Walther Borgius (1908) Warum ich Esperanto verließ.

Warum ich Esperanto verließ.

Eine Studie über die gegenwärtige Krisis und die Zukunft der Weltsprachen-Bewegung.

Von Dr. Walther Borgius

bisherigem Vizepräsidenten der Ortsgruppe Berlin der Deutschen Esperanto-Gesellschaft

Berlin 1908 Druck und Verlag von Liebheit & Thiesen.

Adresse W. Borgins, Groß-Lichterfelde bei Berlin,

bin ich gern bereit, nähere Auskunft zu erteilen.

W. Borgins, Groß-Lichterfelde, Lorenzstr. 65.

Die Entstehung der Krise.

Der III. Internationale Esperanto-Kongreß, der im August dieses Jahres in Dresden abgehalten wurde und mit viel Geschick arrangiert und propagandistisch ausgenützt worden ist, hat jetzt auch in Deutschland das Interesse für die Weltsprachenbewegung erheblich anwachsen lassen und dem Esperantismus einen erheblichen Zuwachs von Anhängern gebracht. Gleichzeitig aber hat sich innerhab der Esperantistenschaft selbst ein Zwiespalt entwickelt, der sich im gegenwärtigen Augenblick bereits zu einer ausgesprochenen Krise ausgewachsen hat, und zwar über die Frage, ob gewisse Reformen, die von vielen Seiten für unerläßlich gehalten werden, in die Sprache aufgenommen werden sollen oder nicht. Die Streitfrage berührt mich auch persönlich, sofern ich und vier andere Vorstandsmitglieder der Ortsgruppe Berlin der deutschen Esperantogesellschaft sich durch die reformfeindliche Haltung der Majorität, die durch den Dresdener Kongreß endgültig besiegelt wurde, uns veranlaßt gesehen haben, unsere Ämter niederzulegen und unsere Kraft ganz in den Dienst des Reformesperanto zu stellen, das sich jetzt, unter der schlichteren Bezeichnung »Internaciona Linguo« (in amerikanischer Weise auch als »ILO« abgekürzt) neben dem primitiven Esperanto seine eigene Klientel geschaffen hat, und überaus schnelle Fortschritte macht.

Die hiermit eingetretene »Spaltung« der Bewegung wird von den fernerstehenden Kreisen vielfach als »der Anfahg vom Ende” aufgefaßt und ist daher leicht geeignet, hemmend auf den Fortgang der Bewegung einzuwirken. Andererseits herrscht in den Kreisen der Esperantisten selbst vielfach große Unklarheit oder doch ganz unzureichende Orientierung über die eigentliche Sachlage; denn die esperantistischen Zeitschriften schweigen sich über diese Dinge entweder vollständig aus oder bringen doch nur recht einseitige und gefärbte Informationen. Die Herausgeber esperantistischer Journale haben sich nämlich auf dem später noch zu erwähnenden I. Internationalen EsperantoKongreß zu Boulogne sur Mer; auf welchem das Samenhofsche »Fundamente« als »unveränderliche Grundlage« der Sprache sanktioniert wurde, unterschriftlich auf nachstehende »Deklaration« verpflichten müssen, an die sie nunmehr gebunden sind:

„Die Unterzeichneten Herausgeber esperantistischer Zeitschriften versprechen :

In ihren Organen die größtmögliche Korrektheit der Sprache anzustreben und den Regeln und dem Fundament der Samenhofschen Sprache Esperanto gehorsam zu sein (obeadi),

Jede Handlung und jede Diskussion zu unterlassen, die darauf hinausläuft, die Samenhofsche Sprache irgendwie zu verändern,

Nur solche Bücher, Zeitschriften oder sonstige Publikationen zu empfehlen, die gleichfalls den Regeln und dem Fundament der Samenhofschen Sprache gehorchen, und, wenn sie über andere berichten, mindestens ihre unannehmbaren Seiten darzulegen.” (!)

Aus diesen beiden Gründen scheint es mir richtig, durch eine besondere Broschüre sowohl den Esperantisten als der breiten Öffentlichkeit eine gedrängte Darstellung von der eigentlichen Sachlage zu geben.

Zunächst eine kurze historische Erklärung ihres Entstehens: Das Esperanto ist in den achtziger Jahren von dem Warschauer Augenarzt Dr. L Samenhof) erdacht und nach mehrjährigen Erprobungen und Veränderungen im engeren Freundeskreise, 1887 unter dem Pseudonym Dr. Esperanto (»der Hoffende«; daher der Kriegsname der Sprache) veröffentlicht worden. Es hat in den ersten zehn Jahren — nicht zuletzt wohl infolge des damaligen Zusammenbruchs des Volapük, das anfänglich so große Hoffnungen erweckte, — äußerst geringe Fortschritte gemacht. Nicht mit Unrecht schob man dies mit auf gewisse sprachtechnische Mängel des Esperanto, die sich bald herausstellten. Und schon im Jahre 1894 beabsichtigte Samenhof deren Abstellung durch eine Reihe ganz ähnlicher Reformen wie die heutigen. Er veröffentlichte sie im Nürnberger »Esperantisto«, ließ sich aber leider zu dem Experiment einer Abstimmung verleiten, die, wennschon mit schwacher Majorität, gegen Reformen ausfiel, und zog darauf seine Anträge zurück.

Um die Wende des neuen Jahrhunderts begann das Esperanto dann lebhaftere Fortschritte zu machen, zum großen Teil dank dem Wirken zweier Männer: Marquis de Beaufront in Frankreich (seit 1898) und Geheimrat Professor Ostwald in Deutschland (seit 1903). (Es ist charakteristisch, daß diese beiden heute in erster Reihe der Reformer stehen.)

Außerdem wurde am 17. Januar 1901 anläßlich der Weltausstellung in Paris von einem rührigen und eifrigen Esperantisten, Professor Dr. Leau in Paris, aus den Delegierten verschiedener damals in Paris tagender internationaler Kongresse eine »Delegation pour l’Adoption d’une Langue Auxiliaire Internationale« ins Leben gerufen, welche die Aufgabe haben sollte, alle die existierenden (insgesamt etwa 60) Weltsprachenentwürfe sorgfältig zu prüfen und wenn sich einer derselben als wirklich praktisch brauchbar erwiese, für dessen Realisierung zu wirken. Dieser Delegation schlossen sich im Laufe der Jahre 1250 Gelehrte und 310 Vereinigungen verschiedenster Art aus aller Herren Länder an. Als Ergebnis ihrer Studien veröffentlichten die beiden Sekretäre der Delegation, Prof. Leau und Prof. Couturat, ein umfangreiches Werk »L’Histoire de la Langue Universelle« mit einem Nachtrag »Les Nouvelles Langues Internationales«. Im Herbst 1907 trat dann das Sprachkomitee der Delegation) zu einer längeren mündlichen Tagung (15. — 24. Oktober) im Collégue de France in Paris zusammen. Es bestand aus den Universitätsprofessoren:

Manuel C. Barrios-Lima (Präsident des Senates von Peru),

J. Baudouin de Courtenay-Petersburg,

Rektor Emile Boirac-Dijon

Ch. Bouchard-Paris (Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften),

R. Eötvös-Budapest, Mitglied der Ungar. Akademie der Wissenschaften),

Geheimrat W. Förster-Berlin,

Otto Jespersen-Kopenhagen (Mitglied der dänischen Akademie der Wissenschaften),

S. Lambros-Athen,

C. le Paige-Lüttich (Direktor der Klasse der Wissenschaften der Kgl. belgischen Akademie),

Geheimrat W. Ostwald-Leipzig (Mitglied der Kgl. sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften), Peano-Turin,

Hugo Schuchardt- Graz (Mitglied der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften zu Wien),

L. Leau – Paris und

Louis Couturat – Paris,

sowie dem Herausgeber der North-American Review G. Harvey – New-York.

ln 18 Sitzungen wurden alle wichtigeren und seriöseren Projekte nochmals nachgeprüft, ihre Vorzüge und Mängel erörtert und ihre Autoren oder Vertreter derselben mündlich angehört. Dabei ergab es sich, daß zwar Esperanto als allein ernstlich in Frage kommend anerkannt wurde, daß aber doch die vorhandenen Unvollkommenheiten desselben seine Annahme ausgeschlossen erscheinen ließen. Angesichts dieser Situation griff der Vertreter Samenhofs vor der Delegation, Marquis de Beaufront, um die Annahme des Esperanto durch die Delegation zu ermöglichen, zu einem Mittel, das in der Form vielleicht ungeschickt war, sachlich sich jedoch als »rettende Tat« erwies: Er ließ dem Sprachkomitee ein neuestes Sprachprojekt, das sich als ein reformiertes Esperanto einführte und dessen Autor er selbst war, unter dem Pseudonym »Ido« (Abkömmling) vorlegen. Das Komitee fand in diesem alle die Mängel, die ihr das Esperanto unannehmbar gemacht hatten, geschickt abgestellt und faßte demgemäß einstimmig folgenden Beschluß:

«Le Comite a decide d’adopter en principe l’Esperanto, en raison de sa perfection relative et des applications nombreuses et variees auxquelles il a d£jä donne lieu, sous la reserve de certaines modifications a executer par la Commission permanente dans le sens defini par les conclusions du rapport des secretaires et par le projet de «Ido«, en cherchant ä s’entendre avec le comite linguistique esperantiste.”

Dieses »Lingva Komitato«, die einzig zuständige Stelle, an welche die Delegation sich in der Angelegenheit wenden konnte, hat nun leider den unter allen Umständen unverantwortlichen und verhängnisvollen Fehler begangen, sich jeder Verständigung mit der Delegation zu entziehen. Ich sehe vollkommen davon ab, zu untersuchen, ob und welche persönlichen Zerwürfnisse oder vielleicht auch sachlichen Mißverständnisse in der Folge mitgespielt haben. Tatsache ist, daß auch wiederholte Versuche, einen Ausgleich herbeizuführen, sowohl beim Sprachkomitee, wie bei Dr. Samenhof selbst, den man natürlich von vornherein verständigt hatte, absolut fruchtlos blieben und schließlich durch ein, jedes Eingehen auf etwaige Reform Vorschläge rund ablehnendes offenes Schreiben Samenhofs »An alle Esperantisten« die letzten Aussichten auf ein Zusammengehen der esperantistischen Organisastion mit der Delegation begraben wurden. Die Delegation selbst, die man Jahre hindurch — in der bestimmten Erwartung, daß sie sich uneingeschränkt für Esperanto erklären würde, — über den grünen Klee gelobt und als Ausbund wissenschaftlicher Autorität und internationaler gesellschaftlicher Bedeutung in den Himmel gehoben hatte, war jetzt mit einem Male „ein Grüppchen einflußloser Outsiders und Privatpersonen“, der man überhaupt jedes Recht absprach, Mängel am Esperanto zu tilgen oder Reformvorschläge irgend welcher Art zu machen. Angesichts dieser Sachlage entschloß sich die Delegation, das (in einigen unwesentlichen Punkten nachträglich noch korrigierte) Reformesperanto unter gleichzeitiger Nachprüfung und teilweiser Verbesserung des Esperanto-Wörterbuches nunmehr auf eigene Hand zu propagieren, und zwar unter der oben erwähnten Bezeichnung »Internaciona Linguo“, teils aus loyaler Rücksichtnahme auf die esperantistischen Führer, die — wennschon ohne jede Berechtigung — das Weiterführen des Ausdrucks Esperanto für den reformierten Dialekt als ein Manöver unlauteren Wettbewerbs hinstellten, teils weil überhaupt eine solche sachliche Benennung richtiger erscheint wie der Gebrauch eines kabbalistischen Phantasienamens.

Soviel über die Vorgeschichte der »Spaltung“.

Die wesentlichen Mängel des Esperanto und die Reformen der Delegation.

Untersuchen wir nun einmal die Frage: Welches sind denn die konstitutiven Mängel des Esperanto, deren Tilgung notwendig erschien, um die Sprache wirklich zur internationalen Hilfssprache geeignet zu machen?

Die wesentlichen Mängel des Esperanto und die Reformen der Delegation.

Die ausführliche Darstellung wird übergangen. Dazu gibt es reichlich Literatur bei Interlinguisten

Die Akzente

Die aj und oj

Die »tabelo de pronomoj«

Der Akkusativ

Unklarheit der Wortableitung

Unzureichende Internationalität der Wortstämme

Dies sind die wesentlichen Punkte, die beim Esperanto als sprachtechnische Mängel bezeichnet werden mußten, und gleichzeitig die wesentlichen Punkte der Reform. Die Zweckmäßigkeit, ja Notwendigkeit der Reform liegt in allen diesen Punkten nach meiner Überzeugung so offenkundig auf der Hand, daß man sich immer wieder nur fragen kann: Wie kommt es eigentlich, daß die Esperantisten diese außergewöhnlich günstige Gelegenheit, die sich ihnen bot, ihre Sprache von den letzten Schlacken des Volapükismus zu reinigen (denn darum handelt es sich im Prinzip) und gleichzeitig eine so angesehene und einflußreiche internationale Organisation zur Hilfstruppe zu gewinnen, — daß sie diese Gelegenheit nicht nur ungenutzt vorüber gehen ließen, sondern es durch schroff abweisende Behandlung der Delegation sogar dahin kommen ließen, daß diese nun auf eigene Hand vorging und dem alten Esperanto mit dem neuen Esperanto eine verhängnisvolle Konkurrenz macht?

Der Orthodoxismus der Esperantisten und seine Gründe.

