{"id":5684,"date":"2018-04-18T22:40:44","date_gmt":"2018-04-18T21:40:44","guid":{"rendered":"https:\/\/esperanto.berlin\/?p=5684"},"modified":"2018-05-14T17:07:06","modified_gmt":"2018-05-14T16:07:06","slug":"ni-funebras-pri-wanda-fethke-grossmann-1924-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/ni-funebras-pri-wanda-fethke-grossmann-1924-2018\/","title":{"rendered":"Wir trauern um Wanda Fethke-Gro\u00dfmann (1924-2018)"},"content":{"rendered":"<p><div id=\"attachment_5686\" style=\"width: 258px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5686\" class=\" wp-image-5686\" style=\"border: solid 10pt black\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Fethke-W-Symposium-2003-2D-k.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"227\" \/><p id=\"caption-attachment-5686\" class=\"wp-caption-text\">Wanda Fethke-Gro\u00dfmann<\/p><\/div><\/p>\n<p><em><em>Wanda Fethke-Gro\u00dfmann, Witwe des bedeutenden Filmregisseurs, Szenaristen und Esperanto-Autors Jan Fethke (1903-1980) und Ehrenmitglied der Esperanto-Liga Berlin verstarb am 22. M\u00e4rz dieses Jahres.<\/em><\/em><\/p>\n<p>Diese traurige Nachricht \u00fcbermittelte Gerd Bussing, der den Kontakt zu ihr \u00fcber viele Jahre pflegte, den Berliner Esperanto-Freunden.<\/p>\n<p>Gerd Bussing schreibt:<\/p>\n<p><em>Als ich vor einiger Zeit nach langer Pause Wanda Fethke wieder anrief, erfuhr ich von ihrem zweiten Mann, Herrn Gro\u00dfmann, dass sie zwei Tage zuvor im Alter von 94 Jahren verstorben war. Es zeigte sich, dass das Ehepaar nicht mehr in seiner Wohnung in Berlin-Spandau lebte, sondern in einem dortigen Pflegeheim.<\/em><\/p>\n<p><em>Wanda Fethke tauchte in unserer Berliner Esperanto-Welt im Jahr 2003 wieder auf, als wir unser Jubil\u00e4um \u201e100 Jahre Esperanto in Berlin\u201c feierten, was zusammentraf mit dem 100. Geburtstag ihres Gatten, des Filmregisseurs und Schriftstellers Jean Forge (Jan Fethke), den wir gemeinsam mit dem Polnischen Institut in Berlin ehrten.<\/em><\/p>\n<p><em>Bewegend war ihr Wiedersehen mit einer anderen Veteranin, Frau Hildegard Stolpe.<\/em><\/p>\n<p><em>Einige Male besuchten wir das Ehepaar Fethke-Gro\u00dfmann in Spandau. Sie zeigte mir auch einen Koffer mit dem literarischen Nachlass ihres Mannes, den sie aufbewahrt hatte. <\/em><\/p>\n<p>Als die Esperanto-Liga Berlin gemeinsam mit dem Polnischen Institut Berlin und dem Filmkunsttheater Babylon schon mit den Vorbereitungen f\u00fcr eine Fethke-Hommage \u00a0im M\u00e4rz 2003 \u00a0besch\u00e4ftigt war, wurde pl\u00f6tzlich bekannt, dass die Witwe Fethkes in Berlin lebt. Der polnische Filmhistoriker Jan Lewandowski, der zur Hommage eingeladen war, hatte sie schon in den 80-er Jahren bei seinen Forschungsarbeiten zur schlesischen Filmgeschichte entdeckt.<\/p>\n<div id=\"attachment_5689\" style=\"width: 290px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5689\" class=\" wp-image-5689\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/1-A-1-Fethke-Grossmann-Wanda-kk-D.