Das Klavier ins Feuer!

Philipp Sonntag

Das Klavier ins Feuer!

Zur Hölle mit den künstlichen Sprachen. Nur – was ist künstlich?

Das ICI „Berlin Institute for Cultural Inquiry“ (www.ici-berlin.org) sieht sich als ein Garant für Ästhetik bei feinen Diskussionen über Kultursprachen. So am 23. Februar 2016 beim Treffen zu „Mehrsprachiges Europa“. Alle „natürlichen“ Sprachen galten als wertvoll im Sinne der Kultur, auf der sie beruhen. Eine „Plansprache“ wurde hingegen als „künstliche Sprache“ verurteilt, da könne sich „der lebendige Mensch“ nicht wohlfühlen.

 Aber was ist künstlich? Entscheidet das etwa der Mensch durch sein Verhalten? Zum Beispiel indem er sich mit einer Art „Globalesisch“ ein künstliches, primitiv vereinfachtes – und vieles vereinfachendes – Englisch zurechtlegt?

Ist Esperanto schon im Ansatz etwas ganz anderes, als so eine Art künstliches Globalesisch?

 Durchaus freundlich hörte man auf dem Treffen unserem Esperantisten Dipl.-Ing. Peter Kühnel zu, der kurz veranschaulichte, wie man sich politisch bis individuell in Europa besser vertragen könnte, wenn die nationalen Polarisierungen und Spannungen endlich mal durch eine neutrale Sprache verringert würden – am besten eine Sprache eben, die sich längst im Alltag bewährt und präzisiert habe. Die Reaktion waren eher ratlose Gesichter. Es war nämlich vorher deutlich auf das Unheil durch das Vordringen von Englisch hingewiesen worden, Motto wir brauchen mehrere, natürliche Sprachen. Nur die würden jede für sich ganze Eckpfeiler von europäischer Kultur bereitstellen und so ein kulturelles Gebäude ermöglichen. Eine „künstliche“ Sprache wäre da doch nur ein weiteres Ärgernis.

Ganz entsprechend waren die Vorträge durchaus Prachtstücke demonstrierter hoher europäischer Kultur und Geistigkeit gewesen: Zum Genießen vor allem Barbara Cassin auf Französisch, Tullio De Mauro auf Italienisch und Jürgen Trabant auf Deutsch. Die Feinheiten wurden von vielen im Publikum „ansatzlos“ registriert. Die Zuhörer waren nämlich vor allem Sprachwissenschaftler, sie konnten jubeln, schon bevor die Übersetzer das soeben Gehörte nochmal aussprechen könnten.

Die erklärten Ziele des ICI sind ähnlich wie bei Esperanto: Die Kulturen (amerikanisch: civilisations) sind im vernichtenden Kampf gegeneinander, das ist seit Samuel Huntingtons Buch „Clash of Civilisations“ in der Politik schon „quasi amtlich“ geworden. Das ICI will nun erkunden, wie es gelingen könnte, die Kulturen zu einem „produktiven Miteinander“ zu veranlassen. ICI fächert breit auf, was alles bei der menschchlichen Gesellschaft als Kultur verstanden werden soll. Darum kümmern sich im Wesentlichen europäische Sprachwissenschaftler. Sie kommen aus vielen Ländern und setzen sich engagiert für eine gelebte Vielfalt europäischer Kultur ein. Das mit seiner Terminologie sich laufend ausbreitende „globale Englisch“ bezeichnen die Sprachwissenschaftler abwertend als Globalesisch, siehe auch Jürgen Trabant: „Globalesisch oder was? Ein Plädoyer für europas Sprachen“ (C. H. Beck Verlag, 2014).

Und Esperanto bleibt außen vor? Ich diskutierte nach dem Ende der Veranstaltung mit einer Sprachwissenschaftlerin. Wo wurde sie bei meinen Argumenten besonders aufmerksam? Das geschah an zwei Punkten, welche die angebliche Künstlichkeit von Esperanto betreffen.

Ein Punkt hatte mit der Macht über die Auswahl von Sprachen zu tun, inklusive der Folgen. Mein Beispiel war die Sicherheitspolitik. Ich meinte, diese sei durch die natürlichen Sprachen in eine gefährliche Sackgasse geraten. Im Kalten Krieg nämlich fand ich in USA bei den Experten fast niemand, der halbwegs brauchbar russisch konnte. Die Russen verwendeten in den Verhandlungen über die Atomrüstung zwar notgedrungen Amerikanisch, aber nur mit sichtbarem, geradezu demonstrativem Widerwillen. Versuche mit Französisch waren ein Fiasko. Tatsächlich hätte Esperanto die bei weitem natürlichste menschliche Begegnung ermöglicht. Es hätte vielleicht sogar dazu beitragen können, die Sackgasse der Abschreckung im Kern aufzulösen.

