Juden. Nach dem Einmarsch der Deutschen 1939 war die Stadt bis 1943 \u201ejudenfrei\u201c. Alle Juden, die nicht beizeiten aus der Stadt \u00fcber die \u00f6stliche Grenze in dieSowjetunion fliehen konnten oder wollten, wurden ermordet. Das sowjetische Regime war unberechenbar, die Lebensbedingungen in der Sowjetunion waren hart. Aber es gab dort f\u00fcr die Juden eine nicht geringe \u00dcber- lebenswahrscheinlichkeit, westlich der Grenze so gut wie keine.<\/p>\n<\/div>\n<p align=\"JUSTIFY\">Heute leben in Bia\u0142ystok keine Juden mehr und die zugezogenen polnischen, vorwiegend katholischen Einwohner tun sich mit der j\u00fcdischen Vergangenheit der Stadt schwer. Die meisten wissen nichts von ihr. Doch den ber\u00fchmtesten Sohn der Stadt, Zamenhof, haben sie nicht vergessen. Seinen Namen tragen heute in Bia\u0142ystok eine Stra\u00dfe, eine Schule, ein Kulturzentrum und ein Hotel.<\/p>\n<div id=\"attachment_8071\" style=\"width: 269px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8071\" class=\"wp-image-8071\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Gabriel-Gedenktafel-Zamenhof-Warschau.jpg\" alt=\"\" width=\"259\" height=\"308\" \/><p id=\"caption-attachment-8071\" class=\"wp-caption-text\">Gedenktafel f\u00fcr Zamenhof an einem Haus in der Warschauer Zamenhof-Stra\u00dfe mit einem Text in Polnisch und in Espe-ranto. den Nazis komplett zer- st\u00f6rt. Die polnische Inschrift der Gedenktafel lautet in deutscher \u00dcbersetzung: \u201eAn dieser Stelle stand das Haus, in dem im Zeitraum 1898 &#8211; 1915 Dr. Ludwik Zamenhof, Sch\u00f6pfer der Sprache Esperanto, lebte und arbeitete. Diese Tafel wurde aus Anlass seines hundertsten Geburtstags angebracht. Warschau 1959.\u201c<\/p><\/div>\n<p align=\"JUSTIFY\">In der Warschauer Zamenhof-Stra\u00dfe, die ich 2015 aufsuchte, erinnert eine Gedenktafel an einem Haus an die Stelle, an der Zamenhof gelebt und gewirkt hat. Hier besuchte mein Gro\u00dfvater Josef vor dem Ersten Weltkrieg den ber\u00fchmten Augenarzt. Es ist nicht das urspr\u00fcngliche Haus, denn dieses wurde, mit dem ganzen j\u00fcdischen Viertel, beim Warschauer Ghetto-Aufstand 1943 von <span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\">den Nazis komplett zer-s<\/span>t\u00f6rt. Die polnische In- schrift der Gedenktafel<\/p>\n<p>Gern erinnert man sich in Polen an den Sch\u00f6pfer der Sprache Esperanto Ludwik Zamenhof, so auch im Jahr 2017, anl\u00e4sslich seines hundertsten Todestags. Dabei wird aber meistens nicht erw\u00e4hnt, dass er ein Jude war.<\/p>\n<p>Wie erwartet konnte Dr. Zamenhof Josefs Tochter helfen. Die kleine Lyba wurde schnell gesund. Und nur kurze Zeit sp\u00e4ter kam mit Ida in der Familie Berger das sechste Kind auf die Welt. Ob es so geplant war, dass Ida nicht unter den primitiven Verh\u00e4ltnissen Pal\u00e4stinas, sondern im zivilisierten Europa geboren wird, ist nicht \u00fcberliefert. Tatsache ist aber, dass zwischen den Jahren 1908 und 1910 eine L\u00fccke klafft: Im Jahre 1909, w\u00e4hrend des Lebens in Pal\u00e4stina, bekam die Familie keinen neuen Nachwuchs. In der Familie kursierte das Ger\u00fccht, der Nachwuchs sei nur deshalb ausgeblieben, weil die Mutter in diesem Jahr eine Fehlgeburt gehabt habe. Das Scheitern in Pal\u00e4stina konnte Josefs Unternehmungsgeist nicht d\u00e4mpfen. Er blieb aber bei seiner Meinung: In Polen sah er f\u00fcr sich und seine Familie keine Zukunft. Die ersch\u00fctternde Armut, auch unter den Juden, die unfl\u00e4tigen Beschimpfungen und Bel\u00e4stigungen durch die Polen, die st\u00e4ndige Angst vor Pogromen konnte er nicht mehr ertragen und wollte sie seiner Familie nicht zumuten. Also entschloss er sich, Polen endg\u00fcltig zu verlassen.<\/p>\n<p>[Ende von Seite 68]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bericht \u00fcber Dr. L. L. Zamenhof als Augenarzt auf den Seiten 64 bis 68 des Buches: Gabriel Berger: Auf der Suche nach einer Heimat \u2013 Eine j\u00fcdische Familie im 20. 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