{"id":8498,"date":"2020-11-04T13:21:45","date_gmt":"2020-11-04T12:21:45","guid":{"rendered":"https:\/\/esperanto.berlin\/?page_id=8498"},"modified":"2021-03-26T20:25:45","modified_gmt":"2021-03-26T19:25:45","slug":"eroschenko-berlin","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/eroschenko-berlin\/","title":{"rendered":"Eroschenko in Berlin 1912"},"content":{"rendered":"<p>Aus dem Buch &#8220;<a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/die_bienen_und_das_unsichtbare-clemens_j_setz_42965.html\">Die Bienen und das Unsichtbare<\/a>&#8221; von Clemens J. Setz Seite 303<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Setz-Titolo.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"334\" \/><br \/>\nISBN: 978-3-518-42965-5 Auch als eBook erh\u00e4ltlich<\/p>\n<h2 id=\"cie-amikoj-\u00fcberall-freunde\">\u0108ie amikoj, \u00fcberall Freunde<\/h2>\n<p>In Warschau stand unser armer Freund <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wassili_Jakowlewitsch_Jeroschenko\">Vasilij Eroschenko<\/a> lan\u00adge auf dem Bahnsteig.<\/p>\n<p>Wieder rauschte die unendlich orientie\u00adrungsf\u00e4hige Menschheit an ihm vor\u00fcber, ohne ihn zu ber\u00fch\u00adren. Mit den Esperantisten Warschaus war im Vorhinein per Briefkontakt verabredet worden, dass man ihn am Bahnhof in Empfang nehmen und ihm, wie er sp\u00e4ter im Bericht seiner ers\u00adten Reise in den Westen schrieb, \u00bbbeim Umsteigen behilflich sein und Mut zusprechen\u00ab werde. Aber es kam niemand. Die Stunden vergingen. Eroschenko wurde hungrig. Umgeben von Fremden, verwirrt in der \u00fcberraschend aufdringlichen W\u00e4rme dieses Februartags, stand er auf dem Perron. Auf seinem Ge\u00adwand trug er den gr\u00fcnen Stern, das Abzeichen dieses angeblich in vielen (und gewiss bald allen) L\u00e4ndern der Erde sozusagen zur Untermiete existierenden Staates <em>Esperantujo<\/em>. In seinen Er\u00adinnerungen ist es ein Moment, in dem er sich nur durch eiser\u00adne Strenge und Selbstpr\u00fcfung davon abhalten konnte, vollkom\u00admen zu verzweifeln. Analysiere deine Empfindungen!, sagte er sich. Sch\u00fcttle deine Angst ab, denn sie hilft dir nicht weiter. Mit Geld und Verstand wird es schon irgendwie gehen. Das alles sprach er sich vor, Stunde um Stunde.<\/p>\n<table class=\"alignright\" style=\"height: 200px; width: 220px;\" border=\"2\">\n<caption>\u00a0<\/caption>\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 0.0166667px;\">Zu den Spr\u00fcngen geh\u00f6rt auch, da\u00df es damals<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter sa\u00df er im Zug nach Berlin.<\/p>\n<p>Die Reiseaufzeichnungen erw\u00e4hnen nicht, was er unter\u00adnahm, um in den richtigen Zug zu kommen. Ein kleiner Sprung in der Raumzeit. Es ging irgendwie. Sein ganzes Leben ist voll solcher Spr\u00fcnge. Und nach einer Weile f\u00fcllt sich selbst das Le\u00adben desjenigen, der in alten Dokumenten, gesammelten Schrif\u00adten und Erinnerungen den Stationen seiner Biografie behutsam nachsp\u00fcrt, mit \u00e4hnlichen Spr\u00fcngen &#8230;<\/p>\n<p>Als der Zug in Berlin ankam, war es dort eiskalt. Sonder\u00adbar vollmundig, aber nicht wirklich unverst\u00e4ndlich sprechende Menschen umgaben ihn. Ihre S\u00e4tze klangen, als h\u00e4tten sie Kie\u00adselsteine im Mund. Immer wieder verstand er einzelne W\u00f6r\u00adter. Das Deutsche war nur ein, zwei Katzenspr\u00fcnge von seinen bislang erlernten Sprachen entfernt. Gl\u00fccklicherweise nahmen ihn diesmal Freunde in Empfang.