{"id":3764,"date":"2016-07-21T15:55:54","date_gmt":"2016-07-21T14:55:54","guid":{"rendered":"https:\/\/esperanto.berlin\/?p=3764"},"modified":"2016-07-21T16:01:04","modified_gmt":"2016-07-21T15:01:04","slug":"deutsch-das-klavier-ins-feuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/deutsch-das-klavier-ins-feuer\/","title":{"rendered":"Das Klavier ins Feuer!"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<h2><span style=\"font-size: 12.0pt; font-family: 'Arial';\">Philipp Sonntag<\/span><\/h2>\n<h2>Das Klavier ins Feuer!<\/h2>\n<h3>Zur H\u00f6lle mit den k\u00fcnstlichen Sprachen. Nur &#8211; was ist k\u00fcnstlich?<\/h3>\n<p>Das ICI &#8220;<a href=\"http:\/\/www.ici-berlin.org\">Berlin Institute for Cultural Inquiry<\/a>&#8221; (www.ici-berlin.org) sieht sich als ein Garant f\u00fcr \u00c4sthetik bei feinen Diskussionen \u00fcber Kultursprachen. So am 23. Februar 2016 beim Treffen zu &#8220;Mehrsprachiges Europa&#8221;. Alle &#8220;nat\u00fcrlichen&#8221; Sprachen galten als wertvoll im Sinne der Kultur, auf der sie beruhen. Eine &#8220;Plansprache&#8221; wurde hingegen als &#8220;k\u00fcnstliche Sprache&#8221; verurteilt, da k\u00f6nne sich &#8220;der lebendige Mensch&#8221; nicht wohlf\u00fchlen.<\/p>\n<p class=\"Normal\"><span style=\"font-size: 12.0pt; font-family: 'Arial';\">\u00a0Aber was ist k\u00fcnstlich? Entscheidet das etwa der Mensch durch sein Verhalten? Zum Beispiel indem er sich mit einer Art &#8220;Globalesisch&#8221; ein k\u00fcnstliches, primitiv vereinfachtes &#8211; und vieles vereinfachendes &#8211; Englisch zurechtlegt? <\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span style=\"font-size: 12.0pt; font-family: 'Arial';\">Ist Esperanto schon im Ansatz etwas ganz anderes, als so eine Art k\u00fcnstliches Globalesisch?<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span style=\"font-size: 12.0pt; font-family: 'Arial';\">\u00a0Durchaus freundlich h\u00f6rte man auf dem Treffen unserem Esperantisten Dipl.-Ing. Peter K\u00fchnel zu, der kurz veranschaulichte, wie man sich politisch bis individuell in Europa besser vertragen k\u00f6nnte, wenn die nationalen Polarisierungen und Spannungen endlich mal durch eine neutrale Sprache verringert w\u00fcrden &#8211; am besten eine Sprache eben, die sich l\u00e4ngst im Alltag bew\u00e4hrt und pr\u00e4zisiert habe. Die Reaktion waren eher ratlose Gesichter. Es war n\u00e4mlich vorher deutlich auf das Unheil durch das Vordringen von Englisch hingewiesen worden, Motto wir brauchen mehrere, nat\u00fcrliche Sprachen. Nur die w\u00fcrden jede f\u00fcr sich ganze Eckpfeiler von europ\u00e4ischer Kultur bereitstellen und so ein kulturelles Geb\u00e4ude erm\u00f6glichen. Eine &#8220;k\u00fcnstliche&#8221; Sprache w\u00e4re da doch nur ein weiteres \u00c4rgernis. <\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span style=\"font-size: 12.0pt; font-family: 'Arial';\">Ganz entsprechend waren die Vortr\u00e4ge durchaus Prachtst\u00fccke demonstrierter hoher europ\u00e4ischer Kultur und Geistigkeit gewesen: Zum Genie\u00dfen vor allem Barbara Cassin auf Franz\u00f6sisch, Tullio De Mauro auf Italienisch und J\u00fcrgen Trabant auf Deutsch. Die Feinheiten wurden von vielen im Publikum &#8220;ansatzlos&#8221; registriert. Die Zuh\u00f6rer waren n\u00e4mlich vor allem Sprachwissenschaftler, sie konnten jubeln, schon bevor die \u00dcbersetzer das soeben Geh\u00f6rte nochmal aussprechen k\u00f6nnten. <\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span style=\"font-size: 12.0pt; font-family: 'Arial';\">Die erkl\u00e4rten Ziele des ICI sind \u00e4hnlich wie bei Esperanto: Die Kulturen (amerikanisch: civilisations) sind im vernichtenden Kampf gegeneinander, das ist seit Samuel Huntingtons Buch &#8220;Clash of Civilisations&#8221; in der Politik schon &#8220;quasi amtlich&#8221; geworden. Das ICI will nun erkunden, wie es gelingen k\u00f6nnte, die Kulturen zu einem &#8220;produktiven Miteinander&#8221; zu veranlassen. ICI f\u00e4chert breit auf, was alles bei der menschchlichen Gesellschaft als Kultur verstanden werden soll. Darum k\u00fcmmern sich im Wesentlichen europ\u00e4ische Sprachwissenschaftler. Sie kommen aus vielen L\u00e4ndern und setzen sich engagiert f\u00fcr eine gelebte Vielfalt europ\u00e4ischer Kultur ein. Das mit seiner Terminologie sich laufend ausbreitende &#8220;globale Englisch&#8221; bezeichnen die Sprachwissenschaftler abwertend als Globalesisch, siehe auch J\u00fcrgen Trabant: &#8220;Globalesisch oder was? Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr europas Sprachen&#8221; (C. H. Beck Verlag, 2014). <\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span style=\"font-size: 12.0pt; font-family: 'Arial';\">Und Esperanto bleibt au\u00dfen vor? Ich diskutierte nach dem Ende der Veranstaltung mit einer Sprachwissenschaftlerin. Wo wurde sie bei meinen Argumenten besonders aufmerksam? Das geschah an zwei Punkten, welche die angebliche K\u00fcnstlichkeit von Esperanto betreffen. <\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span style=\"font-size: 12.0pt; font-family: 'Arial';\">Ein Punkt hatte mit der Macht \u00fcber die Auswahl von Sprachen zu tun, inklusive der Folgen. Mein Beispiel war die Sicherheitspolitik. Ich meinte, diese sei durch die nat\u00fcrlichen Sprachen in eine gef\u00e4hrliche Sackgasse geraten. Im Kalten Krieg n\u00e4mlich fand ich in USA bei den Experten fast niemand, der halbwegs brauchbar russisch konnte. Die Russen verwendeten in den Verhandlungen \u00fcber die Atomr\u00fcstung zwar notgedrungen Amerikanisch, aber nur mit sichtbarem, geradezu demonstrativem Widerwillen. Versuche mit Franz\u00f6sisch waren ein Fiasko. Tats\u00e4chlich h\u00e4tte Esperanto die bei weitem nat\u00fcrlichste menschliche Begegnung erm\u00f6glicht. Es h\u00e4tte vielleicht sogar dazu beitragen k\u00f6nnen, die Sackgasse der Abschreckung im Kern aufzul\u00f6sen. <\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span style=\"font-size: 12.0pt; font-family: 'Arial';\">Was dann half, war eine besonders primitive Plansprache, n\u00e4mlich eine Kombination der Programmiersprache Algol mit mathematischen Eskalationsmodellen f\u00fcr Atomraketen. So bekamen die Experten heraus, wie sie gemeinsam hoch eskalations-gef\u00e4hrdet waren und ein gemeinsames (!) Interesse an einer R\u00fcstungsbegrenzung hatten. Das gelang nur mit einer gro\u00dfen Anstrengung, durch Amerikaner, Russen, uns Deutsche und ein paar weitere. Es gelang durch gemeinsame Betrachtung der Modelle auf Pugwash Konferenzen und weiteren Treffen. Also: primitive Plansprache, gro\u00dfe systematische M\u00fche. Ich erinnere, wie es damals 1967 in ganz Hamburg nur einen einzigen Computer gab, an der Universit\u00e4t, auf dem man diese Modelle rechnen konnte und ich musste mir ein Zimmer ganz nahe am Computer-Geb\u00e4ude mieten, um dort nachts meine Lochkarten einzugeben. <\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span style=\"font-size: 12.0pt; font-family: 'Arial';\">Ein weiterer Punkt betraf die grundlegende Frage: was eigentlich ist &#8220;k\u00fcnstlich&#8221;? Ist etwa die Anklage gegen Esperanto k\u00fcnstlich? Zum Vergleich: Ich meinte, das Singen sei nat\u00fcrlich, hingegen alle die so genial konstruierten Musikinstrumente seit 30.000 Jahren seien doch trotzdem im Vergleich zum Singen so schrecklich k\u00fcnstlich, dass es schier unertr\u00e4glich sein m\u00fcsse, sich &#8220;Musikst\u00fccke&#8221; mit Instrumenten anzuh\u00f6ren. Vollends absurd sei also, in solcher Musik eine Kultur zu vermuten. Allein schon die schwarzen und wei\u00dfen Tasten eines Klaviers verraten den k\u00fcnstlichen, mechanischen, krass hart unrunden, geradezu maschinellen Charakter des Klaviers. Ins Feuer mit dem Klavier!<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\">\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philipp Sonntag Das Klavier ins Feuer! Zur H\u00f6lle mit den k\u00fcnstlichen Sprachen. Nur &#8211; was ist k\u00fcnstlich? Das ICI &#8220;Berlin Institute for Cultural Inquiry&#8221; (www.ici-berlin.org) sieht sich als ein Garant f\u00fcr \u00c4sthetik bei feinen Diskussionen \u00fcber Kultursprachen. 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