Onkel Max mag Apfelstrudel

Am 11. Mai 1916 brachte die „Grazer Mittags-Zeitung“ im Feuilleton auf Seite 2 einen Text von Max Josef Metzger, der von der Kinderzeitschrift „ Oesterreichs Kinderkreuzzug“ übernommen und mit „Gott befohlen, Euer Onkel Max“ unterschrieben war.
Er hatte den Titel: Das Plauderstündchen beim Onkel.

Der „Allgemeine Tiroler Anzeiger“ vom 23. November 1916 (Seite 4) meldet in einer kleinen Notiz, dass Metzger auch persönlich Vorträge von Kindern als „Onkel Max“ hielt.

Das Plauderstündchen beim Onkel.

Heute, ihr lieben Neffen und Nichten, wollen wir mal zusammen vom Essen plaudern. Wenn ich euch jetzt, ihr alle, die ihr um mich herum sitzt, fragen würde, was ihr am liebsten esset, da bekäme ich wohl so verschiedene Antworten, als ich Köpfe sehe! Pudding und Kartoffelklöße und Apfelküchlein und Kalbsbraten und Schokoladetorte und Zwiebelkuchen und Polentaschmarren und …

so wirbelt es durcheinander von euren frischen Kinderstimmen, und am ärgsten schreit der Hans durch die ganze Gesellschaft: Apfelstrudel !

Nur nicht so laut, lieber kleiner Hans, und auch nicht so schnalzen mit der Zunge, es müsssn’s nicht alle hören und sehen, wie dir das Wasser im Munde zusammenläuft!

Was der Onkel am liebsten ißt? Das ist eine neugierige Frage, vorwitziges Mariechen?

Ich will sie dir aber doch beantworten, obwohl ich schon sehe, wie ihr alle verwundert eure Köpfchen schüttelt: Nicht was mir am besten schmeckt, sondern was mir am besten bekommt!

Milch und Brot und Mehlspeisen, Reis und Mais, Gemüse und Obst, das ist mir am liebsten.

.Und Apfelstrudel?“

Aber Hans, wie kann man nur so vorlaut sein! Natürlich auch Apfelstrudel, denn das ist auch eine Mehlspeise, die gesund und zuträglich ist. Jetzt hört mal alle aufmerksam zu! Es gibt ein Sprichwort, das heißt: Der Mensch lebt nicht, um zu essen, sondern er ißt, um zu leben.“

Da steckt viel Weisheit darin. Es gibt viele Leute, (auch manche kleine Schleckermäulchen gehören schon dazu, merk’s, Hans!), die scheinen in der Tat nur zu leben, um zu essen Wenn man sie sieht, so sind sie immer beim Essen oder beim Trinken. Wenn man sie hört, wovon sprechen sie?

Natürlich vom Essen. Das ist das einzige, wofür sie Interesse haben. Wer so lebt, um zu essen und zu genießen, der wird natürlich ein Feinschmecker, der immer nur „feine“ Sachen mag. und immer feinere. Und dabei verdirbt er sich den Geschmack mit all den Dingen, die zwar fein schmecken, aber dem Körper sehr schlecht bekommen. Da trinken´die Leute feine Weine, und was bekommen sie?

Eine rote Nase. Und Fleisch essen sie den ganzenTag, Braten und Geflügel und weiß Gott was alles. Und was haben sie davon? Verdorbenes Blut und eine schlechte Leber und Niere und mit der Zeit Krankheiten aller Art Oder das Bier schmeckt“ ihnen so gut. und was ist die Folge?

Ein Bierbauch, den sie herumschleppen müssen, daß sie einen dauern mögen, wenn ihnen bei jedem wärmeren Tag die größten Schweißtropfen von der Stirn herunterrollen und wenn sie kaum mit Mühe einen Berg hinaufkeuchen können . . . Oder jene feine Dame, die von einem Doktor zum andern geht? Was hat sie? Ach. sie hat immer nur Zuckersachen und Süßigkeiten geschleckt und nie etwas ordentliches essen mögen.

Und jetzt tut der Magen nicht mehr mit. sie ist krank

… Ja der Mensch soll nicht leben, um zu essen. Versucht er es aber doch, so hat es bald mit dem gesunden Leben und dem behaglichen Wohlsein ein Ende.