Ganz werden sich die Motive und Einflüsse, die hier mitgespielt haben, wohl niemals klären lassen. Immerhin können wir zwei Hauptgruppen von Ursachen unterscheiden, die sich ihrerseits wieder auf ein und dieselbe letzte Ursache zurückführen lassen. Diese letzte Wurzel des heutigen Zerwürfnisses ist das von vornherein taktisch falsche Vorgehen des Dr. Samenhof und seiner Freunde, wodurch sie sich selbst die Ketten geschmiedet haben, in denen sie heute liegen.

Agitatorische Massenwerbung statt wissenschaftlicher Prüfung.

Vergegenwärtigen wir uns die Situation der WeltsprachenBewegung zu der Zeit, wo Herr Dr. Samenhof mit seinem Entwurf als pseudonymer Dr. Esperanto an die Öffentlichkeit trat: Damals war das Volapük auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung. Es hatte nach der Schätzung seiner Freunde annähernd eine Million Anhänger. Es verfügte über etwa dreißig Zeitschriften in allen Ländern der Welt, es hatte drei große internationale Kongresse hinter sich. Kurz, es befand sich im ganzen etwa auf dem gleichen Stande, wie heute das Esperanto. Auch damals waren die besonneneren Kreise der Volapükisten sich darüber klar, daß dieses große und verhängnisvolle sprachliche Mängel hatte, — freilich noch viel tiefergehende und prinzipiellere, als das Esperanto —, und daß man im Volapük, wenn es wirklich einmal Weltsprache werden sollte, einschneidende Reformen vornehmen müsse. Auch damals legte der Erfinder der Sprache, Pastor Schleyer, im entscheidenden Moment sein Veto ein und seine Getreuen riefen ihr »Ni restas fidelaj« (Wir bleiben treu). So verlief sich die Reformbewegung zunächst im Sande. Ihre letzten Ausläufer sind die Kreise, die sich heute um das — vom Volapük freilich himmelweit verschiedene — Idiom Neutral scharen. Sie haben bei dessen Ausarbeitung immerhin mancherlei recht beachtenswerte Gesichtspunkte festgelegt, die teilweise gerade auch in der Reformaktion der Delegation von maßgebendem Einfluß gewesen sind. (Zu letzteren gehört beispielsweise die Verwendung und Aussprache von j, y und sh im Alphabet, ferner die Deklination mit de und a ohne grammatischen Akkusativ und mit der Endung -i im Plural, die neuen Suffixe -oza und -atra, die Unveränderlichkeit des Adjektivs, die Methode der Prüfung des Wörterbuches nach dem Gesichtspunkt der Internationalität etc.). Ich führe dies hier nur an, um zu zeigen, daß rationelle wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiet nicht verloren geht, auch wenn ein augenblicklicher sichtbarer Erfolg nicht eintritt; der Weltsprachen-Bewegung als ganzes kommt sie doch zugute.

Hätte nun Samenhof sich damals begnügt, in gleicher Weise auf Grund seines Esperanto wissenschaftlich an dem Zustandekommen der endlichen Weltsprache zu arbeiten, wie dies die Reform-Volapükisten, Dr. Rosenberger und seine „Internationale Sprachakademie” in der Folge auf Grund des Volapük taten – hätte er, wie dies jeder seriöse Wissenschaftler mit seinen Entdeckungen und Erfindungen macht, diese den engeren Kreisen sachverständiger Interessenten zur Kenntnisnahme, Prüfung und Kritik vorgelegt: „Hier habt ihr die Frucht meiner Arbeiten! Seht sie euch an! Sagt eure Meinung dazu! Laßt mich eure Einwände und Bedenken, eure Vorschläge zur Verbesserung und Ergänzung hören! Wir wollen dann sehen, ob und wie wir im Laufe der Jahre das Werk so vollkommen gestalten, daß es jeder Belastungsprobe genügt und allen Anforderungen des praktischen Gebrauches entspricht”, — wenn Samenhof so gesprochen und gehandelt, wenn er sich darauf beschränkt hätte, eine „Studiengesellschaft” der Esperantisten ins Leben zu rufen, dann hätte diese vermutlich, in freundschaftlicher Zusammenarbeit mit den Reformvolapükisten, schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit einen Weltspracheentwurf zustande gebracht, der sich als praktisch einwandsfrei erwiesen hätte; und zwar ist hundert gegen eins zu wetten, daß dieser der heutigen »Internaciona Linguo« der Delegation mindestens äußerst ähnlich gesehen hätte.

Ursprünglich hat Samenhof auch offenbar ein derartiges Vorgehen im Sinn gehabt. Dem ersten sogenannten »Vollständigen Lehrbuch«, das 1887 zu Warschau erschien, schickte er eine 33 Seiten lange Vorrede voraus, in der sich u. a. folgender interessanter Passus befindet:

Ich bin weit entfernt zu behaupten, daß die von mir projektierte Sprache vollkommen sei, und daß es nichts besseres geben könne; ich habe jedoch nach besten Kräften gestrebt, all den Forderungen gerecht zu werden, die man an eine internationale Sprache stellen kann, und nur, nachdem es mir gelungen ist, alle von mir gestellten Aufgaben zu lösen, habe ich mich entschlossen, mit diesem Werke vor die Öffentlichkeit zu treten. Ich bin aber nur ein Mensch, ich kann mich irren, kann irgend einen unverzeihlichen Fehler begangen haben, kann etwas übersehen haben, was für die Sprache von der größten Wichtigkeit wäre. Von diesen Gründen bewogen, und ehe ich zur Herausgabe von vollständigen Wörterbüchern, Zeitschriften, Büchern usw. schreite, habe ich mich entschlossen, mein Werk auf den Zeitraum eines Jahres dem Urteil des Publikums zu übergeben, mit dem Ersuchen an alle Gebildeten, mir ihre Meinung über dieses Werk nicht vorenthalten zu wollen. Möge mir jeder schriftlich mitteilen, was er zu ändern, zu verbessern, zu ergänzen usw. für nötig findet. Aus den mir zugesandten Meinungen werde ich dankbar solche mir zu Nutzen machen, die sich in der Tat und unzweifelhaft als nützlich erweisen werden.

Nach diesen möglichen Veränderungen, die ich in diesem Falle in einer besonderen Broschüre zu veröffentlichen gedenke, wird die Sprache eine endgültige, feste Form erreichen. Sollten auch diese Verbesserungen jemandtm noch als unzulänglich erscheinen, so vergesse er nicht, daß die Sprache auch künftighin allen möglichen Verbesserungen nicht verschlossen sein wird, mit dem einzigen Unterschiede, daß dieselben nicht mehr vom Verfasser ausgehen werden, sondern von einer kompetenten und allgemein anerkannten speziellen Akademie für die Sprache. Es ist schwer, eine internationale Sprache zu schaffen und vielleicht noch schwerer, sie einzuführen, und deshalb muß unser Augenmerk hauptsächlich auf diesen Umstand gerichtet werden. Hat sich die Sprache einmal eingebürgert, ist sie im allgemeinen Gebrauche, so wird sich schon von selbst eine kompetente, allgemein anerkannte Akademie bilden, welche nach und nach, fast unbemerkbar, alle notwendigen Verbesserungen einführen wird, sollte sogar die Sprache mit der Zeit bis zur Unkenntlichkeit verändert werden. Aus diesem Grunde ersuche ich ergebenst die geehrten Leser, die an dieser internationalen Sprache etwas auszusetzen hätten, mir nur dann ihren Protest statt des Versprechens zusenden zu wollen, wenn sie dazu ernste Gründe hätten, nämlich wenn sie an der Sprache solche Grundfehler finden möchten, die ihrer Ansicht nach in der Zukunft nicht verbessert werden könnten.«

Leider blieb nun gerade in jenem ersten Jahre und auch weiterhin noch ziemlich lange sein Werk fast ganz unbeachtet, sodaß die erwarteten Zuschriften ausblieben. So sah denn Samenhof und seine Freunde die erste Notwendigkeit in einer Agitation und Massenwerbung für das Esperanto. Und die einzige Änderung, die er seitdem vorgenommen hat, war die Umänderung der Formen tian und kian (wann und dann) in tiam und kiam, weil er nachträglich dahinter kam (!!), daß die ursprünglichen Formen ja identisch seien mit den Akkusativen von kia und tia (welcher und solcher).

Aber in dem Maße, wie nun im Laufe der Jahre die Anhängerschaft wuchs, wie mehr und mehr verschiedene Nationen sich an ihr beteiligten, häuften sich dann allerdings bald die Klagen über die unleugbaren Mängel der Sprache und immer wieder erhob sich die Frage, ob man nicht auf Grund der durch die praktische Erfahrung gewonnenen Einsichten erst noch einmal das Esperanto einem großen Frühjahrsreinemachen unterwerfen müsse, ehe man sich anschicke, endgültig die Welt zu erobern. Schon damals waren es fast vollständig dieselben Anstände, die uns heute den Anstoß zur Reform gegeben haben: Die akzentuierten Buchstaben, der grammatische Akkusativ, die Pluralendung -oj, die Flexion des Adjektivs, demgemäß Änderung des Infinitifs und der Personalpronomina, die Tabelle der Pronomina, die teilweise mangelhafte Auswahl oder Formung der Wortstämme im Wörterbuch. Sogar die im Nürnberger »Esperantisto« im Jahre 1894 veröffentlichten Abänderungsvorschläge Samenhofs, der sich der grundsätzlichen Berechtigung jener Bedenken nicht verschließen konnte, deckten sich zu ganz erheblichem Teile mit den heute von der Delegation tatsächlich vorgenommenen Reformen. Allein: „Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte”! Man war schon zu weit gegangen, um jetzt noch einmal zurückzukönnen. Das Schwergewicht der »Gefolgschaft« hing schon zu lähmend an ihm. — »Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los«. Man verlangte Abstimmung, wie schon oben bemerkt. Und diese ergab, daß sich von den 264 damaligen Esperantisten — unter denen drei Viertel Slawen, dagegen Romanen und Engländer noch so gut wie gar nicht waren, — 157 gegen und nur 107 für die Reform erklärten, worauf Dr. Samenhof seine Anträge zuzückzog.

Es muß ausdrücklich hervorgehoben werden, daß er sich damals durchaus nicht als sachlich widerlegt ansah, sondern die Reformaktion, deren Notwendigkeit er eingesehen hatte, nur als aufgeschoben betrachtete. Er schrieb hierüber wörtlich im Novemberheft des »Esperantisto”:

«Manche meinen, daß die gefallene Entscheidung für immer eine Änderung in unserer Sprache ausschließt und sie für immer starr macht. Das ist ein Irrtum. Denn jedermann wird ja wohl verstehen, daß wir, eine kleine Gruppe von Menschen, nicht eine Entscheidung für immer fällen können in einer Angelegenheit, an der, wie ich hoffe, später große Mengen anderer Menschen sich beteiligen werden. Die Mehrzahl votierte, daß aus verschiedenen Gründen iin gegenwärtigen Zeitpunkt nichts an der Sprache geändert werden soll; ob man aber später einmal Änderungen vornehmen wird oder nicht, darüber entscheiden nicht wir und können gar nicht wir entscheiden.*

Aber im Lauf der Zeit wandelte sich sein Sinn. Die »Bedenken« der guten Freunde, es werde über die Reform keine Einigung zu erzielen sein, und man somit nur das bereits Gewonnene wieder aufs Spiel setzen, machten ihn immer konservativer. So schrieb er bereits im Februar 1896 an Trompeter (einen der damaligen Reformisten), der Mißerfolg des Reformvorschlags von 1894 sei einmal darauf zurückzuführen, daß es »soviel verschiedene Meinungen wie Köpfe« gebe, andererseits darauf, daß die Liga der Anhänger »keine zureichende Autorität besäße, um die künftigen Esperantisten zu verpflichten«, und diese Einsicht habe ihn konservativ gemacht.

Eine merkwürdige Argumentation! Denn erstens hatten von den 107 Reformisten sich 11 unbedingt und 93 in allen wesentlichen Punkten mit seinen Vorschlägen einverstanden erklärt; nur drei Stimmen waren für andere als die vorgeschlagenen Reformen eingetreten. Zweitens kann die Anhängerschaft eines bestimmten Zeitpunktes allerdings nicht alle zukünftigen Esperantisten auf die von ihr adoptierten Reformen verpflichten, aber doch ebensowenig natürlich auf die von ihr adoptierte Urform der Sprache. Es ist daher direkt widersinnig, wenn sich heute die Konservativen auf den damaligen Ausfall der Abstimmung als Argument gegen die Vornahme von Reformen überhaupt berufen.

Indes dies nebenbei! Tatsache ist, das Samenhof immer konservativer wurde und sich allmählich in den rosigen Glauben wiegen ließ, sein Esperanto, so, wie es nun einmal der Öffentlichkeit vorlag, sei vollkommen und makellos und unübertrefflich; man brauche sich daher mit keiner kritischen Nachprüfung und eventuellen Änderung von Einzelheiten mehr aufzuhalten. Esperanto telle quelle sei der lang gesuchte Stein der Weisen. Es gelte demnach einzig und allein, die nötige Reklame dafür zu machen und eine große blindergebene Gefolgschaft dafür zu gewinnen. Dann werde die Wucht der Bewegung alle widerstrebenden Elemente überwältigen und selbst die Regierungen zur Kapitulation zwingen.

Konservative Tendenz als natürliche Stimmung der Massen.

Warum erklärte sich nun die Mehrheit damals gegen die Reform, wenn deren Notwendigkeit doch von gewichtigen Stimmen für notwendig erklärt und von dem verehrten »Meister« selbst befürwortet wurde? Aus genau denselben psychologischen Gründen, die das Gros der heutigen Esperantisten konservativ machen, — aus psychologischen Momenten, deren Schaffung eine unentrinnbare Konsequenz der agitatorisch – organisatorischen Sachbehandlung (an Stelle der kritisch-wissenschaftlichen) war.

