{"id":7562,"date":"2019-10-15T17:00:12","date_gmt":"2019-10-15T16:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/esperanto.berlin\/?p=7562"},"modified":"2019-11-02T20:56:27","modified_gmt":"2019-11-02T19:56:27","slug":"vision-volkerbund-1919","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/esperanto.berlin\/de\/vision-volkerbund-1919\/","title":{"rendered":"Borgius Vision f\u00fcr einen V\u00f6lkerbund"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 1919 erschien als Nummer 9 in einer Reihe von \u00bbFlugschriften\u00ab des \u00bb<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bund_Neues_Vaterland\">Bundes Neues Vaterland<\/a>\u00ab eine Schrift von Dr . Walter Borgius (*1870 in <a href=\"https:\/\/esperanto.berlin\/ponta-festo-frankfurto-odro\/\">Frankfurt an der Oder<\/a>) ein Text mit dem Titel \u00bb<a href=\"https:\/\/esperanto.berlin\/borgius-biografio\/borgius-1919\/\">Der V\u00f6lkerbund. Seine Kultur- und Wirtschaftsaufgaben<\/a>\u00ab, die sich heute vision\u00e4re Beschreibung einer Entwicklung liest, die zumindest in Europa noch in Werden ist. Er schl\u00e4gt ein Parlament und eine \u00fcbernationale Verwaltung vor und erkennt klarsichtig, dass das zu Sprachproblemen f\u00fchren wird.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-7567\" src=\"https:\/\/esperanto.berlin\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Borgius-Rezension-Wehberg-V\u00f6lkerbund-1919-extrakt.gif\" alt=\"\" width=\"359\" height=\"190\" \/>In der Zeitschrift \u00bbWeltwirtschaftliches Archiv\u00ab 15. Bd. (1919\/1920),<a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/40414243?seq=1#page_scan_tab_contents\"> pp. 430-432<\/a> hat\u00a0 der V\u00f6lkerrechtler Dr. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Wehberg\">Hans Wehberg<\/a> (Berlin) die Schrift wie folgt kommentiert:<\/p>\n<ul>\n<li>Borgius macht zun\u00e4chst, im Anschlu\u00df an Erzbergers bekanntes Buch, dessen Grudgedanken ihm nicht radikal genug erscheinen.<br \/>\nVorschl\u00e4ge f\u00fcr die Organisation eines V\u00f6lkerbundes. Die Min\u0131ster der ausw\u00e4rtigen Angelegenheiten aller Staaten sollen Stellvertreter ernennen, die im Haag zu einem internationalen Rat vereinigt werden sollen. Die bisherigen Gesandtschaften sollen dadurch \u00fcberfl\u00fcssig gemacht und die Verhandlungen von Staat zu Staat in einem Zentralpunkt gef\u00fchrt werden.<br \/>\nNeben den internationalen Rat soll ein internationaler Parlamentsausschu\u00df treten. Der Verfasser sieht ferner Grenzverschiebungen im sp\u00e4teren V\u00f6lkerbund vor und tritt f\u00fcr eine radikale Abr\u00fcstung ein. Das internationale Heer zur Exekution soll nicht aus natio\u0131nalen Kontingenten zusammengestellt sein, sondern auf internationaler Grundlage organisiert werden. <strong>Weiterhin verlangt Verfasser die Einf\u00fchrung einer Weltsprache.<\/strong><br \/>\nMit gro\u00dfer Sch\u00e4rfe versucht Borg\u00edus schlie\u00dflich den Nachweis zu erbringen, da\u00df wir bisher keine Weltwirtschaft gehabt haben, sondern nur zwischenstaatliche Beziehungen zwischen den nationalen Volkswirtschaften.