Man ißt. um zu leben. Das muß so sein. Da hat einmal einer gemeint, es sei doch eine langrocil

7? Sache, jeden Tag ein paarmal sich an den Tisch zu setzen und Speisen hinunterzuschlucken.

Und er hat es einmal versucht, ob es nicht ohne das Essen geht. Aber das ist ihm übel bekommen.

Er hat es zwar viel länger ausgehalten, als ihr glaubt Wie lang meinst du denn. Anton, daß man leben kann, ohne etwas zu essen? Einen Tag!“

Ja ich glaube, du brächtest es kaum einen halben Tag fertig! Nein, dieser Mann, der einen starken Willen hatte, der hat es ein paar Wochen lang zustande gebracht, hat nur ein bischen Wasser jeden Tag getrunken, sonst aber nichts zu sich genommen. Aber dann wurde er mager und immer magerer, und leichter und immer leichter, und schließlich wurde er so schwach, daß er in Gottes Namen wieder zu essen anfangen mußte. Alfa, es geht nicht anders: Man muß essen, um zu leben.

Warum denn wohl? Was glaubt ihr? Nun schaut, das hat der iiebe Gott wunderbar eingerichtet. Ihr wißt alle, der menschliche Körper besteht aus Kopf. Hals Leib, Armen und Beinen. Und im Leib drinnen sind das Herz, die Lunge, der Magen, die Leber, die Niere, die Gedärme, und im Kopf das Gehirn. Und durch den ganzen Körper hindurch ziehen die Adern, welche das Blut in die letzten Teile des Körpers hindurchpressen, und die Muskeln, welche Fuß und Arm und Finger bewegen können. Und vor allem geht hindurch ein wunderbares Netz von Telephondrähten. die im Gehirn zusammenlaufen, wie im Hauptpostamt, das sind die Nerven.

Und wenn man noch tiefer zusieht, so besteht jeder Körperteil, .jeder kleinste Nerv und jeder Muskel und jeder Blutstropfen aus ganz erstaunlich kleinen und feinen Zellen, die zu vielen Hunderten zusammen den Körper ausmachen. So eine Zelle ist für sich allein schon ein Kunstwerk, das von Gottes Größe und Weisheit erzählt. Me fem« leine Zelle, die so winzig ist. daß man sie nur

im Vergrößerungsglase währnehmen kann, besteht doch iowder aus Zcllkörperchen mit der Zellenmasse und aus der Zellenhaut, die jede Zelle um schließt. Diese unzähligen kleinen Zellen leisten große Arbeit im menschlichen Körper. Wie die Heinzelmännchen. so unmerkbar aber fleißig schaffen sie. Wenn man zum Beispiel einen einzigen Schritt machen will, was müssen die einzelnen Zellen zusamenarbeiten, daß man aufrechtbleibt und

nicht umfällt, daß man den Fuß Heben und wieder niedersetzen kann! Da schwirrt es durch den ganzen Körper hindurch von Befehlen durch all die Telephondrähte. Zuerst an den einen Muskel: zusammenziehen! Dann an den andern: wieder los lassen! Dann an den dritten: rechts anziehen! Und an den vierten: links! Und so weiter in einem fort mit einer unglaublichen Schnelligkeit, damit man nur das Bein heben kann und nicht umfällt.

Und dann müssen die Heinzelmännchen an dauernd Tag und Nacht heizen und Wärmen, daß der Körper nicht kalt wird, denn sonst wird er starr und steif: tot?

Aber diese kleinen Zellen schon können nicht arbeiten, ohne zu essen. So klein sie sind, so wer

den sie eben doch noch kleiner und magerer, wenn sie auch nur einen Tag nichts zu essen bekommen haben. Wenn sie heizen sollen, so muß man ihnen auch Kohlen dazu liefern, wie dem Ofen, der auch nicht brennen kann, wenn man nichts zu,, heizen hat. Aber wie meint ihr. deß d‘?s? kleinen Zellen ernährt werden können? Wer weiß das?

Ganz richtig. Josef, du hast doch schon was in der Schule gelernt! Das besorgt das Blut. Zu diesem Zwecke preßt das Herz den ganzen Tag hindurch und selbst nachts, wenn man schläft, ununterbrochen das Blut durch den Körper hindurch.