Zunächst spielt hier ein materieller Gesichtspunkt eine nicht zu unterschätzende Rolle: Jede Massenbewegung braucht Literatur. So brauchte die Bewegung zur Ausbreitung des Esperanto erstens agitatorische Schriften, welche die Trefflichkeit des Esperanto preisen und nachzuweisen suchen, — um so mehr, als es sich gegen das zur Zeit seiner Geburt übermächtige Volapük emporzuarbeiten hatte. Sie brauchte weiter Grammatiken und Wörterbücher für Schüler aller Kultursprachen. Sie brauchte drittens Lesestoff, d. h. Übersetzungen unterhaltender, wissenschaftlicher und anderer Werke. Sie brauchte endlich Zeitschriften als Organe der zahlreichen sowohl territorialen, wie fachlichen Esperantovereine, die nun als äußerlicher Erfolg und gleichzeitig als Träger der Propaganda allenthalben ins Leben gerufen wurden. Diese ganze Esperanto-Literatur aber kostete erhebliche Summen Geldes, und die Verleger, die — in der zuversichtlichen Hoffnung auf spätere Schadloshaltung durch die weitere Entwicklung der Bewegung — zunächst einmal opferfreudig ihr Geld in diese Unternehmungen investiert hatten, sahen sich nun vor die Eventualität gestellt, daß diese ganze mit großen Opfern von ihnen geschaffene Literatur mit einem Schlage wertlos würde, wenn die Sprache nennenswerten Reformen unterworfen würde. Dasselbe galt natürlich auch von den Autoren und Übersetzern der in Betracht kommenden Werke. Kein Wunder also, daß zunächst diese Kreise jedem Ansinnen auf sprachliche Reformen eine tiefgehende Abneigung entgegenbrachten und bringen. Da aber begreiflicherweise in einer derartigen Bewegung die Verleger und Schriftsteller einen unverhältnismäßig starken geistigen Einfluß auf die übrige Mitläuferschaft ausüben, so erklärt sich schon hieraus ein wesentlicher Teil des in der großen Masse sich zeigenden Widerstandes gegen die Reformbestrebungen.

Dazu kommt nun zweitens der Charakter jener Anhängerschaft selbst: Es liegt in der Natur der Sache, daß jede große neue Idee, ganz besonders aber, wenn sie den Stempel der »Weltverbesserung« an sich trägt, zuerst allenthalben das Geschlecht der Schwärmer, Phantasten und Fanatiker anzieht, während die kritischen und nüchternen Köpfe sich zunächst skeptisch verhalten, mindestens vor der Hand abwartend im Hintergrund bleiben. Die Verquickung des nüchternen Hilfssprachenprojektes mit allen möglichen überschwenglichen Ideen von Völkerverbrüderung und ewigem Frieden, das Gerede vom »internen Geist« des Esperanto, die sentimentale »Esperantohymne« die Fahnen und Abzeichen mit dem hoffnungsgrünen Fünfstern im weißen Felde, das große Kontingent weiblicher Mitglieder etc. tat ein übriges. Kurz, schon die erste Gefolgschaft Samenhofs und bis zum heutigen Tage die »Esperantistaro« setzte sich zum weitaus überwiegenden Teile aus Leuten zusammen, die zwar wohlmeinende, begeisterte Herzen haben, aber verhältnismäßig wenig zu kühler und nüchterner Beurteilung des Gegenstandes ihrer Liebe imstande sind. Überdies entbehren sie meist des erforderlichen Maßes von fachlicher Bildung und wissenschaftlichem Verständnis für linguistische Fragen, um die sprachlichen Mängel des Esperanto zu begreifen. Sie vergöttern den »kara majstro«, mit dem tatsächlich noch bis zum heutigen Tage vielfach ein reiner Götzendienst getrieben wird, und sehen in jedem, der an dessen Werke Ausstellungen zu machen sich erkühnt, einen gehässigen Nörgler und Besserwisser, der sich nur wichtig machen will oder versteckte selbstsüchtige Ziele verfolgt.

Sie haben aber weiter auch unter persönlichen Opfern von Zeit und Anstrengung Jahre hindurch sich dem Studium des Esperanto gewidmet und es darin vielleicht zu einer gewissen Fertigkeit gebracht. Wurden jetzt Reformen eingeführt, dann war alle diese Liebesmühe vergeblich gewesen, dann konnten sie sich auf die Hosen setzen und von neuem zu lernen anfangen; und eine einmal gelernte Sprache in neuer reformierter Form zu lernen, ist mindestens kein Genuß.

Schließlich machte bei denen, die das Esperanto bereits seit längerer Zeit kennen und anwenden, die leidige Macht der Gewohnheit ihren Einfluß geltend: Man hat sich an die Formen des Esperanto gewöhnt und fühlt ihre Mangelhaftigkeit, Unschönheit und Unklarheit gar nicht mehr. Es geht hier den Menschen ebenso, wie wenn sie etwa, durch dürftige Verhältnisse gezwungen, sich jahrelang an das Milieu häßlicher Fabrikmöbel und konventioneller Tapeziereinrichtungen, an den Genuß schlechter beißender Zigarren und billiger Weine gewöhnt haben. Sie fühlen sich schließlich vollkommen wohl dabei und haben den Geschmack für feinen Tabak und teure Weine, für wirklich vornehme Kleidung und schöne Wohnungseinrichtung verloren. Man sträubt sich mit Händen und Füßen, den alten Rock abzulegen, der einem so schön bequem geworden ist, und rühmt sogar als einen eigenartigen Vorzug die glänzenden Stellen, die der schnöde Kritiker als „schäbig” erklärt. —

Der Aberglaube an den Sieg als eine Machtfrage.

Dies dürften die wesentlichsten Gründe sein, welche, wennschon keineswegs immer klar bewußt, die große Masse der Esperantistenschaft zu so kritiklos schroffer Ablehnung jeder Reform veranlassen und schon vor anderthalb Jahrzehnten sogar gegen den verehrten Meister aufsässig machten, als dieser noch vorurteilsfrei genug war, die Notwendigkeit gewisser Reformen selbst einzusehen. Dazu kam aber weiter nun noch ein sehr maßgebender praktischer Gesichtspunkt.

Man wies nämlich — damals wie heute — auf die (in Wahrheit eigentlich recht bescheidenen) Erfolge hin, die man doch mit dem angeblich »mangelhaften« Esperanto erzielt habe; behauptete, auf die Einzelheiten im Bau der Sprache käme es überhaupt gar nicht an, und die Hauptsache, daß sie im Prinzip brauchbar sei, sei durch die Praxis bereits erwiesen; worauf es nunmehr ankäme, sei lediglich Einigkeit und Treue. Damit hielt zum erstenmal der verhängnisvolle Aberglaube seinen Einzug in die Esperanto-Bewegung, dem auch Samenhof jetzt rettungslos verfallen ist, als sei die Realisierung einer internationalen Sprache lediglich eine Machtfrage. Nicht die Qualität sei für ihren Sieg ausschlaggebend, sondern ausschließlich der Umstand, ob es gelinge, mit diplomatischem Geschick eine Anzahl von Millionen um die grüngesternte Fahne zu scharen und ohne Zwiespalt und Zersplitterung bei ihr festzuhalten. Auch die nationalen Sprachen seien ja nicht vollkommen, meinte man, und den Begriff der Vollkommenheit gäbe es auf sprachlichem Gebiete überhaupt nicht; es sei ein Utopismus, solchen vagen Idealen nachzujagen.

Wenn schon überhaupt, so muß eine solche Anschauung besonders verblüffen bei der Anhängerschaft einer Sprache, die selbst sich hochgerungen hat im Kampfe gegen eine Konkurrentin, das Volapük, welches seine relative Brauchbarkeit doch jedenfalls in achtunggebietender Weise ebenfalls erbracht hatte, und dem Esperanto, wie dessen Anhänger stets mit Emphase selbst betonen, doch eben nur unterlegen war dank dessen sprach- technischer Höherwertigkeit. Wäre jene Anschauung richtig, dann allerdings wäre es ein nicht nur sinnloses, sondern sogar frivoles Beginnen, an einer einmal in gewissem Umfang eingeführten und gebrauchten Kunstsprache noch irgendwelche nachträglichen Verbesserungen vornehmen zu wollen, die, wie sehr sie die Sprache auch vervollkommnen mochten, zunächst doch eine gewisse Verwirrung und Zersplitterung in den geschlossenen Kreis der Weltsprachenfreunde hineintragen müssen. Dann wäre aber auch schlechterdings nicht einzusehen, warum eigentlich nicht schon das Volapük diesen Sieg längst errungen hat, das doch seiner faktischen Verbreitung und Anwendung nach vor 20 Jahren bereits so weit war, wie heute das Esperanto.

In Wirklichkeit liegt natürlich die Sache gerade umgekehrt: Nicht eher wird es möglich sein, eine internationale Hilfssprache auf breiter Basis einzuführen, als bis sie eine Gestalt gewonnen hat, die ihr einen als »Vollkommenheit” zu bezeichnenden Grad von Reife verleiht, — bis sie gegen triftige sprachwissenschaftliche Einwände und Bedenken, gegen begründete Beschwerden einzelner, hinsichtlich der Phonetik oder Wortauswahl benachteiligter nationaler Gruppen gesichert ist, — bis sie in ihren Prinzipien auf so festem wissenschaftlichen Boden steht, daß vielleicht in Einzelheiten noch willkürlich anderes, aber nichts nachweisbar besseres mehr vorgeschlagen werden kann, — bis sie allen berechtigten Anforderungen der exakten Wissenschaft, der Technik und des Wirtschaftslebens nach präziser, klarer, nuancierungsfähiger Ausdrucksweise vollauf entspricht. So die Sprache auszugestalten, ist die erste und zunächst allein notwendige Aufgabe. Ist sie gelöst, dann wird auch ohne Reklame und Propaganda die Welt für sie gewonnen werden. Denn wie groß das Bedürfnis nach einer Welthilfssprache ist, das geht ja aus nichts besser hervor, als aus der Bereitwilligkeit, mit welcher man selbst ein so offenkundig noch unvollkommenes Produkt wie das Esperanto zu verdauen sich bemüht hat.

Wenn ich es für möglich hielte, daß Esperanto in seiner primitiven Gestalt zur Weltsprache würde, dann hätte ich alle persönliche Kritik unterdrückt und nicht daran gedacht, mich von ihm zu trennen. Ich habe aber die Überzeugung gewonnen, daß diese Hoffnung aussichtslos ist, während das Reformesperanto alle Qualitäten hat, das Ziel zu erreichen. Darum scheint es mir Pflicht jedes Esperantisten, dem es nicht um Befriedigung sektenhafter Neigungen, sondern um die Erreichung des großen Endziels zu tun ist, ohne Rücksicht auf persönliche sentiments der Bewegung seine Kräfte zu widmen, die die objektiv besseren Aussichten hierfür hat.

Die angebliche Schwersprechbarkeit des Reformdialektes.

Von manchen wird nun allen Ernstes behauptet, das reformierte Esperanto spreche sich schlechter wie das alte; es möge also vielleicht die wissenschaftlich höher stehende Sprache sein, sei aber deshalb für die Praxis doch weniger geeignet. Prüfen wir also die beiden Dialekte auch unter diesem Gesichtspunkt:

Im Alphabet hat die Delegation, wie oben ausgeführt, keine andere, die Phonetik berührende Änderungen vorgenommen, als daß sie die beiden im Esperanto unterschiedenen Laute: weiches »sch“ und »dsch“ vereinigt hat; dies bedeutet unstreitig ja eine Erleichterung, nicht eine Erschwerung für die Aussprache. Daß ferner der Ersatz der Akkusativendungen -an und -on durch einfaches -a und -o, der der Pluralendungen -aj und -oj, -ajn und -ojn durch einfaches -i die Sprache zugleich leichter sprechbar und wohlklingender gemacht hat, kann doch wohl unmöglich bestritten werden. Die neu eingeführten Suffixe sind sämtlich wohlklingend und leicht zu sprechen, könne also auch nicht in Betracht kommen. Daß endlich die Pronominaltabelle gerade hinsichtlich der Sprechleichtigkeit und des Wohlklanges das Hauptkreuz des ganzen Esperantismus gewesen ist und daß die »qua” und »ta“, die »omnu” und »nulu“, die »ube“ und »poke“ etc. sich leichter und besser aussprechen, als die »kie” und »tie”, »chiuj” und «chi tiuj” etc., darüber kann doch im Ernste wohl kein Zweifel sein. Bei den persönlichen Fürwörtern sind die ni, vi und li aus dem Esperanto übernommen, ebenso ol (nur in anderer Bedeutung), me, il und el aus dem Französischen, tu aus dem Deutschen. Ich frage mich also vergeblich: Wo finden die Vertreter jener Ansicht eine »schwerere Sprechbarkeit“ des Reformesperanto? Ich habe die dringende Vermutung, daß diese nur in ihrer Einbildung existiert.

Damit soll nicht gesagt sein, daß sie jene Behauptung bloß als bequemen Vorwand nehmen, um ihre instinktive Abneigung gegen die Reform mit einem scheinbar sachlichen Grunde bemänteln zu können (obgleich auch so etwas vorkommt). Ich will gern die Möglichkeit einräumen, daß ihnen das Reformesperanto tatsächlich schwerer sprechbar scheint. Aber dies dürfte in Wirklichkeit keine andere Ursache haben, als die Gewohnheit an das alte Esperanto! Es ist ja eine alte Erfahrung, daß jedem, der eine fremde Sprache neu lernt, diese zuerst verhältnismäßig sehr schwer sprechbar erscheint, — eine Einbildung, die von selbst verschwindet, sobald sich erst einmal Ohr und Zunge ein klein wenig an den anderen Klang der neuen Sprache gewöhnt haben. Dies trifft in gesteigertem Maße zu, wenn es sich nur um die Erlernung eines neuen Dialektes handelt. Man kann dieselbe Beobachtung machen, wenn ein Norddeutscher sich bemüht, den schwäbischen oder bayrischen Dialekt, ein Süddeutscher das mecklenburger oder hamburger Platt, ein Ostdeutscher die Sprache des Kölner oder Mainzer gut zu erlernen.

