{"id":3451,"date":"1911-07-02T16:46:16","date_gmt":"1911-07-02T15:46:16","guid":{"rendered":"https:\/\/esperanto.berlin\/?p=3451"},"modified":"2016-07-03T12:10:05","modified_gmt":"2016-07-03T11:10:05","slug":"blindow-1911","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/blindow-1911\/","title":{"rendered":"F. Blindow (1911) Esperanto"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<p class=\"Titeltest\">Eine am\u00fcsante Kurzgeschichte aus dem Berlin der Kaiserzeit<\/p>\n<p class=\"Titeltest\">Gefunden in Berliner Leben : Zeitschrift f\u00fcr Sch\u00f6nheit und Kunst, 1909, Seite 18 bis 21<\/p>\n<p class=\"Titeltest\">Es gibt 12 Jahrg\u00e4nge dieser Zeitschrift, die von der Landesbibliothek Berlin digitalisiert wurden.<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"Textbody\">Mabel Sanders am\u00fcsierte sich k\u00f6stlich.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Sie hatte nicht erwartet, dass ihr Aufenthalt hier in Deutschland so abwechselungsreich und unterhaltend werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Da es in Amerika momentan nun einmal zum guten Ton geh\u00f6rte, ein Jahr in Deutschland, in Berlin, Dresden oder Leipzig, Musik zu studieren, so war Mabel denn Anfang Oktober nach Berlin gegangen, in die von Bekannten warm empfohlene Pension der Frau Professor Neumann.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Sie nahm in einem Konservatorium technischen und theoretischen Klavierunterricht, \u00fcbte zu Hause einige Stunden, behielt aber immer noch gen\u00fcgend Zeit, sich Berlin gr\u00fcndlich anzusehen und sich, wie bereits gesagt, k\u00f6stlich zu am\u00fcsieren.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Frau Professor Neumann hatte eine reizende Art, die jungen Ausl\u00e4nderinnen, die nach deutschen, gut b\u00fcrgerlichen Begriffen etwas frei erzogen waren, unter ihre Fittiche zu nehmen. Sie begr\u00fcsste alle Herrenbekanntschaften, die ihr unter dem Titel \u201eFreund\u201c oder \u201eVetter\u201c zugef\u00fchrt wurden, sehr liebensw\u00fcrdig bei sich, lud sie ein, und gab dadurch all diesen Bekanntschaften einen soliden, h\u00e4uslichen Hintergrund.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Keine der jungen Damen hatte n\u00f6tig, ihren Freunden auf der Strasse Rendez-vous zu geben, nein, sie kamen einfach zu Frau Professor in die Pension, die sie freundlich zur Teestunde einlud, oder einen Konzertbesuch vorschlug.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Sie selbst hatte einige Zimmer an junge Ausl\u00e4nder vermietet, die im Pensionat bei den gemeinsamen Mahlzeiten Deutsch zu lernen hofften, aber mehr Franz\u00f6sisch, Englisch und Italienisch zu h\u00f6ren bekamen, als die Landessprache.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Neben Mabel Sanders sass bei Tisch ein junger Russe, der sich zum Studium der Physik in Berlin aufhielt. Er hatte sich auf den ersten Blick in seine h\u00fcbsche Nachbarin verliebt, die mit ihrem rosigen Teint im Kontrast zu den dunklen Haaren gerade sein Genre war, \u2014 und gab sich nun jeden Tag die erdenklichste M\u00fche, sie zu unterhalten. Er radebrechte ein entsetzliches Deutsch, und da Mabel in den 3 Wochen ihres Aufenthaltes auch noch nicht sehr viel gelernt hatte, so kamen die Beiden nie \u00fcber die \u00fcblichen Er\u00f6rterungen: \u201eWie geht es Ihnen?\u201c \u201eDanke gut!