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"271\" \/><p id=\"caption-attachment-5689\" class=\"wp-caption-text\">Wanda Fethke-Gro\u00dfmann und die Direktorin des Polnischen Instituts Berlin Joanna Kiliszek (rechts) bei der Fethke-Hommage Berlin 2003<br \/>Foto Fritz Wollenberg<\/p><\/div>\n<p>Nun war die Neugier gro\u00df, und Wanda Fethke-Gro\u00dfmann traf sich mit Berliner Esperanto-Freunden, um temperamentvoll und anschaulich aus ihrem und dem Leben ihres ersten Mannes zu erz\u00e4hlen:<\/p>\n<p>Am 15. Januar 1924 in Wilna (damals Polen, heute Litauen) als Wanda Jurkiewicz geboren, wuchs sie dort auf und erlebte als junges M\u00e4dchen den Zweiten Weltkrieg. Das Haus, in dem die Familie lebte, brannte aus. Sie wurde von den Eltern getrennt und lebte bei einer Primadonna, die sie zu Gesangsauftritten in Krankenh\u00e4user mitnahm. F\u00fcr ihre gemeinsamen Auftritte bekamen sie Essenpakete, so dass sie \u00fcberleben konnten.<\/p>\n<p>Die Evakuierung nach dem Krieg verschlug sie nach \u0141odz, in die Industrie-, Universit\u00e4ts- und nun auch Filmstadt. Hier nahm sie ein Jurastudium auf, interessierte sich aber auch f\u00fcr das Theater.<\/p>\n<p>In einem Schauspielerklub lernte sie 1948 den damals schon ber\u00fchmten Filmregisseur Jan Fethke kennen. Sie war beeindruckt von dem 20 Jahre \u00c4lteren, machte ihm aber auch bald deutlich, dass, wenn er eine Beziehung zu ihr w\u00fcnscht, er sie heiraten m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Fethkes erste Frau, die Franz\u00f6sin Clotilde de P\u00e9try, war in Warschau w\u00e4hrend des Krieges ums Leben gekommen.<\/p>\n<p>1951 heirateten Wanda und Jan. Sie beendete noch ihr Jurastudium als Magister,\u00a0 begleitete dann aber ausschlie\u00dflich ihren Mann und sein Schaffen. Begeistert spricht sie davon, welch ein guter Ehemann er war, und dass das Leben an seiner Seite f\u00fcr sie einer \u201eLebensuniversit\u00e4t\u201c gleichkam. Sie war bei den Dreharbeiten dabei, sprach mit ihm \u00fcber alles, was ihn bewegte und lebte in der Gesellschaft von K\u00fcnstlern, Architekten usw., mit denen ihr Mann zu tun hatte.<\/p>\n<p>Voller Stolz verweist sie auf \u00fcber 50 Filme, zu denen er das Drehbuch schrieb oder bei denen er Regie f\u00fchrte. Sie erz\u00e4hlt von den Stummfilmklassikern \u201eMutter Krausens Fahrt ins Gl\u00fcck\u201c und \u201eJenseits der Stra\u00dfe\u201c (1929), die in Berlin entstanden, wohin er 1926 nach Abbruch eines ungeliebten Ingenieurstudiums in Danzig kam, um ins Filmgesch\u00e4ft einzusteigen. Als Regieassistent bei der Filmgesellschaft Ufa, war er an vielen Produktionen beteiligt und arbeitete mit Karl Grune und Fritz Lang zusammen. 1935 wurde in Paris \u201eDie Katze im Sack\u201c in Franz\u00f6sisch und Deutsch gedreht. Ab diesem Jahr lebte er in Warschau. Wanda erz\u00e4hlt von den polnischen Filmen Fethkes wie \u201eDie vergessene Melodie\u201c (1938) und den Filmen, deren Entstehung sie selbst begleitet hat \u201eZa\u0142oga\u201c (Junge Matrosen, 1952) und \u201eIrena, bleib zu Hause!\u201c (1956) und schlie\u00dflich \u201eDer schweigende Stern\u201c (1960)<\/p>\n<p>Wer ihr zuh\u00f6rt, bemerkt, dass sie voll und ganz hinter dem Schaffen und den Ansichten ihres Mannes steht und ihren Anteil an seinem Werk hat.