<\/p>\n<p>Freunde, <em>amikoj<\/em>, dieses Wort verwendet Eroschenko im\u00admer wieder, manchmal nennt er sie auch bei dem, zumindest damals, in Esperanto-Kreisen gebr\u00e4uchlichen Begriff <em>samideanoj<\/em>, Gesinnungsgenossen. Gemeint sind bei Eroschenko da\u00admit meist die Esperantisten, gelegentlich aber auch die Betrei\u00adber von Blindenschulen. Das sind die beiden internationalen \u00bbNetzwerke\u00ab, die ihm die Fortbewegung auf der Erdoberfl\u00e4che in diesen ersten Reisetagen vereinfachen, und in einer Geste der Wertsch\u00e4tzung vermischt er sie h\u00e4ufig miteinander. Dabei hat\u00adte er eigentlich schon zum zweiten Mal aufgeben wollen, denn in Berlin musste er wieder so lange warten. Stunden dauerte es, bis man ihn fand. Vielleicht waren Bahnh\u00f6fe ja Orte, an denen man einfach verloren gehen konnte, dachte er.<\/p>\n<p>\u00bbUmsonst leuchtest du, gr\u00fcner Stern. Geh lieber unter, es w\u00e4r besser. Niemand braucht Sternenlicht am fr\u00fchen Morgen. Niemand, au\u00dfer ein einsamer Blinder.\u00ab<\/p>\n<p>Auf dem Bahnsteig wurde es leiser und leiser. Ein Mann mit rauer Stimme rief irgendetwas. Dann wehte der Geruch von bratenden W\u00fcrsten her\u00fcber, von fettigem Brot. Und ein Ge\u00adr\u00e4usch wie hinter einem Haus aneinandergeschlagene Gie\u00df\u00adkannen.<br \/>\nEroschenko ging ein paar Schritte auf und ab. Einfach los\u00adlassen, aufgeben. Stern vom Gewand rei\u00dfen, weg damit.<\/p>\n<p>Aber da eine Stimme: \u00bbVasilo?\u00ab<\/p>\n<div style=\"width: 297px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.blindenmuseum-berlin.de\/files\/images\/03_00_anstalt1900.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/www.blindenmuseum-berlin.de\/files\/images\/03_00_anstalt1900.jpg\" alt=\"\" width=\"287\" height=\"213\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Die \u201eK\u00f6nigliche Blindenanstalt zu Steglitz\u201d gibt es heue noch als <a href=\"https:\/\/www.zeune-schule.de\/\">Schule f\u00fcr Blinde<\/a> und Standort f\u00fcr das \u201e<a href=\"http:\/\/www.blindenmuseum-berlin.de\/geschichte.html\">Deutsche Blinden-Museum<\/a>&#8220;<\/p><\/div>\n<p>Mit den Freunden nahm er ein Fr\u00fchst\u00fcck zu sich, er diktierte einige Briefe, dann statteten sie dem Blindeninstitut in Steglitz einen Kurzbesuch ab. Ihr Esperanto klang flink, an den Sei\u00adten abgeschliffen und sehr heiter. Er bemerkte, dass er ganz an\u00adders sprach als sie, aber schon nach wenigen Stunden konnte er auch problemlos in ihrer Melodie sprechen. Man musste nur, so wie immer, den inneren Stimmstock neu einstellen.<\/p>\n<div id=\"attachment_8503\" style=\"width: 281px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8503\" class=\"wp-image-8503\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Eroschenko-ondo-1912-noto.jpg\" alt=\"\" width=\"271\" height=\"242\" \/><p id=\"caption-attachment-8503\" class=\"wp-caption-text\">Die russische Esperanto-Zeitschrift brachte eine kurze Meldung \u00fcberdie Reise unter &#8220;Vermischtes&#8221;<\/p><\/div>\n<p>Dann geht es, seinen Aufzeichnungen zufolge, weiter nach K\u00f6ln, dort wird er ebenfalls von