Da ist ein geschäftiges Getue. Die Millionen Blutkörperchen tragen alle auf ihre Schultern in Winzig kleinen Säckchen die feinen Nahrungsstoffe, und schon warten all die vielen Zellen mit Sehnsucht darauf, etwas von der süßen Last abzubenehmen. Aber sie lassen das Blut nicht leer weiter gehen. So manches, was sie nicht brauchen konnten, das haben sie schon bereit gehalten und laden es den Blutkörperchen wieder auf. Und die tragen es zurück, um es nachher aus dem Körper hinaus zuschaffen Das muß alles flink vonstatten gehen. Denn das Blut hat Eile. Es muß wieder zurück zum Herzen, um den Kreislauf wieder von vorn beginnen zu können . . .

Aber woher nimmt denn das Blut die Nahrung für die Zellen?“ Ganz recht gefragt! Da sind wir jetzt auf dem Punkt, von dem wir ausgegangen sind: Das Blut nimmt seine Nahrung aus all

den Speisen, die wir essen. Im Magen werden sie alle vorbereitet, zerhackt und zerstampft und auf

gelöst. bis sie fein genug sind, daß das Blut sie für die Zellchen brauchen kann. Seht, welch ein wun

derbar:? Bau, was für ein herrliches Kunstwerk ist doch der menschliche Körper, daß der gescheitere Künstler es dem lieben Hergott nicht im mindesten nachzumachen versteht.

:1öer was für Speisen kann nun der Magen für die Zellen brauchen? Roßnägel und Kieselsteine die liegen schwer im Magen“, mit denen wird der Magen nicht fertig Er lir nicht also andere Speisen, die er verarbeiten kann. Darüber ein andermal. Für heute ist’s zu spät, diese in teressante Frage zu beantworten. Also auf Wiedersehen das nächste Mal. ,

Gott ‚befohlen! Euer Onkel Max.

(Aus der Zeitschrift Oesterr. Kinderkreuzzug“.)

Bücherschau.

Prostitution, Geschlechtskrankheiten und deren Bekämpfung (Zeit- und Streitschriften, Nr. 1).

Von Univ.-Prof. Dr. Ude. 2. Auflage. 30 Pf. – 40 K. Verlag „Volksheil“, Graz, Bischofplatz

Nr. 1.

Alkohol und Unsittlichkeit (Zeit- und Streitschriften, Nr. 2). Von Univ.-Prof. Dr. Ude. 4. Aufl. 15 Pf. – 20 H. Verlag „Volksheil-„, Graz, Bischofplatz 1.

Das Völkersterben des 20.. Jahrhunderts (der NeoMalthusianismus) (Zeit- und Streitschriften, Nr. 3). Von Univ.-Prof. Dr. Ude.2. Aufl. 15 Pf. – 20 k. Verlag „Volksheil“, Graz, Bischofplatz 1.

In diesen drei wirkungsvoll ausgestatteten und billigen Broschüren, welche die Zeit- und Streitschriften des Verlages Volksheil eröffnen, wird wohl zum.erstenmal auf katholischer Seite in der Öffentlichkeit mit solcher Wucht der Tatsachen und der Sprache das furchtbare Problem behandelt, an dem heute kein Volksfreund mehr vorübergehen kann. Wohl sagt ein geflügeltes Wort, daß es heute anständiger ist, etwas Unanständiges zu tun, als «davon zu reden“, allein meines Erachtens ist gerade «dieser Standpunkt daran schuld, daß sich die Unsittlichkeit in allen Formen in so erschreckender Weise breitmachen durfte. Und da erheischte die Stunde «Mich ein so deutliches und freimütiges Wort, wie es Professor Ude gesprochen hat. Kein Zweifel: wer diese Broschüre gelesen hat, dem sind die Augen geöffnet für die furchtbarsten Nöte der Gegenwart, dem ist aber auch das Herz warm geworden, daß er miteintritt in das Heer der Kämpfer für eine neue Sittlichkeit, ein gesünderes und besseres Volk der Zukunft. Möchten die drei Hefte von allen wahren Freunden des Volkes in Massen verbreitet werden ein verdienstlichere und notwendigere Tat gibt es gegenwärtig kaum.

Dr. Max Josef Metzger.

GMZ 1916 05 11 Onkel Max aus Kinderkreuzzug.pdf