\u201c und \u00fcber die Erledigung der Wetterfrage hinaus. Mabel wusste ausser ganz genau, dass sie nie weiter kommen w\u00fcrden in der Unterhaltung, denn sie konnte den Russen nun einmal nicht leiden, und bem\u00fchte sich garnicht, seine verzweifelten Anstrengungen, ein Gespr\u00e4ch in Gang zu bringen, zu unterst\u00fctzen. Er gefiel ihr absolut nicht mit seinen schl\u00e4frigen Augen, seinen langsamen Bewegungen und dem vernachl\u00e4ssigten, unsauberen Anzug.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Ein weit gr\u00f6sseres Interesse gewann der jungen Amerikanerin ihr vis-\u00e0-vis ab, ein rum\u00e4nischer Leutnant, ein flotter, bildh\u00fcbscher, liebensw\u00fcrdiger Mensch mit funkelnden Spitzbubenaugen.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Leider konnte dieser noch weniger deutsch, um so beredter aber war die Sprache seiner galanten H\u00f6flichkeiten, mit denen er Mabel auszeichnete. Sehr sonderbar traf es sich fast jeden Tag, dass er gerade zur selben Zeit zum Dienst musste, wenn die junge Dame ihre Schritte nach dem Konservatorium lenkte, und obgleich beide sich nur schlecht verst\u00e4ndlich machen konnten, hatte er doch bald heraus, dass Mabel Blumen sehr liebte und sich gern von ihm welche schenken liess. Da beide grosse Verehrer des Schlittschuhsportes waren, trafen sie sich jeden Nachmittag im Eispalast, und wenn auch das Gespr\u00e4ch, der mangelnden Sprachkenntnis wegen, oft stockte, unterhielten sie sich doch immer brillant miteinander.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Eines Tages brachte Severin Poigna, so hiess der junge Rum\u00e4ne, mit strahlendem L\u00e4cheln zwei Opernhausbillets mit, und verk\u00fcndete Mabe! freudig, dass beider Lieblingskomponist \u201eWagner\u201c zu Geh\u00f6r kommen sollte mit seinem Lohengrin.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Zu dieser feierlichen Gelegenheit schm\u00fcckte Mabel sich mit besonderer Sorgfalt, und sie hatte denn auch die Genugtuung, dass sie in ihrem chicken, tadellos sitzenden Spitzenkleide, \u2014 das in weichen Wellen \u00fcber rosa Seide rieselte und durch einen grossen Ausschnitt den vollen, blendend weissen Hals freigab, \u2014 unter den Damen des Parketts Aufsehen erregte. Bald aber vergass sie diese \u00c4usserlichkeiten ganz und gar, denn die Ouvert\u00fcre begann.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Gl\u00fcckselig sassen die beiden Menschenkinder nebeneinander und lauschten den herrlichen Melodien. In ihnen sang und klang es mit. Eine \u00fcbersch\u00e4umende Begeisterung riss sie hin und jeder gab dieser Wonne in seiner eigenen Sprache Ausdruck, und obgleich sie die Worte nicht begriffen, verstanden sie sich doch. Als sie sich abends mit leuchtenden Augen trennten, sagte ein warmer, fester H\u00e4ndedruck ihnen gegenseitig mehr Dank, als viele wohl\u00fcberlegte Worte es vermocht h\u00e4tten. \u2014<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Am n\u00e4chsten Tag bei Tisch \u00e4rgerte Mabel sich wirklich ganz abscheulich \u00fcber den zudringlichen Russen, der sie mit seinen missgl\u00fcckenden Versuchen, sie zu unterhalten, langweilte, und zuletzt, um ihn zum Schweigen zu bringen, rief sie ihm zu: \u201eWenn Sie wollen unterhalten sich mit mir, Sie m\u00fcssen lernen: Esperanto!\u201c<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Esperanto, die neue Weltsprache! das war eine Rettung! diese interessante, geniale Sprache konnte man ja in ein paar Stunden lernen und beherrschen! Sofort lief der Russe in einen Buchladen, kaufte sich ein kleines, gelbes Buch, auf dem stand: Leitfaden zur Erlernung der Lingvo internacia Esperanto und setzte sich hin zum eifrigen Lernen.