<br \/>\nDas Ziel des Verfassers ist die m\u00f6glichst umfassende Internationalisierung, insbesondere der Hochseeschiffahrt, des Post- und Telegraphenwesens. des M\u00fcnzwesens, der Verteilung der wicht\u00edgstel\u0131 Rohstoffe, des Handels, der<br \/>\nKolonialverwaltung, der wichtigsten Versicherungszweige, des Auskunftswesens, der internationalen Rechtsverfolgung, des Patentwesens. des Ausstellungswesens usw. Es sollen also auf allen diesen Geh\u00edeten keine nationalen Institute mehr bestehen bleiben, sondern Weltwirtschalfts\u00e4mter, Weltpost\u00e4mter usw. geschaffen werden. Borgius ist sich ganz klar dar\u00fcber, da\u00df dieses System schlie\u00dflich zu einem V\u00f6lkerbundesstaate f\u00fchren und daher die Entwicklung \u00fcber den Wilsonschen. V\u00f6lkerbund hinausgehen wird. Diese Prognose erscheint mit zutreffend, doch wird nicht zu leugnen sein, da\u00df sich gerade auf wirtschaftlichem Gebiet seine Ideen nur im Laufe langer Jahre werden verwirklichen lassen. Borgius geht durchaus eigene Wege. Seine Schrift ist daher weitgehende Beachtung wert.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wehberg hat 1921 selbst einen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Wehberg#Kommentar_der_V%C3%B6lkerbundsatzung\">Kommentar zur Satzung des V\u00f6lkerbunds<\/a> ver\u00f6ffentlicht und war\u00a0 von <span id=\"Herausgeber_der_Friedens-Warte_1924\u20131962\" class=\"mw-headline\">1924 <\/span><span id=\"Herausgeber_der_Friedens-Warte_1924\u20131962\" class=\"mw-headline\">bis\u00a0 1962 der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Wehberg#Herausgeber_der_Friedens-Warte_1924%E2%80%931962\">Herausgeber der Zeitschrift \u00bbFriedenswarte\u00ab<\/a>, die von Alfred Hermann Fried begr\u00fcndet worden war.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Borgius erl\u00e4utert im Abschnitt \u00fcber Sprache seinen eigenen Werdegang und will das von ihm konstatierte \u00bbScheitern der Weltsprachenbewegung\u00ab \u00fcberwinden.<\/p>\n<ul>\n<li>Ich bin weder \u201eEsperantist\u201c, noch \u201eldist\u201c (Reform-Esperantist), noch sonst Vertreter einer der zahlreichen Weltsprachensysteme. Im Gegenteil: Nachdem ich eine Reihe von Jahren hindurch eifriger Mitarbeiter erst des \u201eEsperanto\u201c, dann des \u201eIdo\u201c gewesen war, habe ich schlie\u00dflich die \u00dcberzeugung gewonnen, da\u00df es auf diese \u0131n Wege nicht geht. Immerhin stehe ich deshalb nicht dcm Gedanken einer k\u00fcnstlichen Neutralsprache grunds\u00e4tzlich ablehnend gegen\u00fcber, bin vielmehr geneigt, die bisherigen Mi\u00dferfolge der Weltsprachenbewegung lediglich bestimmten Fehlern zur Last zu legen, die mir in der Weltsprachenbewegung entgegengetreten sind. Ihr bisheriger Mi\u00dferfolg liegt meines Erachtens haupts\u00e4chlich an zwei Umst\u00e4nden:<\/li>\n<\/ul>\n<p>Er betrachtet die bisherigen Projekte als \u00bbDilettantenarbeit\u00ab und macht sich damit bei Esperantisten keine Freunde. Seine umfassende Kritik an Esperanto hatte er 1908 mit\u00a0 der Brosch\u00fcre \u00bbWarum ich Esperanto verlie\u00df\u00ab ver\u00f6ffentlicht. Zuvor war er im Berliner Vorstand der Deutschen Esperantisten-Gesellschaft und trat zusammen mit weiter Vorstandmitgliedern wegen der \u00bbReformunwilligkeit\u00ab der Deutschen Esperantisten zur\u00fcck. Kurz zuvor hatte er noch in der Schrift \u00bb<a href=\"https:\/\/esperanto.berlin\/borgius-biografio\/borgius-weltsprache-problem\/\">Das Weltsprache-Problem<\/a>\u00ab die Vorz\u00fcge des Esperanto ger\u00fchmt.