Es ist mir denn auch kein einziger Fall bekannt, daß ein Außenstehender, dem beide Esperantodialekte bisher gleich fremd waren, das Reformesperanto schwerer sprechbar gefunden hätte, wohl aber wird von solchen dieses Urteil über das alte Esperanto oft gefällt. Soviel ist jedenfalls nach dem oben Gesagten doch sicher: Diejenigen Reformen, welche prinzipieller Natur sind, haben den Wohlklang und die Sprechbarkeit der Sprache nicht verringert, sondern gerade gesteigert. Möglich wäre ja, daß unter den von der Reform in den Wortschatz neu eingeführten Wörtern sich hier und da eines findet, das dem entsprechenden Esperantoausdruck an Wohlklang nachsteht; das wäre nachzuprüfen und man könnte den Kritikern der Reform nur verbunden sein, wenn sie statt der allgemeinen und darum inhaltslosen Beschwerde bestimmte konkrete Beispiele für ihre Behauptung beibrächten, damit man evtl, die erforderlichen Korrekturen vornehmen könnte. Jedenfalls aber kann es sich also nur um nebensächliche und darum leicht zu korrigierende Elemente des Reformdialektes handeln, während der lautliche Charakter des alten Esperanto gerade dadurch gekennzeichnet wurde, daß die seine Sprechbarkeit beeinträchtigenden Laute und Wörter integrierende Bestandteile des Systems waren.

4. Die „Erfolge“ des Esperanto.

Die Esperantisten folgern nun freilich: Eben dem Umstand grade, daß Esperanto sich von diesem «Fehler« frei gehalten hat, sei es zu danken, daß es, im Gegensatz zu jenen, so gewaltige Erfolge errungen habe. Ich glaube nur, daß diese Erfolge von den Esperantisten ganz außerordentlich überschätzt werden, so­wohl ihren Ursachen, wie ihrem Werte nach. Der praktische Wert einer Weltsprache liegt so auf der Hand, ja das Bedürfnis nach einer solchen ist so dringend, daß weite Kreise heute schon dann mit Begeisterung zur Gefolgschaft bereit sind, wenn ihnen irgend ein Idiom präsentiert wird, das jenes Bedürfnis befriedigen zu können im Prinzip geeignet erscheint. Daß just das Esperanto den augenblicklichen Fischzug tat, lag nicht an seiner absoluten Vollkommenheit oder gar Überlegenheit über alle anderen Systeme, sondern mindestens zum großen Teil an äußeren Umständen: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, und wer sehr viel Tantam und öffentlichen Lärm macht, —- und das verstehen die Esperantisten meisterhaft, — gewinnt ganz von selbst zunächst einmal einen ge­wissen Zulauf. Damit ist aber noch lange nicht gesagt, daß er die Kundschaft auch dauernd an sich zu fesseln imstande sein wird.

Selbstverständlich liegt mir nichts ferner, als zu bezweifeln, daß die vortrefflichen Eigenschaften, die ich dem Esperanto keines­wegs abstreite, unerläßliche Voraussetzung dieses Erfolges waren. Ich meine nur: Diese seine Qualitäten sind, so viel Anerkennung sie verdienen, doch nur graduell höher, als etwa die des Idiom Neutral, des Universal, des Novilatin und sicher geringer, als die der ILO. Letzterer gegenüber ist seine Situation heute ungefähr so, wie bei der Konkurrenz zwischen den mit Elektrizität und den mit Dampf betriebenen Eisenbahnen: Wenn von vornherein beide Systeme gleichzeitig auf dem Plan erschienen wären, so hätte ohne Zweifel die elektrische Bahn sofort den Preis davon getragen und die Dampfbahn wäre unbekannt und unbenutzt geblieben, ln Wirk­lichkeit hat die Dampfbahn einen großen zeitlichen Vorsprung ge­habt. Sie war lange Zeit hindurch — bei schon sehr stark entfaltetem Bedürfnis nach Schnelltransport — das einzige System, das ernstlich praktisch hierfür verwertbar erschien. So kam es, daß sie zunächst einen Siegeszug über die Erde antrat, und jetzt durch ihre bloße Existenz, insbesondere durch die in diesem System investierten großen Kapitalien, die nachträgliche Adoptierung des elektrischen Systems außerordentlich erschwert. Trotzdem aber ist nicht zu bestreiten, daß dieses technisch weit höher steht. Und darum wird trotz des Widerstandes, der in der bereits starken Aus­breitung der Dampfeisenbahn liegt, langsam aber sicher die elek­trische Bahn jene verdrängen.

Außerdem aber wollen wir uns doch auch darüber klar sein, daß hinter den angeblichen und scheinbaren Erfolgen des Esperanto äußerst wenig ernste konkrete Werte stecken. Was ist denn mit Hilfe von Esperanto bisher geleistet worden? Wenn wir von der sehr schonungsbedürftigen Tatsache absehen, daß dank der intensiven Agitation des Herrn Moch innerhalb der Friedensvereine Esperanto eine gewisse Rolle als Korrespondenz­sprache spielt, doch eigentlich Null Komma Null! Hat irgend ein großer einflußreicher Kongreß Esperanto zur offiziellen Kon­greßsprache gemacht? Ist irgend ein wichtiges internationales Dokument — sei es auch nur ein Kartellvertrag oder dergl. — in Esperanto abgefaßt worden? Ist irgend ein sonst unübersetztes Werk der Weltliteratur durch Esperanto einer größeren Zahl von Nationalitäten zugänglich geworden? Hat irgend ein namhafter Wissenschaftler ein neues Produkt seiner Feder neben der national­sprachlichen Ausgabe gleichzeitig in Esperanto erscheinen lassen? Hat irgend welche öffentliche Institution das Esperanto im Bereiche ihrer offiziellen Tätigkeit eingeführt? Hat irgend eine große kauf­männische Firma schon einen wenn auch noch so bescheidenen Teil ihres internationalen Geschäftsverkehrs auf Esperanto basiert? Nein, nein und abermals nein!

Und dazu kommt nun noch die kitzlichste Frage: Wie­viel Menschen in der Welt sprechen denn Esperanto? Nach den berauschenden Phrasen der Agitatoren angeblich mehrere Millionen. Das letzte esperantistische Jahrbuch verzeichnete schon etwas bescheidener noch keine 20 000. Allein ein Freund hat mir erzählt, daß er in einer deutschen Stadt auf der Durchreise ver­sucht hat, einige nach dem Jahrbuch dort lebende Esperantisten aufzusuchen. Der eine schien nicht zu existieren, der andere hatte noch nicht Zeit gehabt, es ordentlich zu lernen, und der dritte hatte, wenn ich mich nicht sehr täusche, nur einmal zu einem anderen Esperantisten die Absicht geäußert, sich ein Lehrbuch anzuschaffen. — A. Zinoviev, Mitglied des Lingva Komitato, be­richtet in seinen »lmpresetoj el Dresdena Kongreso«, daß er in Dresden zusammen mit Chavet und Chaussegros eine Liste solcher Kongressisten angelegt habe, die leidlich fließend Esperanto sprachen. Er fand unter 1500 noch keine 30! Die meisten kamen über ein stümperhaftes Radebrechen nicht hinweg, und so manche konnten selbst das nicht. Dabei ist doch anzunehmen, daß der Internationale Esperanto-Kongreß in besonders hohem Maße diejenigen Kreise vereinigen dürfte, die mit dem Esperanto vollkommen vertraut sind.

Und die »Literatur”? — Mit Recht betont Prof. Couturat, daß diese bisher ja ausschließlich aus Übersetzungen nationaler Literaturwerke besteht, die überdies auch in Übersetzungen aller wichtigeren Nationalsprachen vorhanden sind. Abgesehen von dem Privatinteresse der Übersetzer und Verleger liegt auch nicht das geringste Bedürfnis vor, diese lediglich als Übungsstoff dienenden Produkte für alle Nachwelt lesbar zu erhalten. — Nein, in keiner Hinsicht sind die bereits erzielten „Erfolge” des Esperanto irgendwie derartige, daß durch eine Reform der Sprache „mühsam geschaffene Werte ruiniert” werden. Diese Rücksicht ist wirklich unnötig.

Das „Fundamento netusebla“ und seine Interpretation.

Man kann nun, wenn man mit Esperantisten über die Not­wendigkeit der Reform disputiert, seltsamerweise öfters den Ein­wand hören: Aber der Wunsch nach Einführung von Reformen ist es ja garnicht, was uns von euch trennt, sondern nur die Ansicht über Tempo und Form derselben. Samenhof selbst hat doch gesagt, daß das Esperanto sich weiter fortentwickeln werde wie jede lebende Sprache, ja vielleicht bis zu völliger Un­kenntlichkeit. Aber diese Entwicklung muß allmählich — iom post iom — vor sich gehen und darf nicht einen plötzlichen Bruch der Kontinuität bringen.

Eine derartige Argumentation leuchtet namentlich Ferner­stehenden leicht ein. Es ist daher wichtig, diesen Punkt eingehend zu betrachten.

Das Esperanto unterscheidet sich von allen anderen Ent­würfen einer Kunstsprache dadurch, daß es ein „Heiliges Buch” hat, eine „Bibel”, wie es in vollem Emst von vielen Esperantisten bezeichnet wird. Dieses heilige Buch ist, wie bereits eingangs bemerkt, das auf dem Boulogner Kongreß als unveränderliche Grundlage des Esperanto erklärte „Fundamento”, d. h. die in gleich­zeitig französischer, englischer, deutscher, russischer und polnischer Sprache herausgegebene Grammatik von 1887, das dazu gehörige Übungsbuch (Ekcercaro) und das erste Wörterbuch (Universala Vortaro).1) Um jeder Möglichkeit einer Ableugnung oder Aus­deutung der An- und Absichten des „Meisters” vorzubeugen, wollen wir die berühmte Vorrede zu diesem Standard Werk hier wortgetreu wiedergeben, und zwar in deutscher Über­setzung2), in der dieselbe bisher noch niemals erschienen ist (so daß die neuen Esperantoschüler also alle gewissermaßen die Katze im Sack kaufen!). Sie lautet wie folgt:

1. Samenhofs Vorrede zum „Fundamento“.

»Damit eine internationale Sprache gut und regelmäßig fort-chreiten kann und damit sie volle Gewißheit habe, daß sie niemals auseinanderfällt und irgend ein leichtsinniger Schritt ihrer künftigen Freunde nicht die Arbeiten ihrer gegenwärtigen Freunde zerstöre, ist vor allem eine Bedingung nötig: Die Existenz eines klar definierten, niemals anzutastenden und nie­mals zu verändernden Fnndamentos der Sprache. Wenn unsere Sprache offiziell von den Regierungen der Hauptstaaten angenommen sein wird und diese Regierungen durch ein besonderes Gesetz dem Esperanto ein ganz sicheres Leben und Verwendung und volle Gefahrlosigkeit gegen alle persönlichen Launen oder Dispute garantieren, dann wird ein autoritatives Komitee, von diesen Regierungen unter gegenseitiger Verständigung gewählt, das Recht haben, in dem Fundament der Sprache ein für allemal alle gewünschten Ände­rungen vorzunehmen, wenn diese Änderungen sich als notwendig erweisen; aber bis zu dieser Zeit muß das Fundament des Esperanto aufs strengste absolut unverändert bleiben, denn strikte Unantastbarkeit unseres Fundamentes ist die wichtigste Ursache unseres bisherigen Fort­schrei tens und die wichtigste Bedingung für unser reguläres und friedliches zukünftiges Fortschreiten. Keine Person und keine Gesellschaft darf das Recht haben, willkürlich irgend eine Änderung in unserem Fundament, und sei es die allerkleinste, vorzunehmen. Dieses äußerst wichtigen Grundsatzes mögen die Esperantisten immer eingedenk sein und jeder Antastung dieses Prinzipes sich immer mit Energie widersetzen; denn der Moment, wo wir dieses Prinzip antasten, würde der Beginn unseres Unter­ganges sein.

Gemäß stillschweigender Übereinkunft aller Esperantisten schon seit langer Zeit werden drei Werke als Fundament des Esperanto betrachtet: Die sechzehnreglige Grammatik, das Allgemeine Wörterbuch und das Übungsbuch, Diese drei Werke hat der Autor des Esperanto immer als Gesetze fiir ihn betrachtet und trotz häufiger Versuche und Verlockungen sich (wenigstens mit Bewußtsein) niemals die kleinste Übertretung dieser Gesetze erlaubt; er hofft, daß zum Wohle unserer Sache auch die anderen Esperantisten immer diese drei Werke als das einzige gesetzliche und unantastbare Funda­ment des Esperanto betrachten werden.