Freunden erwartet. Bumm, Freunde \u00fcberall. Es ist schwer f\u00fcr mich, mir so eine Situation vorzustellen. Von Freunden umgeben zu sein, egal wo man [305] sich niederl\u00e4sst. Auch wenn es eine k\u00fcnstliche und vielleicht auch nicht immer vorteilhafte Struktur in der Welt sein d\u00fcrfte, dieses Esperantujo, mit all seinen unsichtbaren Verbindungs\u00adf\u00e4den, die sich in andere L\u00e4nder erstrecken, so scheint es, zu\u00admindest zu Vasilij Eroschenkos Zeiten, nichts auch nur ann\u00e4\u00adhernd Vergleichbares gegeben zu haben. Nicht mehr als drei Stunden dauert der Aufenthalt in K\u00f6ln, Eroschenko hat Zeit f\u00fcr Essen, Trinken und ein wenig Aufw\u00e4rmen, dann geht es weiter. Der Tee, den er am Bahnhof bestellt, hat nicht einmal Zeit, abzuk\u00fchlen, da muss er schon einsteigen. \u00bbFelica estu via vojago!\u00ab, ruft man ihm nach. M\u00f6ge deine Reise gl\u00fccklich verlaufen.<\/p>\n<p>Und: \u00bbNi esperas vin revidi!\u00ab Wir hoffen, dich wiederzu\u00adsehen.<\/p>\n<p>\u00bbDankon, karaj amikoj!\u00ab, ruft Eroschenko ihnen zu.<\/p>\n<p>Dann f\u00e4hrt der Zug ab, in Richtung Br\u00fcssel.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, in seinen Reiseaufzeichnungen, f\u00fcgt er hinzu: \u00bbAber ich hoffe nicht, euch je wiederzusehen: Man tr\u00e4umt nie zwei\u00admal hintereinander denselben gl\u00fccklichen Traum.\u00ab<\/p>\n<ul>\n<li>La unua eksterlanda vojago\u00ab, in: La kruco da sageco.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich glaube, mir imponieren diese Stellen in seinem Werk am meisten. Eroschenko bewegt sich innerhalb einer magischen Struktur durch die Welt, eines Katalysator-Netzwerks f\u00fcr Be\u00adgegnungen und Austausch &#8211; und doch misstraut er ihr, dieser magischen Struktur. Er wird ihr niemals ganz verfallen, wird niemals vollkommen aufgehen in der v\u00f6lkerverbindenden Uto\u00adpie, innerhalb der dieses wunderliche Esperantujo gedeiht, obwohl er sp\u00e4ter gelegentlich in Vortr\u00e4gen und Reden darauf eingeht und die m\u00f6glichen Vorteile aufz\u00e4hlt. So ganz \u00fcberzeugt wirkt er dabei nie. Und es ist genau dieses Misstrauen mitten im Beschenktwerden, das unvers\u00f6hnliche Innehalten kurz vor der Begeisterung, das mir als das eigentlich Erstrebens- und Nach\u00adahmenswerte erscheint.<br \/>\n85 \u00bb<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Buch &#8220;Die Bienen und das Unsichtbare&#8221; von Clemens J. Setz Seite 303 ISBN: 978-3-518-42965-5 Auch als eBook erh\u00e4ltlich \u0108ie amikoj, \u00fcberall Freunde In Warschau stand unser armer Freund Vasilij Eroschenko lan\u00adge auf dem Bahnsteig. Wieder rauschte die unendlich &hellip; <a href=\"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/eroschenko-berlin\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/Par8jA-2d4","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/8498"}],"collection":[{"href":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8498"}],"version-history":[{"count":36,"href":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/8498\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9026,"href":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/8498\/revisions\/9026"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8498"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}