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Mabel Sanders war unterdessen in ihr Zimmer gegangen, hatte etwas geruht, bestellte sich dann ihren Tee, und sah nun tr\u00e4umend auf die herrlichen Rosen, die Severin Poigna ihr am Morgen gebracht hatte. Sie stand auf, nahm aus der Vase eine der leuchtenden, nebenan ein feines, leises Klingen, und aus dem Chaos von T\u00f6nen entwickelte sich die Melodie: \u201eAtmest du nicht dieselben D\u00fcfte?\u201c Lohengrins Liebesgest\u00e4ndnis begann, \u2014 zwar nicht meisterlich aber mit Begeisterung und Verst\u00e4ndnis gespielt, \u2014 Mabel\u2019s Ohr zu umschmeicheln. Sie lauschte wie gebannt. Die Geigent\u00f6ne sprachen zu ihr eine Sprache, die alle Menschen verstehen, sie sangen leise von Liebe, von Sehnsucht und verschwiegenen W\u00fcnschen. Und leise stahl sich sein Name von ihren Lippen, und sie sprach ihn noch einmal vor sich hin, ganz leise und langsam, \u2014 wie gut er doch klang! \u2014 \u201eSeverin\u201c. Als die T\u00f6ne verklungen, litt es Mabel nicht l\u00e4nger in ihrem Zimmer, sie f\u00fchlte sich so verlassen, so allein, so unruhig. Vielleicht fand sie irgend einen Menschen im Gesellschaftsraum.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Sie ging hin\u00fcber und fand das Zimmer leer. Schon schritt Mabel zum Fl\u00fcgel, um durch eigenes Spiel ihre erregten Nerven zu beruhigen, da \u00f6ffnete sich die T\u00fcr, und Severin Poigna trat herein. Er hatte sie aus ihrem Zimmer gehen h\u00f6ren, war ihr gefolgt, und stand ihr nun mit bittenden Augen gegen\u00fcber. Und diese Augen sprachen eine so eigene, dringende Sprache, dass Mabel selbst nicht wusste, wie ihr geschah, aber sie barg ihren Kopf an seiner Schulter, und er fl\u00fcsterte in ihr kleines, rosiges Ohr: \u201eIch liebe Dich!\u201c<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Und wieder fanden sie eine Weltsprache, die jeder Mund spricht, sie k\u00fcssten sich heiss und innig \u2014<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Am Abend nahm der Russe mit triumphierender Miene seinen Platz neben der verehrten jungen Dame \u2014 die heute wie zu einem ganz besonderen Fest mit gr\u00f6sster Anmut und Eleganz gekleidet schien \u2014 ein, und begann sofort:<\/p>\n<p class=\"Textbody\">\u201eMia fra\u016dlino!\u201c<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Aber er musste mehrere Male seine Stimme vernehmlich erheben, ehe Mabel ihm ihr reizendes, gl\u00fcckstrahlendes Gesicht zuwandte.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Endlich fand er Geh\u00f6r und fing nun an, seine sch\u00f6n auswendig gelernten Phrasen herzusagen:<\/p>\n<p class=\"Textbody\">\u201eMia fra\u016dlino, kiel bi fartas? Mi jam longe ne havis plezuron vidi bin!\u201c<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Mabel aber lachte ihm ins Gesicht, hielt sich die Ohren zu und rief immer wieder:<\/p>\n<p class=\"Textbody\">\u201eKannitverstan, kannitverstan!\u201c<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Der Russe schwieg schwer gekr\u00e4nkt und beobachtete mit Eifersucht die verliebten Blicke, die seine Nachbarin mit dem jungen Rum\u00e4nen tauschte.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Nach dem Essen trat Leutnant Severin Poigna auf den Russen zu und bedeutete ihm h\u00f6flich, von heute ab die Pl\u00e4tze zu wechseln, denn er h\u00e4tte den grossen Wunsch, neben Fr\u00e4ulein Mabel Sanders, seiner lieben Braut, zu sitzen.