<\/p>\n<p>Er fordert nun eine ernsthafte fachliche Herangehensweise von den Sprachwissenschaftlern, die sich mit wenigen (drei) Ausnahmen bisher nicht um das Problem gek\u00fcmmert h\u00e4tten. Zumindest einer der genannten (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Otto_Jespersen\">Jespersen)\u00a0<\/a> hat es 1928 mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Novial\">Novial<\/a> versucht, das recht h\u00fcbsch aussieht.<\/p>\n<ul>\n<li>Zweitens aber hat die Sprachwissenschaft auf diesem wichtigen Gebiete bisher vollkommen versagt. Mit verschwindenden Ausnahmen vereinzelter Personen, die sich f\u00fcr die Bewegung interessierten [wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hugo_Schuchardt\">Schuchardt<\/a>-Wien f\u00fcr das Volap\u00fck, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jan_Ignacy_Niecis%C5%82aw_Baudouin_de_Courtenay\">Baudonin de Courtenay<\/a>-Petersburg f\u00fcr das Esperanto, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Otto_Jespersen\">Jespersen<\/a>~Kopenhagen f\u00fcr das Ido [Reform-Esperanto]]. haben die Sprachwissenschaftler aller Nationen dieser interessantesten Kulturerscheinung ihres Fachgebietes gegen\u00fcber nichts bezeigt, als den \u00fcblichen jede Ber\u00fchrung ablehnenden akademischen D\u00fcnkel gegen\u00fcber dem Nicht-Zunftgenossen, der an die Probleme der Zunftgelehrsamkeit zu r\u00fchren wagt, bzw., wo sie sich einmal mit der Frage befassen mu\u00dften, (wie z. B. Brugmann und Leskien auf Ansuchen der S\u00e4chsischen Akademie der Wissenschaften) ihren Witz an einigen offenkundigen konkreten M\u00e4ngeln gerieben, ohne dem Problem selbst irgendwie n\u00e4her zu treten. [Ganz wie die Naturwissenschaftler gegen\u00fcber der W\u00fcnschelrute und dem Hypnotismus, die Techniker gegen\u00fcber der Luftschifffahrt) Hier wird der V\u00f6lkerbund einzusetzen haben:<\/li>\n<li>Er mu\u00df aus den wissenschaftlichen Neuphilologen aller L\u00e4nder einen Sonderausschu\u00df einsetzen, der mit der Aufgabe betraut wird, die bisherigen zahlreichen Entw\u00fcrfe einer Neutralsprache zu pr\u00fcfen; festzustellen, was an ihnen Gemeinsames und Brauchbares ist, was f\u00fcr M\u00e4ngel und Grundfehler sie aufweisen, und endlich an der Hand der bislang im Laufe der Jahrzehnte gemachten Erfahrungen und Ergebnisse die Grundlagen f\u00fcr eine einwandfreie Internationalsprache zu schaffen. Dies ist keineswegs so schwierig und aussichtslos, wie der Laie auf den ersten Blick meint, wenn man nur erst einmal auf wirklich systematischem Wege und mit dem notwendigen wissenschaftlichen R\u00fcstzeug an die Arbeit herangeht.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Aber bis dahin kann man \u00fcbergangsweise weitermachen&#8230;..<\/p>\n<ul>\n<li>Bis das Ziel erreicht ist, kann aber getrost das Esperanto oder Reform-Esperanto als provisoische Neutralsprache den Zwecken des V\u00f6lkerbundes dienen<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 1919 erschien als Nummer 9 in einer Reihe von \u00bbFlugschriften\u00ab des \u00bbBundes Neues Vaterland\u00ab eine Schrift von Dr . Walter Borgius (*1870 in Frankfurt an der Oder) ein Text mit dem Titel \u00bbDer V\u00f6lkerbund. 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