Damit irgend ein Staat stark und ruhmreich sein und sich gesund ent­wickeln kann, ist es nötig, daß jeder Staatsangehörige wisse, daß er niemals von den Launen dieser oder einer anderen Person abhängig sein wird, sondern immer nur klaren ganz bestimmten Grundgesetzen seines Landes gehorchen muß, welche für die Herrschenden und Beherrschten gleichzwingend sind und in denen niemand willkürlich nach seinem persönlichen Gutdünken irgend etwas abandem oder zusetzen kann. Ebenso notwendig ist, damit unsere Sache gut gedeihe, daß jeder Esperantist die volle Gewißheit habe, daß Gesetzgeber für ihn immer nur nicht irgend eine Person sein wird, sondern ein klar be­stimmtes Werk, Deshalb, um allen Mißverständnissen und Disputen ein Ende zu machen und damit jeder Esperantist ganz klar wisse, woran er in allem eine Führung finden soll, hat sich der Herausgeber des Esperanto entschlossen, jetzt diese drei Werke, die nach stillschweigender Übereinkunft aller Espe­rantisten schon seit langem ein Fundament für das Esperanto geworden sind, in Form eines Buches herauszugeben, und er bittet, daß die Augen aller Espe­rantisten immer nicht auf ihn, sondern auf dieses Buch gerichtet sein mögen. Bis zu der Zeit, wo irgend eine für alle autoritative und unbestreit­bare Institution anders entscheiden wird, muß alles, was sich in diesem Buche findet, für alle als bindend, alles, was gegen dieses Buch verstößt, als schlecht betrachtet werden, auch wenn es aus der Feder des Verfassers des Esperanto selbst stammte. Nur die oben genannten, im „Fnndamento de Esperanto« veröffentlichten Werke dürfen als offiziell be­trachtet werden; alles andere, was ich geschrieben habe oder schreiben werde, empfehle, korrigiere, billige etc., sind nur Pr/Va/arbeiten, die die Esperantisten, wenn sie das für die Einheitlichkeit unserer Sache für nützlich befinden, als Modell, aber nicht als zwingend betrachten können.

Angesichts dieses Charakters als Fundament müssen die drei Werke, die in diesem Buche neu abgedruckt sind, vor allem unantastbar (netusebla) sein. Darum mögen sich die Leser nicht wundern, daß sie in der nationalen Übersetzung verschiedener Worte in diesem Buche (besonders in dem englischen Teile) ganz unkorrigiert dieselben Irr- tünier finden, die sich in der ersten Ausgabe des „Universala Vortaro« fanden. Ich habe mir nur die Druckfehler zu korrigieren erlaubt; aber wenn ein Wort falsch oder ungeschickt übersetzt war, habe ich es in diesem Buche völlig unverändert gelassen; denn wenn ich Verbesserungen vornehmen wollte, so wäre das schon eine Änderung, welche Dispute verursachen kann und in einem Funda­mentalwerke nicht geduldet werden darf. Das „Fundamento“ muß aufs strikteste unantastbar bleiben, samt seinen irrttimern. Die Irrtümlichkeit in der nationalen Übersetzung des einen oder anderen Wortes ist kein großes Unglück; denn wenn man die Text­übersetzung in den anderen Sprachen damit vergleicht, so wird man leicht den wahren Sinn jedes Wortes finden; aber eine unvergleichlich größere Gefahr würde die Änderung der Übersetzung irgend eines Wortes darstellen, denn mit der strengen Unantastbarkett würde das Werk seinen außergewöhnlich notwendigen Charakter eines dog­matischen Fundamentes ein büßen, und derjenige, der es gebraucht, würde, wenn er in der einen Ausgabe eine andere Übersetzung findet wie in der anderen, keine Sicherheit haben, daß ich nicht morgen irgend eine andere Änderung vornähme, und würde sein Vertrauen und seine Stütze verlieren. Jedem, der mir irgend einen schlechten Ausdruck in dem Fundamento zeigt, werde ich ruhig antworten: Ja, das ist ein Irrtum, aber er muß un­angetastet bleiben, denn es gehört zu dem fundamentalen Doku­ment, in dem niemand das Recht hat, irgendwelche Änderung vorzunehmen.

Das „Fundamento de Esperanto« soll durchaus nicht als das beste Lembuch und Wörterbuch des Esperanto betrachtet werden. O nein! Wer sich in Esperanto vervollkommnen will, dem empfehle ich die verschiedenen viel besseren und umfangreicheren Lehr- und Wörterbücher, die von unseren kom­petenteren Freunden für alle Nationen besonders herausgegeben sind und von denen die wichtigsten sehr gut und sorgsam redigiert sind, unter meiner per­sönlichen Kontrolle und Mitarbeit. Aber das »Fundamento de Esperanto« muß sich in der Hand jedes guten Esperantisten finden als ständiges Leitdokument, damit er gut erlerne und durch häufiges Hineinblicken sich ständig erinnere, was in unserer Sprache offiziell und unantastbar ist, damit er jederzeit die offiziellen Worte und Regeln, die sich in diesen’Lernwerken des Esperanto finden müssen, von den nur privatim empfohlenen Wörtern und Regeln, die vielleicht nicht allen Esperantisten bekannt sind und möglicherweise nicht von allen gebilligt werden, gut unterscheiden kann. Das »Fundamento de Esperanto« muß sich in den Händen jedes Esperantisten finden als ständiges Kontrollinstrument, das ihn davor bewahrt, vom Wege der Einheitlichkeit abzuweichen.

Ich sagte, daß das Fundament unserer Sprache absolut unan­tastbar sein muß, auch wenn es uns scheint, daß dieser oder ein anderer Punkt darin zweifellos irrtümlich ist. Das könnte nun den Gedanken hervor­rufen, daß unsere Sprache immer starr bleiben und sich nicht weiter entwickeln soll. O nein! Trotz der strengen Unantastbarkeit des Fundamentes wird unsere Sprache die volle Möglichkeit haben, nicht nur sich ständig zu bereichern, sondern auch ständig sich zu verbessern und vervollkommnen; die Unantastbarkeit des Fundamentes wird uns nur ständig garantieren, daß diese Vervollkommnung nicht durch willkürlichen kriegerischen und ruinösen Bruch und Änderung nicht durch Annullierung und Unbrauchbarmachung unserer bisherigen Literatur, sondern auf natürlichem Wege ohne Verwirrung und Gefahr erfolgt. Ich werde ausführlicher hierüber auf dem Boulogner Kongresse sprechen; jetzt will ich hierüber nur wenige Worte sagen:

1. Die Sprache durch neue Wörter bereichern kann man schon jetzt durch Beratung mit denjenigen Personen, die als die Hauptautoritäten in unserer Sprache betrachtet werden, und dafür Sorge tragen, daß ein jeder diese Wörter in der gleichen Form gebraucht; aber diese Wörter dürfen nur empfohlen, nicht aufgedrängt werden; man darf sie nur in der Literatur anwenden; in der Korrespondenz mit unbekannten Personen ist es dagegen gut, sich immer zu be­mühen, nur Wörter aus dem »Fundamento“ zu gebrauchen, denn nur von diesen Wörtern kann man sicher sein, daß unser Adressat sie bestimmt in seinem Wörterbuch findet. Erst etwas später, wenn der größte Teil der neuen Wörter schon ganz reif ist, wird eine autoritative Institution sie in das offizielle Wörter­buch einführen, als »Nachtrag zum Fundamento«.

2. Wenn eine autoritative Zentralinstitution findet, daß dieses oder jenes Wort oder Regel in unserer Sprache zu inopportun ist, so darf sie die in Rede stehende Form zwar nicht tilgen oder abändern, aber sie kann eine neue Form in Vorschlag bringen, die sie empfiehlt, parallel mit der alten Form zu gebrauchen. Im Laufe der Zeit wird die neue Form allmählich die alte ver­drängen, die dann zum Archaismus wird, wie wir das auch in jeder natürlichen Sprache sehen. Aber, da sie einen Teil des „Fundamento“ bilden, werden jene Archaismen niemals verworfen werden, sondern immer in allen Lehr- und Wörter­büchern zusammen mit den neuen Formen gedruckt werden, und auf diese Weise werden wir die Gewißheit haben, daß auch bei der größten Vervoll­kommnung die Einheitlichkeit des Esperanto niemals einen Bruch erleidet und kein Esperantowerk, auch aus der früheren Zeit, jemals seinen Wert und seine Verständlichkeit für die künftigen Generationen verliert.

Ich habe im Prinzip dargetan, auf welche Weise die strenge Unantast­barkeit des »Fundamento“ immer die Einheitlichkeit unserer Sprache bewahren wird, ohne doch die nicht nur ständige Bereicherung, sondern auch Vervoll­kommnung derselben zu beeinträchtigen. Aber in der Praxis müssen wir – aus Gründen, die schon viele Male dargelegt sind selbstverständlich mit jeder »Vervollkommnung” der Sprache sehr vorsichtig sein:

a) Wir dürfen sie nicht leichtherzig, sondern nur in Fällen tatsächlicher Notwendigkeit vornehmen,

b) Es können dies (nach reiflicher Erwägung) nicht einzelne Personen tun, sondern nur eine Zentralstelle, die eine unbe­strittene Autorität für die ganze Esperantistaro besitzt.

Ich schließe also mit folgenden Worten:

1. Für die Einheit unserer Sache muß jeder gute Esperantist vor allem das „Fundament“ unserer Sprache gut kennen.

2. Das Fundament unserer Sprache muß für immer unangetastet bleiben.

3. Bis zu derZeit, wo eine autoritative Zentralstelle beschließen wird, das bisherige Fundament zu erweitern (niemals zu ändern!!) durch Offiziell­Erklärung neuer Wörter oder Regeln, muß alles gute, das sich nicht im »Fundamento de Esperanto« findet, als nicht bindend, sondern mir als empfohlen angesehen werden.

Die Ideen, die ich oben über das »Fundamento de Esperanto« zum Ausdruck gebracht habe, stellen einstweilen nur meine Privatansicht dar. Gesetzliche Sanktion werden sie nur in dein Falle erhalten, wenn sie von dem »Ersten Internationalen Esperantisten-Kongrcß« angenommen werden, dem dieses Werk zugleich mit der Vorrede dazu vorgelegt wird.”

Warschau, im Juli 1905. L. Samenhof.

Der Leser wird nun zunächst vielleicht sagen: Ja, das ist aber schließlich ganz vernünftig. Samenhof verlangt doch eigent­lich nichts anders, als daß vorläufig, bis zu einer endgültigen Regelung durch die Regierungen, die Sprache in ihren Grundlagen so bleiben soll, wie er sie geschaffen hat, um ein Auseinander­fallen der Bewegung zu verhindern, und behält sich für einen späteren Zeitpunkt, wo die Existenz des Esperanto gesichert sein wird, vor, dann ein für allemal alle Änderungen vorzunehmen, die sich inzwischen als notwendig herausgestellt haben würden.

»Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen, Steht aber doch schief darum.“

Demnach soll also zunächst die Sprache unangetastet in ihren offenkundigen Mängeln weiter gelehrt werden, ohne Rücksicht darauf, daß eben durch diese Mängel Tausende und Zehntausende veranlaßt werden, der Bewegung fern zu bleiben! Man bringt unbekümmert den neuen Schülern ständig die schlechten und z. T. direkt unlogischen Sprachformen bei, sodaß also all­mählich Hunderttausenden und Millionen von Menschen die Sprache in ihrer mangelhaften heutigen Gestalt in Fleisch und Blut übergeht, die Literatur in dieser Sprachform immer größeren Umfang gewinnt und auf diese Weise die Einführung der Reform eine immer schlimmere Revolution wird! Und wenn die Schüler, wie dies zu geschehen pflegt, fragen: »Aber warum ist denn

dies so und jenes so? Das ist doch unvollkommen und könnte besser gemacht werden«, dann wird man die stereotype Antwort erteilen: »Jawohl, wir wissen, daß es schlecht ist, und wir wissen auch, wie es besser heißen muß und später einmal heißen wird. Allein das ist Geheimnis unserer Sekte. Praktisch eingeführt wird dies erst, wenn das “tausendjährige Reich“ unserer Hoffnung be­gonnen hat, wenn Esperanto eine solche Herrschaft in der Welt errungen hat, daß die Reform dann besonders schwer geworden ist.«

Eine ganz abstruse Idee! Als ob nicht selbstverständlich Reformen, wenn überhaupt, dann so schnell und früh wie möglich eingeführt werden müßten, so lange die Anhängerschaft noch mäßig groß, die Literatur noch begrenzt ist!

2. Was „darf“ am Esperanto eventuell später einmal reformiert werden?

Nun wir wollen einmal annehmen, daß die Hoffnungen der Esperantisten sich erfüllen und über kurz oder lang »die Regie­rungen der Hauptstaaten dem Esperanto durch ein besonderes Gesetz ein ganz sicheres Leben garantieren.« Wie und was darf dann am Esperanto geändert werden? Geändert gar nichts, sondern es dürfen nur »neue Wörter und Regeln« neben den alten ergänzend eingeführt werden, die alten aber sollen für alle Ewigkeit weiter als korrektes Esperanto, wenn auch archaistisches, in den Lehrbüchern verbleiben und jedem neuen Schüler als solches zusammen mit den Neuerungen gelehrt werden.