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Obgleich er das alles in sehr schlechtem Deutsch sprach, verstanden ihn doch alle, und seine Er\u00f6ffnung rief ein grosses Halloh unter der kleinen Gesellschaft hervor und mit der Frau Professor an der Spitze gratulierten alle dem jungen Paar aufs Herzlichste.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Nur der Russe war \u00e4rgerlich \u00fcberrascht, riss die schl\u00e4frigen Augen weit auf und stotterte endlich die Frage: \u201eSie k\u00f6nnen doch auch nichts Englisch, nichts deutsch, wie Sie sich haben verst\u00e4ndigt?\u201c Da lachte Severin Poigna ihn mit seinen Spitzbubenaugen lustig an und sagte: \u201eAber, Herr Nywarczk, ich denke, Sie studieren Physik, da m\u00fcssten Sie doch die neuesten Erfindungen der Elektrizit\u00e4t kennen! Wir haben uns miteinander verst\u00e4ndigt durch die\u00a0 <span style=\"letter-spacing: 2.8pt;\">drahtlose Funkentelegrap<\/span>h i e !\u201c Dabei blitzten die beiden Liebenden sich an, und es war wirklich, als spr\u00e4nge von Seele zu Seele ein z\u00fcndender Funke.<\/p>\n<p class=\"Textbody\">Auf seinem Zimmer angelangt, griff der Russe mit heftiger Bewegung das kleine, unschuldige, gelbe Buch, aus dem er vor einer Stunde noch eifrig die Weltsprache lernte, warf es ins Feuer, und murmelte \u00e4rgerlich zwischen den Z\u00e4hnen: \u201eDummes Zeug! dummes Zeug!\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"Text\">Es ist eine reizende Kurzgeschichte aus dem Berlin der Kaiserzeit. Schon damals zog es junge Menschen aus aller Welt in die aufstrebende Metropole, die in dem Ruf stand, dass man sich hier ganz besonders \u201eam\u00fcsieren\u201c k\u00f6nne.<\/p>\n<p class=\"Text\">Der Text k\u00f6nnte von Frida Blindow stammen. Unter diesem Namen wurde schon 1906 ein schmales B\u00fcchlein von 36 Seiten mit dem Titel \u201eEin bunter Strauss&#8221; und dem Untertitel \u201eErtr\u00e4umtes, Erdachtes\u201c im Verlag von C. Wigand, Berlin-Leipzig ver\u00f6ffentlicht. Es kann unter der Signatur Yo 30848 in der Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz in Berlin &#8211; allerdings nur zur Benutzung im Lesesaal &#8211; bestellt werden.<\/p>\n<p class=\"Text\">Hier wird nun mit einem gewissen Augenzwinkern aufgegriffen, wie Esperanto von der \u00d6ffentlichkeit wahrgenommen wurde. Das war zweifellos auch das Resultat der T\u00e4tigkeit nimmerm\u00fcder Propagandisten, denen es immer wieder gelang, dass Berliner Tageszeitungen das Thema Esperanto aufgegriffen haben.<\/p>\n<p class=\"Text\">Wie tief verwurzelt Esperanto damals in der Gesellschaft war, sieht man an einer Anzeige in der Zeitschrift \u201eBerliner Leben\u201c mit dem Hinweis auf eine Medizinische Lichtheilanstalt in der Luisenstrasse 51. Es handelte sich dabei um ein Unternehmen des Sanit\u00e4tsrats Gottlieb Breiger, der auch an n\u00e4mlicher Adresse seine Wohnung hatte. Sein Name wird als Vorstandsmitglied der Berliner Esperanto-Gruppe genannt und zeitweise befand sich sogar die Gesch\u00e4ftstelle an seiner Adresse. Er zur Behandlung mit Licht auf Deutsch und auf Esperanto ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p class=\"Textbody\"><span style=\"font-family: 'Tahoma';\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine am\u00fcsante Kurzgeschichte aus dem Berlin der Kaiserzeit Gefunden in Berliner Leben : Zeitschrift f\u00fcr Sch\u00f6nheit und Kunst, 1909, Seite 18 bis 21 Es gibt 12 Jahrg\u00e4nge dieser Zeitschrift, die von der Landesbibliothek Berlin digitalisiert wurden. 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