Was dann half, war eine besonders primitive Plansprache, nämlich eine Kombination der Programmiersprache Algol mit mathematischen Eskalationsmodellen für Atomraketen. So bekamen die Experten heraus, wie sie gemeinsam hoch eskalations-gefährdet waren und ein gemeinsames (!) Interesse an einer Rüstungsbegrenzung hatten. Das gelang nur mit einer großen Anstrengung, durch Amerikaner, Russen, uns Deutsche und ein paar weitere. Es gelang durch gemeinsame Betrachtung der Modelle auf Pugwash Konferenzen und weiteren Treffen. Also: primitive Plansprache, große systematische Mühe. Ich erinnere, wie es damals 1967 in ganz Hamburg nur einen einzigen Computer gab, an der Universität, auf dem man diese Modelle rechnen konnte und ich musste mir ein Zimmer ganz nahe am Computer-Gebäude mieten, um dort nachts meine Lochkarten einzugeben.

Ein weiterer Punkt betraf die grundlegende Frage: was eigentlich ist „künstlich“? Ist etwa die Anklage gegen Esperanto künstlich? Zum Vergleich: Ich meinte, das Singen sei natürlich, hingegen alle die so genial konstruierten Musikinstrumente seit 30.000 Jahren seien doch trotzdem im Vergleich zum Singen so schrecklich künstlich, dass es schier unerträglich sein müsse, sich „Musikstücke“ mit Instrumenten anzuhören. Vollends absurd sei also, in solcher Musik eine Kultur zu vermuten. Allein schon die schwarzen und weißen Tasten eines Klaviers verraten den künstlichen, mechanischen, krass hart unrunden, geradezu maschinellen Charakter des Klaviers. Ins Feuer mit dem Klavier!

Über Roland Schnell

Eo ekde 1969, aktiva ekde 1974.
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Eine Antwort auf Das Klavier ins Feuer!

  1. Auch ich empfinde das Thema Künstlichkeit, wenn es mit einer Computer-Tastatur usw. übermittelt wird, als abstrus. Ansonsten kann man natürlich überlegen, wieviel Zeit auf die Gegner zu verwenden ist, wenn Künstlichkeit das wesentliche Argument gegen Esperanto ist. Dabei gewinnt man zwar vielleicht ein ganz klein wenig – aber viele lassen sich nicht überzeugen. Sprache ist eben doch was Besonderes, kann man dann m. o. w. hören…

    Vielleicht ist auch nötig, ganz genau herauszufinden, was mit „Künstlichkeit“ gemeint ist, s. u. Vielleicht verstehen wir das falsch, weil wir uns einfach nicht vorstellen können, was für absurde Ideen über Esperanto in Umlauf sind. (Ich vermute, dass wir selbst im „Tal der Ahnungslosen“ sind, was das Ausmaß des Falschwissens der Esperanto-Gegner anbetrifft.)

    Ich rege ein bisschen an, dass wir uns nach Möglichkeit um die Bereiche bemühen, wo wir ganz gute Chancen haben – das ist all das, was die Gegenseite über Esperanto offensichtlich falsch im Kopf hat. Manche denken z. B. irrtümlich, Esperanto hätte nur dann Sinn, wenn es alle sprächen – da gilt es das heutige Esperanto-Leben zu zeigen. Andere glauben, Esperanto würde nicht mehr oder abnehmend gesprochen – das Internet zeigt, dass dies ein Irrtum ist. Manche glauben, es gäbe keine Esperanto-Bücher, keine Kultur – das sollten wir zeigen.

    Ein Problem ist, dass die anderen nicht freiwillig sagen, was sie alles von Esperanto zu wissen glauben – ein netter Trick ist es, den/die andere/n zu bitten, einfach mal fünf Minuten lang alles zu erzählen, was er oder sie von Esperanto weiß. Dabei erfährt man manches, was man selbst über Esperanto noch gar nicht wusste 😉 – wie etwa in diesem Artikel, den der Yale-Professor Shyam Sunder mit Stella Fearnley geschrieben hat. http://faculty.som.yale.edu/shyamsunder/research/accounting%20and%20control/published%20articles/131.global%20reporting%20standards%20esperanto/standards-esperantopub.pdf Esperanto ist eben eine „failed language“ – falls die Leser hier das noch nicht wussten 😀

    Hier folgt die Falsch-Einschätzung aus Yale: „Languages are alive with words with their meanings continually entering, evolving and becoming obsolete. Development is bottom-up, driven by users of language, not top-down, controlled by lexicographers. Esperanto failed because its promoters ignored the fundamental nature of language in their search for uniformity.“ Falls unter den Lesern einige es noch nicht wussten – vor dem Nutzen eines Wortes immer bei den Lexikographen des Esperanto anfragen! Esperanto ist ja sooo anders als andere Sprachen…

    Dass in Wahrheit auch in Esperanto neue Wörter in Gebrauch kommen, sich entwickeln und dann wieder weniger benutzt werden, dass die Nutzer die Sprache bestimmen, nicht die Lexikographen – das wissen die Autoren des Artikels (und deren Informanten) offensichtlich nicht. Und wenn die beiden das veröffentlicht haben, dann ist das Problem auch den Referenten und den Herausgebern nicht aufgefallen… Vermutlich haben wir hier eine Stichprobe von mindestens zehn Leuten im Wissenschaftsbereich, die bereit waren, den Text so zu akzeptieren.

    Wie heißt es so schön? 🙂
    „Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden,
    als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.“
    Hamlet, 1. Akt, 5. Szene, Hamlet, William Shakespeare

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