Aus dieser strikten Fassung der Vorschrift ergibt sich bereits schlagend, daß selbst für eventuelle spätere Änderungen aus­schließlich an die Aufnahme neuer Vokabeln, vielleicht präziserer Regeln für die Wortableitung und Anwendung der Suffixe etc. gedacht ist, nun und nimmer aber an eine Änderung konsti­tutiver Elemente der Sprache selbst. Denn es wäre natürlich ausgeschlossen, für alle Zeit neben den neuen Formen die alten als berechtigtes und korrektes nur veraltetes Esperanto zu lehren, wenn man etwa in jener späteren Reformaktion die jetzt von der Delegation eingeführten Änderungen annehmen könnte. Man stelle sich doch einmal vor, den Schülern sollte künftighin ge­lehrt werden: »li« heißt zwar »sie«; es ist aber ebenso richtig und nur veraltet, es für »er« zu gebrauchen, welches letztere aber neuerdings wieder ebenso korrekt »il« heißt. Oder: Die Plural­endung der Substantive ist ,,-i«; diese Endung ist ebenso korrekt, nur veraltet, als Infinitivendung zu gebrauchen, die im übrigen jetzt korrekterweise »-ar« lautet. Oder zu lehren: Die Akkusativ­endung braucht niemals angewendet zu werden, außer in Fällen der Inversion; es ist aber ebenso richtig, wenn ich euch bei­bringe: sie muß immer angewendet werden. Oder: Das »j« wird stets wie das französische »j« in Journal ausgesprochen; es ist aber auch korrekt und nur veraltet, es stets wie das deutsche »j« in Jude auszusprechen, welches aber ebenso korrekt »y« geschrieben wird, usw. ln Wirklichkeit ist mir denn auch ausnahmslos von allen Autoritäten der Esperantistenschaft, an die ich mich mit einer derartigen Frage wendete, (wennschon meist erst nach einigen Versuchen, sich mit unverbindlichen Redewendungen eine klare und deutliche Antwort zu drücken,) zugegeben worden, daß eine Abänderung elementarer Punkte des Esperanto, wie sie in den wesentlichen Reformen der Delegation vorgenommen sind, nach esperantistischem Gesetz für immer und unter allen Umständen ausgeschlossen sei.

Und diese Haltung hat der Dresdener Kongreß im Herbst dieses Jahres in vollem Umfang bestätigt. Das bewies nicht nur Samenhofs Eröffnungsrede, sondern auch mancherlei private Vorkommnisse, von denen ich nur folgende hier hervor­heben will. Ich selber hatte für diesen Kongreß zusammen mit vier anderen namhaften und an führender Stelle in der Bewegung stehenden Esperantisten eine kleine Broschüre herausgegeben, in welcher — angesichts der Gefahr einer Spaltung infolge der ab­lehnenden Haltung des esperantistischen Sprachkomitees gegen­über der Delegation — der Vorschlag gemacht wurde, daß alle an der Frage von Reformen theoretisch interessierten Esperantisten sich zu einer Fachvereinigung zusammenschließen und dann die von der Delegation oder auch andere von anderer Seite gemachte Reformvorschläge in einem speziell dieser Aufgabe zu widmenden Fachorgan rein theoretisch erörtern und nach allen Seiten hin prüfen sollten. Jede Propaganda für einen Reformdialekt sollte dabei unterdrückt und auf die vorgeschlagene Weise nur der Boden für eine spätere Annahme der sich als notwendig heraus­stellenden Reformen vorgearbeitet werden. Diese Broschüre wurde nicht nur vom Verkauf im Kongreßgebäude ausgeschlossen, sondern es wurden auch alle Buchhändler der Stadt angewiesen, dieselbe als eine dem Esperanto feindliche Publikation zu unter­drücken und, wenn Käufer sie verlangten, ihren Besitz abzuleugnen oder von ihrem Ankauf abzuraten! — Genau dasselbe Schicksal blühte dem oben zitierten Buche: »Weg frei für das EsperantoP obwohl es zum besten gehört, was über die ganze Weltsprachen­frage bisher überhaupt erschienen ist. Sein Verfasser tritt, nach eingehender wissenschaftlicher Untersuchung der ganzen Materie, warm für Esperanto ein. Aber, sein linguistisches Ge­wissen verführt ihn, »zu zeigen, daß … es sehr verkehrt wäre,

Vaoogk:

das Werk des »Meisters«, dessen Verdienst ich gewiß nicht be­zweifle, unangetastet zu lassen«. Das genügte, um ihn auf den Index zu setzen. Er schreibt zwar ausdrücklich (S. 111):

»Ebenso verkehrt würde es aber auch sein, wie ich aus­drücklich hervorhebe, wenn man etwa daran denken wollte, jetzt schon an dem Esperanto irgendwelche Änderungen vor­zunehmen Etwas anderes ist es, sich schon jetzt

theoretisch über die notwendigen Reformen auseinanderzusetzen, um, wenn der geeignete Zeitpunkt kommt, mit positiven und allseitiger Billigung sicheren Vorschlägen hervortreten zu können. Dieser Zeitpunkt liegt meines Erachtens immerhin noch in einiger Ferne«.

Macht nichts! Er hat gewagt zu finden, »daß das Esperanto noch vieler Verbesserungen bedarf«. Das genügt, um ihn auf den Index librorum prohibitorum zu setzen und ihn damit für die Kreise, an die er sich wendet, publizistisch zu erdrosseln.

Endlich war von dritter Seite, ebenfalls seitens mehrerer an führender Stelle stehender Esperantisten die Begründung einer »Esperanta Lingva Asocio« vorbereitet worden, deren Aufgaben etwa die gleichen sein sollten, wie sie in der von mir und meinen Freunden veröffentlichten Broschüre und in dem Seidelschen Buche gewünscht. wurden; in dem Statutenentwurf der E. L. A. hieß es sogar ausdrücklich, daß diese neben der rein theoretischen Bearbeitung von Reform Vorschlägen, die überdies lediglich als Handlanger für das esperantistische Sprachkomitee und ohne eigenes Eingreifen in die Esperantistenschaft erfolgen sollte, sich zur Aufgabe mache, alle neben dem Esperanto zur Propaganda gebrachten Reformdialekte zu bekämpfen. Trotz dieser Ge­sinnungstüchtigkeit wollte man nichts von ihr wissen, Samenhof selbst erklärte sich entschieden gegen ihre Begründung, und man nahm von ihrer Propagierung Abstand, weil man einsah, daß sie mit allen Mitteln bekämpft werden würde und keine Aussicht auf gedeihliche Entfaltung habe.

Schließlich sei, weil charakteristisch, in diesem Zusammen­hänge noch folgendes mitgeteilt: Noch ehe das Sprachkomitee der Delegation zu seiner entscheidenden Tagung zusammentrat, im Hochsommer 1907, machten einige führende Veteranen des

Esperantismus, die voraussahen, wie der Hase lief und eine Spaltung vermeiden wollten, Herrn Dr. Samenhof das Angebot, ihm eine Summe von einer Viertel Million Mark zur freien Verfügung zu stellen für seine persönliche ökonomische Unabhängigkeit und die Propaganda des Esperantismus, wenn er sich öffentlich für Abschaffung nur der Akzente erklären wolle; dann werde der Hauptstein des Anstoßes aus dem Wege geräumt sein und die Reformbewegung ihre Hauptstoßkraft eingebüßt haben. Dieses ebenso generöse wie kluge Angebot hat Samenhof rundweg zurückgewiesen.

Wenn man in den Kreisen der Drahtzieher des Esperantis­mus auch nur eine Spur von gutem Willen hätte, wenn es ihnen nur im leisesten Ernst wäre mit der schönen Phrase: »Auch wir wollen Reformen, aber iom post iom und unter Wahrung der ,kontinueco‘”, dann brauchten sie ja bloß ein einziges Mal un­umwunden und unverklausuliert zu erklären: »Out, von heute ab fängt das Sprachkomitee an, die Reform Vorschläge der Delegation ernsthaft zu prüfen. Es wird die Ergebnisse dieser Nachprüfung periodisch veröffentlichen und auf dem nächsten Kongreß in Barcelona 1909 diejenigen Reformen, die es als zweckmäßig er­kannt hat, zur offiziellen Einführung empfehlen.« Noch auf dem Dresdener Kongreß wäre es Zeit gewesen, durch eine derartige Deklaration die ganze Reformbewegung in ein offizielles Fahr­wasser zu bringen und die beginnende Spaltung zu verhindern. Aber nichts dergleichen ist geschehen. Nach langer, schwerer Geburt hat das Sprachkomitee folgende nichtssagende Resolution zustande gebracht, die am Schlußtage des Kongresses dem harrenden Volke der Getreuen — selbstverständlich unter tosendem Jubel (es jubelt ja bereitwilligst zu allem) — verkündet wurde:

»Die Aufgabe des Sprachkomitees ist, für die Erhaltung der Fundamental­Prinzipien der Sprache (konzervado de II fundamentaj principoj) Sorge zu tragen und ihre Entwicklung zu kontrollieren. Es prüft also alle sprachlichen Fragen und entscheidet sie gemäß den oben genannten Prinzipien. Weder das »Fundament«, noch das Sprachkomitee können jemals ein Hindernis für die normale Entwicklung der Sprache bilden, die sie im Gegenteil sichern.«

Das Wort »normal”1) wurde beim Verlesen in der Plenar-Sitzung des Kongresses sehr nachdrücklich betont. Das bedeutet — wie der Wortlaut der ganzen Resolution — für jeden, der die esperantistische Ausdrucksweise kennt, daß eine »Entwicklung” der Sprache nur zugelassen ist unter Wahrung des „Fundamento”, will sagen, daß eine Abänderung der im Fundamento fest­gelegten konstitutiven Elemente der Sprache für alle Zeit indiskutabel ist.

Ist diese Interpretation, die der Erklärung allgemein gegeben ist, aber irrig, und haben sich ihre Verfasser nur dank einer er­staunlichen Sprachungewandtheit so — mißverständlich ausge­drückt, nun dann möge man doch heute noch sich gegen solches Mißverständnis erklären! Weshalb geniert man sich denn oder worauf wartet man denn? „Heraus mit Eurem Flederwisch!” Es ist jetzt über ein Jahr her, daß die Delegation ihre Entscheidung abgegeben hat. Auch die „allmählichste” Entwicklung muß doch irgendwann einmal einen Anfang haben! Also wann wird man daran gehen, die Abschaffung der Pronominaltabelle oder die Änderung der Pluralendung — einzuführen? I wo, so unbe­scheiden ist ja kein Mensch! Nur endlich einmal mit Ernst zu diskutieren? — Nun, Samenhof hat in Dresden bereits eine jedem Einsichtigen genügende Antwort darauf gegeben:

„Verzeihen Sie mir das unerquickliche Thema, das ich an­geschlagen habe. Es war das erste Mal in der Geschichte unserer Kongresse, und es wird — hoffe ich — das letzte Mal gewesen sein.”

Man will im Kreise der esperantistischen Machthaber das Wort Reform nicht hören, handle es sich auch nur um die allerbescheidensten und allernotwendigsten Verbesserungen der Sprache. Und alle die Phrasen von eventueller „Auch – Reform­bereitschaft” sind nichts als Sand in die Augen der Dummen, um die gutgläubige Masse bei der Fahne zu halten. Das „Funda­mento” ist und bleibt „unanrührbar für immer”, mag auch die ganze Bewegung daran scheitern! Sic volo, sic jubeo; stat pro ratione voluntas. Und darum unterdrückt man mit List und Ge­walt alles, was innerhalb der Esperantistenschaft sich an reforme- rischen Gelüsten regt, und hält die treuen Schäflein der Gefolg­schaft in möglichster Unkenntnis über die Reformfrage in dem

überaus naiven Glauben, eine Kulturerscheinung wie die er­strebte Weltsprache mit Machtmitteln zum Siege führen zu können.

Und damit kommen wir wieder zurück auf den Punkt, den wir vorher einstweilen verließen:

3. Ist ein Aufschub der Reformen tunlich?

Die ganze Frage, inwiefern es später einmal erlaubt sein würde, Änderungen und Abstellungen der vorhandenen Ubel- stände vorzunehmen, wenn die Regierungen der Hauptstaaten dem Esperanto »durch besonderes Gesetz« ein sicheres Leben garantiert haben — diese Frage ist völlig gegenstandslos. Denn je länger, desto sicherer bricht sich bei allen kühl und nüchtern denkenden Freunden der Weltsprachebewegung die Ein­sicht Bahn, daß keine Regierung der Welt jemals daran denken wird, dem Esperanto zu offizieller Existenz zu verhelfen, ehe man es ihr nicht in einer Gestalt unter­breitet, die wenigstens von wesentlichen konstitutiven sprachtechnischen Mängeln frei ist und seine Brauch­barkeit für alle Anforderungen internationalen Sprach- verkehrs außer Diskussion stellt. Ehe aber nicht die Re­gierungen sich der Sache annehmen und dafür sorgen, daß die Weltsprache in den Schulen gelehrt wird und daß alle die maß­gebenden Dokumente des internationalen Verkehrs, wie Zolltarife, Statistiken, Staatsverträge etc., in dieser Weltsprache veröffentlicht werden, wird auch aller Propaganda-Erfolg auf gewisse enge Grenzen beschränkt, die Zukunft des Esperanto eine höchst un­sichere bleiben. Schon deshalb, weil die große Masse der Menschen sich einer Mühe, wie sie das Lernen einer neuen Sprache bedeutet, erst dann unterzieht, wenn sie unzweideutig vor Augen sieht, daß dieselbe offizielle Geltung hat und ihre Kenntnis dem Lernenden praktische, greifbare Vorteile schafft.