<\/p>\n<p>So sah das auch der polnische Staat, als er ihr am 16.10.2008 das Kavalierkreuz des Verdienstordens der Republik Polen verlieh.<\/p>\n<p>Wanda Fethke-Gro\u00dfmann sprach deutsch und polnisch. Sie besa\u00df die polnische und die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit und macht deutlich, wie froh sie dar\u00fcber ist, dass sie sich problemlos in Polen und in Deutschland bewegen kann.<\/p>\n<p>Sie weist darauf hin, dass das f\u00fcr Jan Fethke nicht immer m\u00f6glich war. Der war 1903 in dem heutigen Opole (Oberschlesien) geboren als Sohn eines Deutschen und einer Polin. Er wuchs selbstverst\u00e4ndlich mit den beiden Sprachen Polnisch und Deutsch auf und bewegte sich in beiden L\u00e4ndern. Er besa\u00df die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit,1935 beantragte er die polnische. Er erhielt sie erst 1949. W\u00e4hrend des Krieges wurde er von verschiedenen Seiten verhaftet. Als er schlie\u00dflich nach Kriegsende in Polen angeklagt wurde, meldeten sich 30 Zeugen, die f\u00fcr ihn aussagten, berichtet Wanda stolz. Darunter Juden und Polen, die seiner Hilfe ihr Leben verdankten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eEr war ein Europ\u00e4er\u201c, betont sie.<\/p>\n<div id=\"attachment_5685\" style=\"width: 503px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5685\" class=\" wp-image-5685\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Fethke-Poln-Inst-Ausstellung-2003-k.jpg\" alt=\"\" width=\"493\" height=\"336\" \/><p id=\"caption-attachment-5685\" class=\"wp-caption-text\">Fethke-Ausstellung im Polnischen Institut Berlin 2003<br \/>Foto: Fritz Wollenberg<\/p><\/div>\n<p>Damit erkl\u00e4rt sie sich auch die gro\u00dfe Sympathie und das Engagement f\u00fcr die internationale Sprache Esperanto. Jan Fethke (Pseudonym Jean Forge) ver\u00f6ffentlichte drei original in Esperanto verfasste Romane \u2013 Abismoj (Abgr\u00fcnde, 1923), Saltego trans jarmiloj (Sprung \u00fcber Jahrtausende, 1924) und Mr Tot a\u0109etas mil okulojn (Mr. Tot kauft 1000 Augen, 1931), eine Sammlung satirischer Erz\u00e4hlungen (La verda raketo, 1961) und eine Sammlung mit Satiren, Erinnerungen und filmischen Dokumenten (Mia verda breviero, 1974). Er schrieb viele Beitr\u00e4ge f\u00fcr Esperanto-Zeitungen, z. B. Literatura Mondo), hielt zahlreiche Vortr\u00e4ge, unterrichtete aber auch in verschiedenen L\u00e4ndern Esperanto nach der Cshe-Methode. 1934 wurde seine Esperanto-Version des Films \u201eMorgen beginnt das Leben\u201c in Stockholm uraufgef\u00fchrt, und 1959 drehte er den Esperanto-Film \u201eVerda stelo super Varsovio\u201c (Der gr\u00fcne Stern \u00fcber Warschau). Sowohl in der Berliner Esperanto-Szene als auch in der internationalen war er seit den zwanziger Jahren zu Hause. Auch seine Br\u00fcder Stefan und Edmund waren Esperanto-Sprecher. Mit Edmund zusammen ver\u00f6ffentlichte er 1957 ein Esperanto-Lehrbuch<\/p>\n<p>1960 trifft das Ehepaar Fethke eine wichtige Entscheidung. In Westberlin wird Fritz Langs Film \u201eDie 1000 Augen des Doktor Mabuse\u201c uraufgef\u00fchrt. Fethkes Esperanto-Roman \u201eMr. Tot kauft 1000 Augen\u201c bildete die Vorlage. Darin hatte Fethke schon 1931 die negativen Folgen der \u00dcberwachung mit Kameras thematisiert. Jan Fethke bleibt nach der Premiere in Westberlin. Er arbeitet nun freiberuflich f\u00fcr Film und Fernsehen. Wanda bleibt vorerst in Polen. Sie will den Vater nicht allein lassen und erlernt einen neuen Beruf &#8211; Kosmetikerin. Erst drei Jahre sp\u00e4ter wird ihre \u00dcbersiedlung nach Westberlin genehmigt.<\/p>\n<p>Im weltoffenen Berlin bleibt es bei den beiden Leidenschaften Film und Esperanto, die ihr Leben bestimmen. Doch etwas Neues kommt hinzu: Sie f\u00fchrt einen Kosmetiksalon.<\/p>\n<p>Der Tod Jan Fethkes 1980 st\u00fcrzt seine Frau in eine gesundheitliche und seelische Krise, von der sie sich nur langsam und mit Hilfe eines neuen Partners erholt. Sie heiratet schlie\u00dflich Manfred Gro\u00dfmann.<\/p>\n<p>Ihr war es ein wichtiges Anliegen, die Erinnerung an ihren ersten Mann zu bewahren und in der \u00d6ffentlichkeit lebendig zu halten. In diesem Anliegen traf sie beim Polnischen Institut in Berlin und bei der Esperanto-Liga Berlin auf Partner. So kam 2003 die bemerkenswerte Hommage an Jan Fethke zustande, bei deren Er\u00f6ffnung sie neben der Direktorin des Polnischen Instituts Berlin Joanna Kiliszek und dem Vorsitzenden der Esperanto-Liga Berlin Peter B\u00e4\u00df das Wort ergriff. Sie unterst\u00fctzte die Entstehung einer Ausstellung zu Leben und Werk Jan Fethkes, die im Polnischen Institut gezeigt wurde. Sie gab dem Publikum Einf\u00fchrungen vor der Auff\u00fchrung der Filme \u201eMutter Krausens Fahrt ins Gl\u00fcck\u201c, \u201eDie verlorene Melodie\u201c,\u00a0 \u201eIrena, bleib zu Hause!\u201c, \u201eDer schweigende Stern\u201c und \u201eDie Tausend Augen des Doktor Mabuse\u201c im Polnischen Institut bzw. im Filmkunsttheater Babylon, und sie beteiligte sich beim Symposium zu Leben und Werk Jan Fethkes an der Diskussion mit dem Direktor des Filmmuseums in \u0141odz Mieczys\u0142aw Ku\u017amicki, dem Historiker aus Katowice Jan Lewandowski, dem Film- und Fernsehwissenschaftler Dr. J\u00fcrgen Kasten und dem Kenner der Esperanto-Literatur Gerd Bussing unter Leitung des Journalisten Fritz Sch\u00fctte.<\/p>\n<div id=\"attachment_5687\" style=\"width: 477px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5687\" class=\" wp-image-5687\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Fethke-Hommage1-k.jpg\" alt=\"\" width=\"467\" height=\"279\" \/><p id=\"caption-attachment-5687\" class=\"wp-caption-text\">Mieczys\u0142aw Ku\u017amicki, Dolmetscherin, Jan Lewandowski, Wanda Fethke-Gro\u00dfmann, Fritz Sch\u00fctte, Dr. J\u00fcrgen Kasten, Gerd Bussing beim Symposium zu Leben und Werk Jan Fethkes in Berlin 2003<br \/>Foto: Fritz Wollenberg<\/p><\/div>\n<p>Den Esperanto-Freunden wird Wanda Fethke-Gro\u00dfmann in Verbindung mit dem bedeutenden Esperanto-Literaten Jan Fethke lebhaft in Erinnerung bleiben.<\/p>\n<p>Fritz Wollenberg<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wanda Fethke-Gro\u00dfmann, Witwe des bedeutenden Filmregisseurs, Szenaristen und Esperanto-Autors Jan Fethke (1903-1980) und Ehrenmitglied der Esperanto-Liga Berlin verstarb am 22. 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