Die Auffassung der Esperantisten und die der Reformer steht sich gegenüber wie die eines Ramschbasars und die eines soliden Geschäftshauses. Ersterer bildet sich ein, alles mit Tamtam und Reklame machen zu können; er meint, wenn es ihm nur schnell gelingt, große Massen des Publikums in seinen Laden zu ziehen, so habe er die solide Konkurrenz schon totgemacht und ver­tröstet die Käufer, die sich über mangelhafte Ware beklagen, auf spätere Zeiten, wenn er erst das Monopol haben werde. Das Publikum aber bedankt sich für so zweifelhafte Wechsel auf die Zukunft und geht lieber zu der soliden Firma, die aus alter kaufmännischer Erfahrung weiß, daß das wichtige nicht das Anlocken, sondern das Festhalten der Kundschaft ist, daß hierfür aber auf die Dauer nicht die Mätzchen der Reklame, nicht Bluff und Schaumschlägerei ausschlaggebend sind, sondern einzig und allein gute und preiswerte Qualität der Ware. Darum hat die Propaganda und Massenwerbung nicht entfernt den Grad von Wichtigkeit, den die Espe­rantisten ihr zuschreiben. Die sorgsame sprachtechnische Ausgestaltung der Sprache geht ihr unbedingt und unter allen Umständen vor. Denn so viel ist sicher: mit dem Augenblick, wo der Welt eine Kunstsprache vorliegt, die wirklich nach allen Seiten hin einwandfrei ist, ist eine be­sonders intensive und raffinierte Propaganda für diese gar nicht mehr nötig; sie setzt sich dann gewissermaßen von selbst durch und braucht keinerlei Konkurrenz mehr zu fürchten, geschweige denn zu bekämpfen. So lange aber die propagierte Sprache noch offenkundige Mängel hat, wird man auch mit der wuchtigsten Propaganda wohl einige Zehntausende oder meinetwegen Hundert­tausende unkritischer und begeisterter Schwärmer anlocken können, aber nun und nimmer die ausschlaggebenden Mächte des Kulturlebens, von deren Beteiligung doch schließlich der Sieg unserer Sache abhängt.

Die Esperantisten erklären mit Vorliebe, das Esperanto sei ja heute bereits längst »eine lebende Sprache,« ebenso gut, wie viele Nationalsprachen, die auch nicht über mehr Angehörige ver­fügten, und beklagen sich, wenn Gelehrte sich, zwar allen Ernstes mit dem Baskischen, Ladinischen und sonstigen kleinen Sprachschnitzeln befassen, das Esperanto aber ignorieren oder ihm direkt die Anerkennung als lebende Sprache versagen. Immer wieder der Aberglaube an die alleinseligmachende Kraft der »großen Ziffer!« Man vergesse doch nicht, daß auch die kleinste und unbedeutendste Natursprache stets eine Territorial-oder mindestens eine Stammes-Sprache ist. Das bedeutet, daß sie wenigstens für einen gewissen Kreis von Menschen eine Zwangssprache ist, in die das Kind hineingeboren wird, die es als Muttersprache erlernt, ohne darum zu wissen oder gefragt zu werden, die es lernen muß als unerläßliches Hilfsmittel des täglichen Lebens. Das Esperanto aber ist, solange es nicht staatlich als internationale Offizialsprache adoptiert ist, auch bei der größten Anhängerzahl stets auf den Idealismus und guten Willen einsichtiger Menschen angewiesen, die in jeder Generation von neuem freiwillig sich seiner Erlernung unterziehen. Es kann daher von jedem Wind­hauch der Massengunst, von jedem unvorhergesehenen Zwischen­fall wieder vernichtet werden, solange ihm nicht ein internationaler Akt der Regierungen eine legale Existenz sichert.

Wie wenig die Menge sogenannter Anhänger irgend eine Gewähr für die Zukunft der Bewegung bieten, das ist doch wohl durch nichts deutlicher ad oculos demonstriert worden, wie durch das Schicksal des Volapük, das mit seinen äußerlichen Er­folgen schon vor 20 Jahren ebenso weit war wie heute das Es­peranto. Und doch haben alle diese Erfolge nicht verhindert, daß es hilflos und rettungslos zusammenbrach, nachdem sich die sprachtechnische Unvollkommenheit ergeben hatte, daß kaum ein oder zwei Jahre nach dem Höhepunkte der Be­wegung die ganzen stolzen Hunderttausende von »Trägern der Bewegung” wie vom Erdboden verschwunden waren. — Aber die Geschichte ist ja bekanntlich dazu da, daß man nichts aus ihr lernt!

Die Zukunft der Bewegung.

Ich bin am Ende meiner Ausführungen.

Ich lasse dahingestellt, ob orthodoxe Esperantisten sich durch sie wollen belehren lassen oder nicht. Ich habe ja schon oben bemerkt, daß bei deren Verhältnis zu »nia kara lingvo« und «nia glora majstro« die Gemüts- und Gefühls-Impulse viel zu sehr vorherrschen, als daß durch bloßen Appell an den Verstand ein wesentlicher Erfolg erhofft werden kann. Aber darauf kommt es auch gar nicht so sonderlich an. Wir halten uns an den alten Wahlspruch der Hanse: »Mein Feld ist die Welt«; will sagen: die esperantistische Organisation in allen Ehren, — aber sie ist doch im Verhältnis zur Gesamtheit derjenigen Menschenmassen, die erst noch gewonnen werden müssen, so bescheiden, daß es wirklich nicht übermäßig wichtig erscheint, ob aus ihr nun einige Hunderte oder Tausende zur Reform übergehen. Mögen diejenigen, denen für ihre Anwendung der Sprache durch Unter­haltung im Esperantoverein und Lektüre einiger Esperantojournale das alte Esperanto genügt, in Gottes Namen bei ihm verharren. Was wir aber von ihnen verlangen, das ist, daß sie denen Ge­rechtigkeit widerfahren lassen, deren linguistisches Gewissen höher ausgebildet ist; daß sie nicht gehässig diejenigen, die in Wirk­lichkeit durch eifrige und erfolgreiche Arbeit die Weltsprache­bewegung ihrem Ziel wesentlich näherführen, als böswillige Zer­störer der großen gemeinsamen Sache zu brandmarken suchen, und ihnen womöglich niedrige Motive persönlicher Natur unterschieben. Im übrigen wenden wir uns vor allem an das große Publikum, insbesondere an den weiten Kreis derjenigen, die bisher von der Weltsprachebewegung nichts wissen wollten, weil sie mit berechtigter Skepsis dem Esperanto noch nicht die

Fähigkeit zutrauten, den Ansprüchen einer internationalen Hilfs­sprache zu genügen. Wir werden ja sehen, wer von beiden Rivalen auf die Dauer die Gunst der Öffentlichkeit erringt. Mir ist noch kein Mensch vorgekommen, der, wenn er bisher beiden Dialekten gleich fern stand, sich für den alten und gegen den reformierten erklärt hätte; und ich glaube, es dürfte den Esperantisten recht schwer werden, einen solchen ausfindig zu machen. —

»Aber wie denkt man sich denn nun den weiteren Fortgang der Bewegung?«, könnte ein Bedenklicher fragen. »Bei einer der­artigen Gestaltung der Dinge kann es doch leicht dahin kommen, daß die beiden Dialekte andauernd nebeneinanderherlaufen; und es wäre doch eine Absurdität, eine Weltsprache einzuführen, bei welcher von vornherein zwei verschiedene Dialekte um die Herr­schaft ringen.«

Sehr richtig. Aber es ist auch selbstverständlich, daß dieser Zustand nur vorübergehender Natur ist. Darüber sind wir uns doch wohl alle klar, daß von einem Sieg, von einer endgültigen Sicherung der Weltsprachenidee erst dann die Rede sein kann, wenn die Regierungen der wichtigsten Kulturstaaten — (eine allein wird schwerlich in einer Sache von so weittragender Bedeutung ohne Fühlungnahme mit den anderen isoliert Vor­gehen) — sich zu der Idee bekennen und ihre praktische Realisie­rung in die Hand nehmen; das wurde schon oben gezeigt. Nun liegt es auf der Hand, daß keine Regierung sich zu einem solchen Schritte entschließen wird, ohne die Angelegenheit vor­her sorgsam nach allen Richtungen hin geprüft zu haben, und zwar namentlich auch unter sprachtechnischen Gesichtspunkte. Man wird zweifellos Fachkommissionen namhafter Linguisten einsetzen, welche ihr Gutachten darüber abzugeben haben, ob erwartet werden kann, daß ein Versuch in dieser Hinsicht glückt oder ob bestimmte Eigenschaften der zu adoptierenden Hilfssprache ein Mißlingen befürchten lassen. Diese Vorsicht wird um so sicherer gewahrt werden, wenn zwei verschiedene Dialekte der Welthilfssprache ihre Dienste dafür anbieten. Ich selbst bin nun ja der Überzeugung, daß, ehe dies geschieht, das Esperanto inner­halb der Weltsprachenbewegung nur noch die Rolle spielen wird, wie heute im praktischen Leben das Hochrad seligen Angedenkens, das man als frühere Stufe der Entwicklung wohl als historisches Kuriosum schätzt, praktisch aber nicht mehr verwendet; indessen sollte auch diese Ansicht zu optimistisch sein, — darüber kann aber wohl kein Zweifel herrschen, daß, wenn ein Sprachwissen­schaftler zwischen dem primitiven und dem reformierten Esperanto zu entscheiden hat, seine Wahl ohne jedes Schwanken auf das Letztere fällt. Und sogar dann, wenn dieses ihm etwa noch weiter verbesserungsbedürftig erscheinen sollte, dürften die ge­wünschten Verbesserungen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in der Richtung zum Esperanto zurück, sondern in der entgegen­gesetzten Richtung, weiter von ihm fort liegen. Bezeichnend dafür ist ein Aufsatz des Professors Dr. A. Rothenbücher, des namhaften Linguisten der Berliner Universität, in Nr. 318 des „Tag4′ vom 26. September 1908.’ Dort heißt es:

»Nachdem man in Dresden so herrliche »Erfolge« des seltsamen Sprach Ungeheuers erlebt hat und selbst an den preußischen Kultusminister Holle mit der Bitte herangetreten ist, das Esperanto in den Schulen einzuführen, scheint es einmal an der Zeit, die nichtphilologischen von äußeren Erfolgen umnebelten Anhänger und die der Sache fernstehenden Behörden über die Mängel dieses künstlichen, aller historischen Entwicklung lebender Sprachen Hohn sprechenden Gebildes aufzuklären.”

Folgt Aufzählung der bekannten Unvollkommenheiten des Alt-Esperanto. Dann fährt der Autor fort:

»Aber man soll das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Die Idee einer Weltsprache … hat für Handel und Industrie gewiß große Vorzüge, wenn ein solches IJiom auch für Verse unbrauchbar ist. Vielleicht ließe sich durch Verbesserungen, durch Beseitigung einiger Mängel das Espe­ranto allgemein brauchbar gestalten.

Einen ersten aber sehr wichtigen Schritt dazu hat Samenhof selbst schon iin Januar 1894 getan. In seinem Journale »Esperantisto« veröffentlichte er ein Reformesperanto:

1. Keine Konsonanten mit Zirkumflex

2. kein Artikel

3. Plural der Substantive auf -i

4. Akkusativ wie Nominativ

5. die wunderlichen Relativa, Demonstrativa, Indefinita sind verschwunden

6. keine Flexion des Adjektivs

7. alle deutschen, englischen, slavischen Stämme sind durch romanische, d. h. internationale ersetzt.

Den Spuren dieser, von des gutmütigen Samenhofs Anhängern leider nicht akzeptierten Reform ist nun, allerdings nicht energisch genug, die Pariser Kommission für Einführung einer internationalen Hilfssprache gefolgt. Sie hat ein reformiertes Esperanto unter dem Namen „Ido” geschaffen. Dazu haben Beaufront und Dr. Couturat ein international-deutsches Wörterbuch herausgegeben. Der deutsche Satz: »Die guten Mütter lieben die schönen Kinder”, heißt auf Esperanto: »La bonaj patrinoj amas ia belajn infanojn«, auf Ido: »La bona patrini amas la bela infani”. »Das ist schon ein be­deutender Fortschritt.”

Also der erste und m. W. bisher einzige Fachmann, der sich seit Erscheinen des Reformesperanto zur Weltsprachenfrage ge­äußert hat, ein ganz unparteiischer, der Bewegung fernstehender Gelehrter, bezeichnet das Esperanto als ein „seltsames Sprach- ungeheuer”, während er das Reformesperanto als „bedeutenden Fortschritt” anerkennt und nur bedauert, daß die Reform noch nicht energisch genug gewesen ist!

Falls aber wirklich in dem einen oder anderen Punkte eine Rückwärtsrevidierung der Reform empfohlen werden sollte, — etwa aus taktischen Gründen, um eine Einigung zwischen beiden Dialekten zu erleichtern,” — so dürfte der Ausgleichspunkt, auf welchem Re­formisten und Orthodoxe sich zu treffen hätten, für erstere höchstens 10 % nach rückwärts, für letztere mindestens 90 % nach vorwärts liegen, wenn nicht die Sprache ostentativ verschlechtert werden soll. Mit anderen Worten: Wenn der orthodoxe Esperantismus nicht bis dahin — wie ich allerdings überzeugt bin — längst von selber gestorben ist, so wird er sein Ende dadurch finden, daß beim endgültigen Sieg der Weltsprachenidee bei den ausschlaggebenden Stellen er entweder ignoriert oder aber zu einer Art von „Fusion” mit der ILO genötigt wird, die nicht viel mehr als eine maskierte Form seiner Unterdrückung ist.

Man hätte es anders haben können, wenn die verantwortlichen Personen und Organe der Esperanto-Bewegung nicht im ent­scheidenden Momente vollständig versagt hätten. Die Delegation war zu loyalstem Entgegenkommen bereit, sofern man sich auf esperantistischer Seite nur geneigt erklärte, überhaupt in unver­bindliche Verhandlungen mit ihr über die wenigen ihr als un­erläßlich erscheinenden Grundprinzipien der Reform einzutreten. „Aber der große Moment fand ein kleines Geschlecht!” Das hochmütige Bewußtsein: „Wir haben die Macht und lassen uns nicht durch „flankaj personoj” unsere Kreise stören” verblendete die verantwortlichen Träger der Esperantismus dermaßen, daß sie die zu fruchtbarer Zusammenarbeit gebotene Hand zurückstießen und die Delegation zur Flucht in die Öffentlichkeit zwangen. Heute, wo die siegreichen Fortschritte der Reformbewegung unzweideutig zutage treten, wo die stürmisch bejubelte Erklärung des »Meisters« in Dres­den: „Jetzt ist alles schon längst wieder still geworden. Wir können über diese Vorgänge ruhig zur Tagesordnung übergehen« als eine verhängnisvolle Vogel-Strauß-Politik erwiesen hat, dürfte wohl schon manchem der Intransigenten vor seiner Gotähnlichkeit bange geworden sein. Aber jetzt ist es zu spät. »Was Du vom Augen­blicke ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück«. Die Parole: »Los von Warschau« ist einmal ausgegeben. Und so wird Esperanto siegen, nicht dank, sondern trotz der Esperantisten.

ANHANG:

Das „Dichten“ in Esperanto.

Ich kann diese Zeilen nicht abschließen, ohne eines be­sonders greulichen Unfugs zu gedenken, durch den sich das Esperanto vor allen andern Weltsprachprojekten auszeichnet. Ich meine das äußerst beliebte »Dichten« in Esperanto, resp. Übersetzen nationalsprachlicher Dichtungen. Es muß einmal nachdrücklich nicht nur ausgesprochen, sondern auch begründet werden, daß und warum eine künstliche Hilfssprache für lyrische Dichtung und dergl. grundsätzlich unbrauch­bar ist.

Zunächst muß man sich gegenwärtig halten, daß das ganze System einer solchen Sprache darauf aufgebaut ist, daß sämtliche Wörter (mit verschwindenden Ausnahmen) ihren engeren Wort­sinn erst durch die grammatikalischen Endungen erhalten. Sämt­liche Wörter des Esperanto zerfallen sonach in ungefähr siebzig verschiedene Endungsklassen, die zugleich Sinngruppen sind. Das Reimen im Esperanto ist demnach jeweils beschränkt auf solche Wörter, die unter sich zu der gleichen Sinnklasse ge­hören. Es kann also zunächst ein Hauptwort nur auf ein Hauptwort, ein Verbum nur auf ein Verbum, ein Adjektiv nur auf ein Adjektiv, ein Adverb nur auf ein Adverb, Zahlwörter, Verhältnis-, Umstandswörter und dergl. aber, von einigen wenigen abge­sehen, überhaupt nicht gereimt werden. Ja, mehr als das! Es kann auch ein Akkusativ nur auf einen Akkusativ, ein Partizip Aktivi Präsentis nur auf ein solches, ein Indikativ Imperfektivi Aktivi nur auf ebensolchen etc. gereimt werden. Noch weiterl Man kann auf ein Adjektiv, das den Sinn hat, eine Neigung aus­zudrücken (z. B. von kredi, glauben, kredema, leichtgläubig) nur ein solches reimen, das ebenfalls eine Neigung ausdrückt (etwa mensogema, verlogen); auf ein Hauptwort, das einen Ort be­zeichnet (z. B. kuirejo, Küche, von kuiri, kochen) stets wieder nur eins, das einen Ort bezeichnet (etwa pregejo, Kirche, von pregi, beten) usw. Man begreift ohne viel Nachdenken, eine wie uner­trägliche Eintönigkeit und Bewegungsenge des Gedankens -damit geschaffen ist, die kein noch so begabter Dichter auf die Dauer überwinden kann.

Ich weiß wohl, daß es einige Ausnahmen gibt, sofern eine kleine Anzahl Wörter in ihrer nun einmal gegebenen internationalen Form zufällig auf eine grammatische Endung reimbar sind, z. B. carlatano, divano, kadeto, diskreta, ekzemplero, kanono, salono, kalendaro, okulo etc. Aber Samenhof hat diese Wörter planmäßig auf ein Mindestmaß beschränkt, und wo es sich irgend machen ließ, lieber die Wortstämme verstümmelt, um ihr Ausgehen auf eine grammatische Endung, zwecks Vermeidung von Mißverständ­nissen, zu vermeiden (z. B. kameno statt kamino, cigaredo statt cigareto). Diese wenigen Ausnahmen bestätigen daher nur die Regel.

Dazu kommt aber nun noch ein anderes schwerwiegendes Moment: Die Esperantosprache betont grundsätzlich und aus­nahmslos die vorletzte Silbe. Das bedeutet für die Dichtung, daß nur trochäische Reime möglich sind. Jambische Reime sind fast einzig und allein durch Reimen der Personalpronomina untereinander erzielbar, was denn auch weidlich ausgenutzt wird, ohne jedoch den prinzipiellen Mangel tilgen zu können. Eine Lyrik mit lauter trochäischen (zweisilbigen) Endreimen wirkt aber nicht nur gleichfalls unsagbar eintönig, sondern macht auch jeden inneren Rhythmus eines Gedichts, jeden eindrucksvollen Strophenbau unmöglich. Und dieses sind Momente, welche die lyrische Wirkung kaum minder beeinflussen, wie der Reim. Ge­sungene Verse, besonders wenn sie sich bekannten Melodien an­passen sollen, sind in korrekter Form überhaupt kaum herstellbar. Denn keine Melodie kann ständig auf den jambischen (einsilbigen) Endreim verzichten.

Um nun diesen unerläßlichen Anforderungen der Lyrik einigermaßen nachkommen zu können, wird in der esperantistischen Lyrik in schauerlichster Weise mit Apostrophen gearbeitet. Man reimt z. B. »Per vinbera fort’ — Kontrau iu sort’“ d. h. forta auf sorto! Oder (in Vers 4 des Goetheschen »Ich hab mein Sach auf nichts gestellt“): for, kor(o), restad(i), kamarad(o). In der Übersetzung von Kerners »Wohlauf noch getrunken ..« sind von 20 Endreimen nicht weniger wie 16 durch Apostrophierung her­gestellt, ungerechnet die, zur Erzielung des Metrums, noch innerhalb der Verszeilen vorgenommenen. — Nun sind Wort­abkürzungen selbstverständlich in allen lebenden Sprachen voll­kommen erlaubt und möglich, und fallen höchstens, wenn sie im Übermaß gebraucht werden, als unkünstlerisch auf. Im Esperanto aber gibt, wie oben bemerkt, die Endung dem Wort überhaupt erst seinen Charakter. Ein apostrophiertes »san’“ kann sowohl heißen: die »Gesundheit“, wie »gesund“, wie »gesund sein”; »parol“: das »Wort” oder »sprechen” oder »mündlich«. Mit der grammatischen Endung streiche ich also just das wesentliche und maßgebende Moment am Worte fort. Und das ist schlechter­dings unangängig. Das Fundamento gestattet demgemäß auch nur die Apostrophierung des -o. Aber in diesem Punkte tritt man das heilige Buch mit Füßen: „Reim’ dich oder ich fresse dich”.

Aber selbst wenn wir vom Reime ganz absehen, so bleibt auch das Dichten an sich in einer Welthilfssprache — mindestens auf lange Zeit hinaus — bedenklich; und zwar aus dem ein­fachen Grunde, weil eine solche Sprache (wenigstens zunächst) keinerlei Gefühlscharakter hat und nur auf rein logische Wiedergabe des gedanklichen Begriffs zugeschnitten ist, weil ihr demzufolge völlig und absolut die poetische Ausdrucks­weise und Phraseologie fehlt, die für eine Dichtung auch bescheidenster Art unerläßlich ist. Wenn ich etwa den Satz »Eine einsame Zähre netzte ihr die fahle Wange“ übersetzen muß mit »Eine alleinige Träne machte ihre blasse Backe naß”, so wirkt das nicht poetisch, sondern hochgradig lächerlich. Wenn ich sage: »Mit gramvollem Antlitz und umflortem Blick wandelte er rastlos durch die einstmals so trauten, nun öden und düsteren Ge­mächer“, so suggeriere ich dem Leser eine ganz bestimmte Ge­mütsstimmung. Wenn ich dagegen sage: »Mit verdrießlichem (cagrena) Gesicht und krepartigem (krepo der Flor) Sehen (rigardo) ging er unruhig durch die früher so gemütlichen, jetzt wüsten (dezerta) und dunkelen Stuben (appartementoj),» so ist mit einem Schlage jede Stimmung zum Teufel.

Also, um zum Schluß zu kommen: Man mag harmlose unterhaltende Erzählungen, Lustspiele und dergl. oder Über­setzungen solcher veröffentlichen! Dagegen ist nichts einzuwenden. Auch Dramen in denen die Stimmung und die event. Tragik mehr oder weniger ausschließlich auf reingedanklichem Wege erzeugt wird, mag man in einer Kunstsprache wiedergeben können: Hamlet, den Kaufmann von Venedig, Nachtasyl, Sodoms Ende etc. Aber das lyrisiche Dichten lasse man gefälligst bleiben, und das Übersetzen nationaler Lyrik und lyrische Dramatik ebenso. Schon um in einer nationalen Sprache — die grundsätzlich doch dieselbe reiche Fülle von Ausdrucks- und Nuancierungs­Mitteln hat, wie eine andere — eigentliche Dichtungen einer fremden Nationalsprache wiedergeben zu können, bedarf es nicht eines „Übersetzers”, sondern eines „Dichters”, der die Dichtung — oft in notwendig freiester Weise — nachdichtet, und dichterische Naturen sind die Chefs der heutigen Esperanto­bewegung insgesamt weiß Gott nicht. Wenn man uns aber poetische Meisterwerke, wie Iphigenie, Faust, Tasso, die Braut von Messina, Wilhelm Teil u. dergl., in Esperanto „übersetzt” vorsetzt, so ist und bleibt das, mag die Übersetzung noch so ge­schickt „angefertigt” sein, nach meiner Ansicht eine Geschmack­losigkeit, deren sich kein anderes Weltsprachenprojekt bisher schuldig gemacht hat und die der Weltsprachenidee bei allen ernsten und kritischen Köpfen nur schaden kann.

Nachbemerkungen zu Abschnitt II, 2 und 6.

Die „anheimelnden“ oj und uj.

Zur Rechtfertigung der oj, uj etc. haben die Esperantisten jetzt neuerdings noch ein besonders tiefgründiges Moment erdacht: Sie führen an, daß diese aus dem Russischen stammenden Laute den Russen besonders »anheimelten«; eine Weltsprache müsse aber, um die Angehörigen aller Nationen für sich zu gewinnen, für jede Sprachgruppe etwas, das sie besonders anheimele, enthalten! — Ich weiß wirklich nicht, ob man derartiges ernst nehmen soll. Nach dieser Logik wäre nicht zu verstehen, warum Samenhof nicht auch das englische Lispel-th, die französischen Nasallaute, die polnisch-czechischen Nießlaute und die Schnalzlaute der Hottentotten in sein die »kara lingva« hineingebracht hat. Überdies aber übersieht dieses spaßige Argument die drastische Tatsache, daß die oj und uj dem eigentlichen Russen, der keine westeuropäischen Sprachen kennt, um keine Spur »russischer« »anheimeln«, als jeder beliebige andere Laut des russischen Alphabets. Oder glaubt man vielleicht, ein biederer deutscher Reichsbürger empfinde das ch und au als in höherem Grade »deutsch« und »anheimelnd«, wie meinetwegen das f oder m, nur deshalb, weil viele nichtdeutsche Völker das ch und au nicht oder nur schwer aussprechen können? »Im Auslegen seid ihr munter. Legt ihr nicht aus, so legt ihr unter!« Diese kläglichen Versuche, offenkundige Mängel des Esperanto nachträglich gewaltsam in tiefdurchdachte und wohlbeabsichtigte Feinheiten der Sprache umzudeuten, beweisen psychologisch schlagender als alles Raisonnement, daß man im esperantistischen Lager für Vernunftgründe und nüchterne Zweckmäßigkeitserwägungen einfach unzugänglich ist und die Weltsprache nicht als ein durch wissenschaftliche Zusammenarbeit zu lösendes Problem, sondern als eine bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigende Festung behandelt.

Inhaltsverzeichnis der Orginalveröffentlichung

1).

I. Die Entstehung der Krise 3

II. Die wesentlichen Mängel des Esperanto und die Reformen der Delegation.

1. Die Akzente 8

2. Die aj und oj 12

3. Die »tabelo de pronomoj« 15

4. Der Akkusativ 18

5. Unklarheit der Wortableitung 21

6. Unzureichende Internationalität der Wortstämme 22

II. Der Orthodoxismus der Esperantisten und seine Gründe.

1. Agitatorische Massenwerbung statt wissenschaftlicher Prüfung . . 30

2. Konservative Tendenz als natürliche Stimmung der Massen … 35

3. Der Aberglaube an den Sieg als eine Machtfrage 37

4. Die angebliche Schwersprechbarkeit des Reformdialektes …. 39

5. Logische Unklarheit als »Vorzug” des Esperanto 41

6. Die Furcht vor der «Schraube ohne Ende” ._47

IV. Die Weltsprache nicht Schöpfung eines einzelnen Genies.

1. Der wissenschaftliche Charakter des Weltproblems 51

2. Der heutige Stand der Lösung der Aufgabe 53

3. Die allmähliche Annäherung an das Ziel 65

4. Die „Erfolge” des Esperanto 68

V. Das Fundamento netuŝeb1a und seine Interpretation.

L Samenhofs Vorrede zum »Fundamente” 72

2. Was „darf“ am Esperanto eventuell später einmal reformiert werden ? 77

3. Ist ein Aufschub der Reformen tunlich? 82

VI. Die Zukunft der Bewegung 85

Anhang: Das „Dichten« in Esperanto 90

Nachbemerkungen zu Abschnitt II, 2 und 6: Die „anheimelnden” oj und uj 94